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Hi an alle Fanfic-Schreiber und Doujinshi-Zeichner da draussen!^^ Bruno
hat für euch niedergeschrieben, wie er eine Geschichte entstehen
lässt. Also unbedingt lesen! ~^.^~ Vielen Dank im Voraus! Und nun wünsche ich euch eine Menge Spass beim Lesen! =^_^=
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Entstehung einer Manga-Story
Ein Versuch
Bruno Cotting
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Filme und Bücher über Genies haben mich immer fasziniert. Jedes Mal hoffte ich, etwas über den kreativen Prozess zu erfahren, der zu ihren grossartigen Werken geführt hat. Nach einem Bach-Werk hast du das Gefühl, das Universum begriffen zu haben. Mozart montiert dir ein paar Flügel an die Seele und schickt dich als Sommervogel durch die Luft. Beethoven fesselt dich mit seiner Ehrlichkeit an ein Brett und verfrachtet dich auf den Rücken einer Tsunami. Sokrates ist ein Fitnessprogramm für geistige Beweglichkeit, weil er jede fixe Idee solange zerfrägt, bis sie nur noch Staub ist. Kafka packt deine Albträume im Genick und spiesst sie übersichtlich auf eine Tafel wie Insekten. Samuel Beckett führt dich dort hin, wo die Welt der Sprache unter deinen Füssen zerbröckelt, bis du gelernt hast, im Nichts zu stehen.
Und jedes Mal war ich enttäuscht, denn die Bücher und Filme gaben keine Antwort auf meine Frage, wie denn solches zustande kommt. Also liess ich meinem Gehirn ein paar Füsse wachsen, zog ihnen Socken an und machte mich auf dieselben, um es selber rauszufinden.
Von Bach habe ich wohl am meisten gelernt. Er half mir, die festgefügten Sprachgewohnheiten, Floskeln, Klischees aufzubrechen. Eine Form des von ihm angewandten Kontrapunktes ist das nebeneinander Führen verschiedener gleichwertiger Stimmen. Obwohl jede Stimme eigenständig vor sich hin dudelt, verzwirbeln sie sich wie ein Seil und enden im Ohr als Klangstrang. Bach versuchte sich mal mit einem Stück, welches 16 solcher Stimmen enthielt. Das habe ich leider noch nie gehört, aber ich denke, irgend wann fängt das Chaos an.
Jedenfalls leuchtet es ein, dass das Kombinieren von Melodien eine gewaltige Vielfalt eröffnet. Verglichen mit bloss einer Stimme. Nehmen wir also an, die übliche Sprache sei diese eine Stimme und versuchen wir nun, sie mit drastischen Mitteln aufzubrechen, um an die Rohdiamanten neuer 'Klangstränge' zu gelangen.
Dazu 'komponieren' wir einen einfachen Kontrapunkt aus drei Stimmen. Nehmen wir dazu ein herziges Klischeebild als Ausgangsmaterial:
Klischee: Der junge Mann hilft der alten Frau über die Strasse.
Was für ein netter Kerl, Dummerweise hat er eben einen kleinen Laden überfallen und dem Ladenbesitzer den Schädel eingeschlagen. Die Polizei rennt schon rum und der Mann benutzt die alte Frau zur Tarnung. Was für ein fieser Hund.
Versuchen wir jetzt, in den Klischeesatz mehr 'Wahrheit' reinzubringen. Dabei schreiben wir auf, was in diesem Moment alles 'wahr' und wichtig ist.
1. Stimme: Der junge Mann hilft der alten Frau über die Strasse.
2. Stimme: Das Blut des aufgeplatzten Schädels bedeckt den Boden.
3. Stimme: In der Kasse war kaum Geld, verdammt!
Nun versuchen wir, daraus wieder einen 'Klangstrang' zusammen zu dröseln:
Neusatz: Der blutige Mann hilft der verdammten Frau
über die aufgeplatzten Schädel der Strasse.
Keine Angst, wir machen keine esoterische Gespensterdichtung. Dies ist nur eine Übung zum Aufbrechen von Sprachzwängen. Also weiter:
Neusatz: Die alte Frau geht mit dem aufgeplatzten
Schädel des Verdammten über die Strasse.
Oder:
Neusatz: Ohne Geld gleitet das ungleiche Pärchen
über das Blut der Strasse.
Ändern wir die Spielregeln und machen wir einen Kontrapunkt aus zwei Stimmen. Die erste Stimme beschreibt jeweils, was geschieht. Die zweite Stimme erzählt, was die Person denkt oder fühlt.
1. Stimme: Der Mann sieht den Polizeiwagen vorfahren.
2. Stimme: Wenn ich losrenne, bin ich geliefert.
Neusatz: Der Mann will nicht in den Lieferwagen
der Polizei.
1. Stimme: Der Mann sieht, wie die alte Frau sich nicht über die verkehrsreiche Strasse traut.
2. Stimme: Sie wird mich beschützen... Mutter.
Neusatz: Der warme Arm der alten Frau wird ihn
über die Strasse tragen.
1. Stimme: Der junge, gut aussehende Mann ergreift den Arm der alten Frau mit den Worten 'Kann ich helfen?'.
2. Stimme: Oh... Das Herz der alten Frau schlägt höher.
Neusatz: Das 'Kann ich helfen?' des jungen
Mannes ergreift das Herz der alten Frau.
1. Stimme: Lächelnd drückt sie seinen Arm und wagt den ersten Schritt.
2. Stimme: Jetzt kann mir nichts passieren... Ihr wird so warm.
Neusatz: Still wagt sie den ersten Schritt ins
Lächeln.
1. Stimme: Behutsam geleitet er die lächelnde alte Frau auf die Strasse.
2. Stimme: Das Bild des aufgeplatzten Schädels, dessen Blut sich auf den Boden ergiesst, lässt ihn nicht los.
Neusatz: Unter ihren Schritten fliesst behutsam
das Blut des lächelnden aufgeplatzten Schädels.
Wenn ihr nur die Neusätze lest, hört ihr die Musik der neuen Sprache. Das Ziel der Übung ist aber nicht diese gestelzte und schwer verständliche Poesie. Obwohl ich das einmal geglaubt und Dutzende von Seiten mit derart konstruierten Neusätzen gefüllt habe. Die Belohnung für solche Mühsal ist geistige Lockerheit. Es ist ein kreatives Prinzip, sich intensiv auf ein auszudrückendes Gefühl zu konzentrieren, um dann nach den Wörtern zu grapschen, die seiner Beschreibung dienen. Ohne dabei den alten Klischeeformulierungen auf den Leim zu gehen. Geistige Lockerheit meint, diese Wörter zuzulassen, gerade wenn sie sich zu Neuem und Befremdlichem formieren wollen.
Das Büffeln von Theorien macht euch bestimmt genau so viel Spass wie mir. Also schlage ich vor, darauf zu verzichten und eine Geschichte zu schreiben. Den theoretischen Klimbim können wir in schmerzfreien Dosen zwischen durch verabreichen.
Stürzen wir uns Kopf über ins Abenteuer einer neuen Geschichte. Wie finden wir ein Thema, einen Inhalt? Natürlich können wir uns ein Thema von 'aussen' heran tragen lassen, so wie die Lehrkraft den Titel des Aufsatzes vorgibt. Ich mach's umgekehrt und schöpfe mein Thema von 'innen'. Welche Idee und Gefühle erscheinen bedeutsam genug, um eine Geschichte zu rechtfertigen und auch zu tragen? Es sind Ideen, die du über Jahre entwickelt hast, Gefühle, die immer wieder kommen.
Eines nachts, die Strassen waren leer, spazierte ich im Regen. Die Tropfen schlugen auf meine Kapuze und, wie so oft, stieg ein seltsames, unpassendes Gefühl der Wärme und Geborgenheit empor. Alle Leute jammern bei Regen und fühlen sich depressiv und ich Perversling geniesse ihn.
Kunst ohne Nutzen ist Kacke im Quadrat. Deshalb bemühe ich mich, in meine Geschichte einen gewissen Nutzen für die Lesenden reizupacken. Ich will den Leuten ja nicht die Zeit stehlen. Wäre es da nicht ein grosser Nutzen für all die Regengeplagten, wenn ich ihnen mein obszönes Gefühl vermittelte? So dass sie beim nächsten Regen, an meine Geschichte denkend, ein seltsames, unpassendes Gefühl der Wärme verspüren könnten?
Eine kleine Geschichte voll bitterer Süsse und schmerzhafter Romantik, ein Geschichtlein bloss.
Da suchte ich schon nach einem Titel, der natürlich mit Regen zu tun haben musste: 'Regen'... langweilig... Rain... genau so langweilig... französisch 'Il pleut', 'la pluie' ... schon besser...
Ich wollte den Gedanken festhalten und überlegte, wovon denn die Geschichte handeln könnte, denn mit Regnen war's ja nicht getan. Ich prüfte also wieder meine Gefühle und fand, der Regen wirke reinigend auf meine Seele. Als würde er das Dunkle abwaschen und ein Flämmlein entzünden. Ja, ich weiss, Regen kann kein Flämmlein entzünden, aber denken wir an die geistige Lockerheit und lassen den Gedanken zu. Denn da sind wir ja auch schon beim Geheimnisvollen und Mystischen: Regen, der die Seele reinigt und wärmt. Ein poetischer Regen fürwahr.
Und da in eine kleine Geschichte nicht zu viele Elemente reinpassen, sollte es ein Dauerregen sein. Eine Geschichte, in der es nur regnet, wie furchtbar! Und was für eine Herausforderung.
Ich hielt also fest: Ein Dauerregen, der die Menschen auf mystische Weise von ihren Widerwärtigkeiten befreit, wenn sie sich ihm lange genug aussetzen... Das zärtliche Prasseln des Regens wärmt das Herz und schafft Augenblicke der Geborgenheit, die hell leuchten im melancholischen Grau.
Aber der Titel gefiel mir nicht und der ist doch recht wichtig für die Geschichte und inspirierend. Also dachte ich über Tage immer wieder an diese Geschichte, den Regen und das eine Wort, welches die Atmosphäre der Geschichte ausstrahlen sollte.
Bis ich dieses Bild im Kopf hatte von einer Pfütze, in die ein Tropfen fällt und gleichzeitig und zufällig an Manga dachte, da machte es 'Plitsch'. Denn so würde ja wohl ein Regentropfen im Manga klingen. Und welches Wort würde wohl besser das Plitschnasse eines Dauerregens mit dem fröhlichen Plitsch eines eintauchenden Tropfens verbinden, also einen Bogen spannen vom Schmerz bis zur Freude?
Auf, auf, mit frischem Mut! Handlung, wo bist du? Bevor wir uns leichtfertig in eine Handlung stürzen, müssen wir uns überlegen, womit wir Spannung erzeugen. Ein Dauerregen ist doch wohl das Langweiligste der Welt.
Ebenso langweilig wie ein Orgelpunkt. Bei manchen Orgelstücken von Bach gibt es diesen Brummton, der so tief ist, dass dir die Bauchdecke flattert. Das ist eine andere Form des Kontrapunkts: ein lang gezogener, nur ab und zu wechselnder tiefer Ton als Fundament für die über ihm tanzenden, sich im Kampf um Aufmerksamkeit umschlingenden helleren Stimmen. Wir spüren gleichzeitig die Spannung zwischen dem ruhenden Pol und den lebhaften Stimmen sowie die Spannung unter den gleichwertigen helleren Stimmen, von denen es zwei, drei, vier geben kann. So viel Dramatik in einen einzelnen Orgelstück! Was für ein Vorbild für eine Manga-Story!
Betrachten wir also den Dauerregen als Orgelpunkt, als Fundament. Da wir nur eine kleine, vielleicht einbändige, Geschichte schreiben wollen, sollten wir bei der Anzahl der lebhaften Stimmen, sprich Figuren, zurückhaltend sein. Je mehr Figuren wir einführen, desto weniger Zeit bleibt der einzelnen Figur für ihre Charakterisierung und Entwicklung. Mangelhaft charakterisierte, schlecht ausgearbeitete Figuren gehen auf Kosen des Tiefgangs der Geschichte. Tiefgang? Ja, je mehr Tiefgang eine Geschichte hat, desto tiefer geht sie in dein Herz.
Aber welche Figuren nun sollen auf unserem Orgelpunkt tanzen? Wie sieht die Welt aus, die hier im Regen steht? Wovon werden die Figuren reingewaschen? Zwischen welchen Figuren besteht eine Spannung und welche stehen in Spannung zu dem Regen?
Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Aber das ist ganz normal. Deshalb lese ich jetzt immer wieder den 'Inhalt' durch und schaue, was mir dabei in den Sinn kommt:
Plitsch
Ein Dauerregen,
der die Menschen auf mystische Weise von ihren Widerwärtigkeiten befreit, wenn
sie sich ihm lange genug aussetzen. Das zärtliche Prasseln des Regens wärmt das
Herz und schafft Augenblicke der Geborgenheit, die hell leuchten im
melancholischen Grau.
Als Zeichen ihrer Widerwärtigkeit könnten die Leute ja schwarz sein, um dann allmählich weiss zu werden. Aber stellen wir uns vor, unsere Geschichte wird in Afrika gelesen... Die Schwarzen dort werden sich wohl ziemlich doof vorkommen. Ausserdem wollen wir ja keinen Werbespot für Waschmittel schreiben.
Trotzdem ist es das Wesen der Poesie, Bilder zu gebrauchen. Wenn ihr also eine gute Idee habt, Widerwärtigkeit 'abwaschbar' darzustellen... Her damit!
Keine Idee, wie diese Welt aussehen könnte und was die Leute darin tun? Ich denke, eine poetische Welt sollte in diesem Fall keine genaue Kopie dessen sein, was wir täglich erleben. Gestatten wir uns doch eine kleine Verfremdung, Entrückung vom Alltag. Schliesslich wollen wir ein starkes poetisches Bild schaffen, das genug Kraft hat, uns an einem Regentag zu wärmen. Der Nutzen heiligt die poetischen Mittel.
Die Welt darf aber auch nicht zu weit entrückt sein, sonst verlieren wir den Bezug und die Betroffenheit.
Plitsch
Ein Dauerregen,
der die Menschen auf mystische Weise von ihren Widerwärtigkeiten befreit, wenn
sie sich ihm lange genug aussetzen. Das zärtliche Prasseln des Regens wärmt das
Herz und schafft Augenblicke der Geborgenheit, die hell leuchten im
melancholischen Grau.
Ein guter Trick, wenn wir nicht weiter kommen, ist es, den Inhalt im Hinerkopf zu behalten und zu leben. Leben wir jetzt ein bisschen und schauen, ob etwas hängen bleibt, was wir brauchen können. Bis in einundzwanzig Stunden...
Hallo, da bin ich wieder und eingefallen ist mir gar nichts. Ist auch besser so, weil wir dadurch zu schnell voran geschritten wären und ihr 'es' gar nicht mitbekommen hättet. 'Es' ist nämlich eine kreative Methode, die nicht nur aus Warten besteht.
Ich versuche den Inhalt von 'Plitsch' in der Teigschüssel meines Bewusstseins zu halten. Klingt monströs, meint aber bloss: daran denken. Dann suche ich in meiner Umgebung einen Gegenstand: eine Faser meines Rattan-Tischchens; die rot-weiss gestreifte Krawatte des kleinen, herzigen Frosches, der auf einem Herzchen sitzt und mit gefalteten Händen seine Geliebte anzuhimmeln scheint; der Kirchturm; der Dunst, der sich zwischen den Hügeln verkriecht; das abgerundete Ende einer Fahnenstange, das aussieht, als habe jemand eine Semmel aufgepiekt.
Versuchen wir es mal mit dieser Semmelspitze. Das Verfahren geht so: Wir 'ziehen' diese Semmelform in unser Bewusstsein, wo wir sie angemessen vergrössern, und denken gleichzeitig an den Inhalt von 'Plitsch'. In der Teigschüssel des Bewusstseins mischen wir also den Teig 'Plitsch' mit der Semmelform und schauen, ob der Teig sich dieser Form anpassen lässt bzw. die Form sich dem Teig anpasst. versucht es mal und schaut, was dabei heraus kommt. Wir treffen uns in fünf Minuten...
Bei mir ergibt sich ein schwarzer Hintergrund, vor dem ein grosses, mittelalterlich anmutendes Haus steht, dessen Wände aus Holzbrettern gefügt sind und dessen Dach eine grosse semmelförmige Pergamenthülle zu sein scheint, welche in warmem Gelb von innen heraus leuchtet wie ein ausgehöhlter Kürbis mit Kerzenlicht. Schalten wir nun noch den Dauerregen ein, haben wir schon eine erste Szenerie, die wir auf ihre Tauglichkeit hin überprüfen können.
Was soll diese Semmlerei? Das ist ja unerträglich! Will der uns verarschen? Wo bleibt da das Genie?
Warum wohl gibt es so viele Leute mit überragender Intelligenz und so wenige 'Genies'? Erstens weil viele geniale Leistungen von der Öffentlichkeit gar nicht bemerkt und anerkannt werden. Und zweitens weil geniale Gedanken eher zufällig sich in einem Hirn bilden und kein zwangsläufiges Ergebnis überragender Intelligenz sind.
Intelligenz ist nämlich nicht so 'intelligent', wie sie klingt. Intelligenz ist nichts weiter als Verwechslung. Durch unser 'unscharfes' Denken sind wir in der Lage ein ungelöstes Problem mit einem gelösten zu verwechseln. Wenn du dich in der Quantenphysik fragst, wie wohl die Fäden der Strings angeordnet sein müssen, um dies oder das zu erklären. Dann könnte es sein, dass dein forschendes Auge am Sonntagmorgen auf den duftenden Butterzopf fällt. Bei dem hat jemand die Teig-Strings (Verwechslung!) auf besondere Weise miteinander verflochten. Und plötzlich ist dir sonnenklar, wie du deine Strings verwursteln musst, damit sie dies und das ergeben. Du hast die Zopflösung per Verwechslung auf die Quantenphysik angewandt und bist jetzt ein Zopf... äh... ein Zufallsgenie.
Obwohl ich für Mathematik definitiv zu blöd bin, möchte ich behaupten, dass es in der Quantenphysik nicht anders zu geht, als beim Zopfbacken. Die heilige Ehrfurcht vor dem Genie leidet zwar ziemlich unter dieser Sicht der Dinge. Anderseits brauchen wir uns auch nicht mehr so doof zu fühlen, bloss weil uns der Zufall keine geniale Verwechslung ins Osterkörbchen gelegt hat.
Nachdem wir gesehen haben, dass Genies hinter jedem Butterzopf wachsen, wollen wir uns frohgemut dem Handwerk des Verwechselns widmen.
Der schwarze Hintergrund, vor dem ein grosses, mittelalterlich anmutendes Haus im Dauerregen steht, dessen Wände aus Holzbrettern gefügt sind und dessen Dach eine grosse semmelförmige Pergamenthülle zu sein scheint, welche in einem warmen Geld von innen heraus leuchtet wie ein ausgehöhlter Kürbis mit Kerzenlicht.
Die Tauglichkeitsprüfung für die Elemente unserer Geschichte erfolgt sehr subjektiv aufgrund unserer persönlichen Erfahrung.
Mittelalterlich-mystisch ist ja ganz schön und mächtig in Mode, aber ich verstehe nichts vom Mittelalter und von Mystik, also lasse ich es lieber. Ich möchte mich nicht dabei ertappen, ein 'Herrchen der Ringlein' geschrieben zu haben.
Ist das Haus damit gestorben? Nicht so hastig, denn immerhin hat es eine faszinierende Architektur. Wir könnten ihm doch etwas Zeitgemässes oder Zukünftiges hinzu fügen, um es aus dem Mittelalter zu holen. Eine Telefonleitung... oder verwechseln wir es doch mit einem Zeppelin. Ein fliegender Semmel. Das Leuchten hinter der Pergamenthülle wäre eine neuartige Kraftquelle, welche das Gas aufheizt und unser Luftschiff zum Fliegen bringt.
Komm wieder auf den Boden! Du fliegst ja sonst aus der Geschichte hinaus. Ein Luftschiff bedeutet Aufbruch und die Suche nach irgendwas in irgendwo. Also das Gegenteil von dem, was wir wollen. Denn die Leute sollen nicht vor dem Dauerregen fliehen, sondern sich mit ihm auseinander setzen.
Die letzte Chance für das Luftschiff besteht also darin, dass es nicht mehr fliegen kann, dass es gestrandet ist. Und zwar an diesem befremdlichen Ort mit diesem düsteren Dauerregen, der einen in den Wahnsinn treibt...
Huch, was schreibe ich da von Wahnsinn? Unser todlangweiliger Orgelpunktregen ein Wahnsinnigmacher? Der Gedanke ist übrigens nicht sehr originell, denn viele Leute würden sagen 'Dieser Regen macht mich noch wahnsinnig', ohne es zu meinen. Aber wenn wir die banale Alltagsdramatik übertreffen wollen, sind wir gezwungen, etwas zu übertreiben. Wir nehmen also diesen Spruch für bare Münze und schauen, was geschieht.
Wenn der Regen einerseits wahnsinnig macht, anderseits reinigt, dann ist er trennscharf wie ein Rasiermesser. Die einen treibt er in den Wahnsinn, die anderen werden erlöst.
Wenn dir unser Vorgehen etwas chaotisch erscheint, so hat das durchaus Methode. Unsere geistige Lockerungsübung zu Beginn ermöglicht uns jetzt, jeden Gedanken mit Freundlichkeit zu empfangen, ihn an unser Lagerfeuer zu bitten und ihn mit grosser Aufmerksamkeit zu betrachten. Es braucht nur etwas Mut, sich in dei Gedankenfluten zu stürzen und eine Portion Selbstvertrauen, dass wir immer wieder zurück finden zu unserer Geschichte.
Lassen wir uns also einfach mal treiben vom Gedanken, dass unser Oberlangweiler Dauerregen plötzlich ein rasiermesserscharfer Grat ist, der die Leute nach links in den Wahnsinn wirft oder nach rechts ins Paradies, je nach dem wie sie mit ihm umgehen. Kein langweiliges Monster, das mit seinem üblen Atem die Atmosphäre verpestet, sondern das Monster in dir selbst, das dir zu schaffen macht.
Hu, jetzt müssen wir aber schauen, wo wir geblieben sind. Schnell noch mal lesen:
Plitsch
Ein Dauerregen,
der die Menschen auf mystische Weise von ihren Widerwärtigkeiten befreit, wenn
sie sich ihm lange genug aussetzen. Das zärtliche Prasseln des Regens wärmt das
Herz und schafft Augenblicke der Geborgenheit, die hell leuchten im
melancholischen Grau.
Eine an diesem merkwürdigen Ort gestrandete Luftschiffbesatzung. Draussen der Regen, der dich in den Wahnsinn treibt oder dir stilles Glück beschert. Eine hoch dramatische Ausgangssituation. Wenn es uns jetzt noch gelingt, Figuren zu erschaffen, die darin glaubwürdig agieren, sollte es möglich sein, den Inhalt von 'Plitsch' damit umzusetzen. Es ist ja kein allzu hohes Ziel, das wir anstreben, nur den Leuten ein bisschen die Regendepressionen lindern.
Betreten wir also tapfer die Szenerie und schauen, wen wir darin zum Leben erwecken. Da ist der pechschwarze Himmel, der die unwirtliche Landschaft in Schwarz taucht, so dass nur zu sehen ist, was von dem gelben Leuchten unseres Luftschiffes erhellt wird. Die riesige Pergamenthülle mit der rätselhaften Energiequelle. Die grosse, hölzerne Kabine mit den Türen und Fenstern, als wäre sie ein gewöhnliches Haus. Wir betreten die Kabine und gelangen in einen grossen von hellem gelbem Licht erfüllten Gemeinschaftsraum, von dem verschiedene Türen weiterführen in Kajüten und andere nützliche Räume.
Bin ich zu schnell? Nun ja, wie soll denn ein Haus sonst aufgebaut sein? Über den Grundriss und die Ausstattung der Luftschiffkabine brauchen wir uns nicht viele Gedanken zu machen. Aus 'strategischen' Gründen sollten wir den Gemeinschaftsraum erfinden als Bühne, wo sich unsere Figuren begegnen können. Und da wir nicht wissen, was wir noch für Räumlichkeiten brauchen, hat es ein paar 'strategische' Türen, aus denen die Figuren auftreten und in die sie verschwinden können. Und wenn wir für eine Szene eine Küche brauchen... voilà hinter dieser Tür. Oder eine Kajüte für eine persönliche Szene... jene Tür. Und wenn wir einen magischen Augenblick brauchen in Gegenwart der rätselhaften Lichtquelle in der Pergamenthülle... dort ist der Aufgang. Nur eine Kellertür gibt es nicht. Aber dann verzichten wir halt aufs Wein holen und Leichen verbuddeln.
Die Figuren ergeben sich ganz von selbst. Wir brauchen einen Captain, einen Bordingenieur, einen Wissenschaftsoffizier, einen Arzt... Halt, Notbremse! Wollen wir wirklich 'Raumschiffchen Enterprise', die Achthunderttausendste, schreiben?
Eine Geschichte gewinnt an Kraft, je mehr Originalität sie besitzt, ohne sich all zu weit vom Erfahrungshorizont des Publikums zu entfernen. Verlässt sie diesen Erfahrungshorizont, wird sie unverständlich und lässt das Publikum kalt. Ist die Geschichte zu wenig original, wirkt sie als schwache Kopie und lässt das Publikum ebenfalls kalt.
Der letzte Satz ist völlig richtig, aber auch grundfalsch. Denn offensichtlich werden heute schwache Kopien hergestellt wie Toilettenpapier und bringen wohl auch den Hauptanteil am Umsatz. Richtig ist der Satz, wenn wir etwas Gutes und Eigenständiges schaffen wollen, einen Beitrag zur Kultur, zur Erweiterung des geistigen Horizontes also. Manga ist eine faszinierende Mischung aus Bild und Sprache, die sich vorzüglich dazu eignet, literarisch-ästhetische Werke hoher Güte zu erschaffen. Ob uns das gelingt? Lass es uns wenigstens versuchen!
Geschichten von gestrandeten Fahrzeugen sind schon oft erzählt worden. Also sind wir damit noch voll im Erfahrungshorizont. Mit der speziellen Form und der geheimnisvollen Energiequelle bewegen wir uns etwas zum Rand hin. Obwohl es solche Dinge in der Science Fiction häufig gibt, ist SF nicht gerade das täglich Brot der meisten Leute. Ein düsterer, unwirtlicher Ort ist nicht Besonderes, hingegen der merkwürdige Dauerregen schon.
Wenn wir unsere Geschichte mit Meter grossen Ameisen bevölkern, die sich in einer zirpenden Sprache unterhalten, die wir mit Hilfe von Fussnoten an jedem Panelrand übersetzen müssen... Damit würden wir uns weit aus dem Erfahrungshorizont hinaus katapultieren. Bei allem Interesse für fremdartige Kulturen, wer kann sich schon mit einer Ameise identifizieren? Dieses Ameisenprojekt müsste vielleicht mal gemacht werden als Experiment im Niemandsland des menschlichen Geistes. Aber um im Brustraum beim Anblick von Regen ein warmes Gefühl zu erzeugen, sind Insekten wohl nicht geeignet.
Die Enterprise-Besatzung ist zu banal, die Ameisen sind zu original. Was wäre denn gerade richtig? Ist es nicht so, dass jede Besatzung irgendwie banal ist, egal wie 'original' wir sie zusammen setzen? Lassen wir sie versuchsweise einfach weg. Das Schiff ist gestrandet, die Besatzung ist weg, das Schiff leer... schon ganz schön befremdlich.
Welche Figur aber tritt nun in die befremdliche Leere? Eine Alte, eine schöne Junge, ein Kind? Der alte, zerknitterte Mann, der aus einer Türe in den Hauptraum tritt, lässt mich kalt. Kommt eine junge Schönheit raus, bringt das eine erotische Komponente ins Spiel die nichts mit unserem Thema zu tun hat. Du kannst sie dir vorstellen die Klischeeszene, wo das herzige Kind im gemütlichen, keimfreien Familienfilm Augen reibend und gähnend im Schlafanzug aus seinem Zimmer tapst. Dann gibt's von Glü(klichem)paa und Glümama ein Küsschen und ein Frühstückchen und da Sonntag ist, macht die Glüfa(milie) ein spannendes Standardausflügchen, bei dem so schreckliche Dinge passieren, wie ein Softice-Klecks aufs neue Kleid von Glümama, das ihr Glüpapa eben erst zum Geburtstag geschenkt hat.
Junge oder Mädchen? Von Jungen erwarten wir, dass sie Scheiben einschmeissen, nicht aber, dass sie mit einer Situation, in der sich unser Luftschiff befindet, fertig werden. Lassen wir also ein aufgewecktes, kleines Mädchen, verschlafen und Augen reibend, aus einer Tür in die gespenstische Leere und vom Dauerregen untermalte Stille des mit hellem, gelbem Licht erfüllten Hauptraumes treten.
Wir haben nun genug Material zusammen getragen, um mit der Geschichte zu beginnen:
Plitsch
1. Panel: In der Schwärze steht ein gestrandetes
Luftschiff, das aussieht wie ein grosses, eingeschossiges, mittelalterlich
anmutendes Haus, dessen Wände und Türen und Fenster aus Holzbrettern gefügt
sind und dessen Dach eine grosse, semmelförmige Pergamenthülle zu sein scheint,
welche in einem warmen Gelb von innen heraus leuchtet wie ein ausgehöhlter
Kürbis mit Kerzenlicht. Das 'Dach' ist die Gashülle des Luftschiffes und das
Leuchten eine geheimnisvolle Energiequelle, welche das Gas erwärmen und so das
Schiff aufsteigen lassen kann. Das milde Licht entreisst der Schwärze ein
kleines Stück der unwirtlichen Landschaft. Es herrscht, bei milder Temperatur,
ein Dauerregen, der während der ganze Geschichte niemals aufhört.
Diese Erläuterungen sind nicht fürs Publikum bestimmt. Sie helfen den Zeichnenden, keine Fehler zu machen. Wenn sie nicht vorab wissen, dass es kein mittelalterliches Haus ist, zeichnen sie womöglich Holzbeigen an die Mauern und einen Kuhstall. Natürlich könnten wir jedes Detail beschreiben, das ins Bild gehört. Aber ich empfinde das als Respektlosigkeit vor der kreativen Fantasie der Zeichnenden. Wir Schreibenden liefern nur die Noten, welche die Zeichnenden mit ihrer Kunst interpretieren und erst dadurch die Musik der Geschichte erklingen lassen. Achten wir darauf, dass wir nicht mehr als die Hälfte zum Endprodukt Manga beitragen.
Das Publikum sieht also nur das altertümliche Haus im Regen und denkt 'Ah, da kommt jetzt gleich ein alter Mann im schweren Mantel mit Stock, der sich später als Zauberer entpuppt.'. Gut so, denn ein wichtiger Bestandteil der dramatischen Spannung ist die Ungewissheit. Wir legen dem Publikum Klischees als Köder hin, die es leichtfertig aufnimmt und weiter spinnt, nur um dann festzustellen, dass es nicht so gewesen ist. Wieder und wieder wird das Publikum versuchen, die Kontrolle über die Geschichte an sich zu reissen. Und wieder und wieder werden wir sie uns zurückholen. Allein dieser Zweikampf wird das Publikum so in Atem halten, dass es gar nicht auf die Idee kommt, mit dem Lesen aufzuhören.
Um diesen Kampf zu gewinnen, habe ich mir eine einfache Regel geschnitzt: Kein Routenplan, schwimm los! Jeder noch so raffiniert ausgearbeitete Storyverlauf kann durchschaut werden. Aber wenn ich selber nicht weiss, was geschehen wird, wie soll mich da jemand durchschauen? Natürlich kann die Trägerrakete einer Geschichte, die ins Ungewisse startet, dir irgend wann ins Gesicht explodieren, weil du merkst, die Geschichte ist definitiv Mist. Aber was soll's? Lieber Wunden lecken und noch Mal anfangen, als eine langweilige Geschichte in die Welt setzen.
Die Ungewissheit ist kein Selbstzweck. Sie darf nicht im Chaos enden, sonst ist das Publikum nach fünf bis zehn Seiten weg. Als Gegengewicht zur Ungewissheit nehmen wir einen kompakten Handlungsstrang. Wir setzen das Publikum in ein Achterbahnwägelchen und ziehen es auf dem Handlungsschienenstrang vorwärts. Das Bild von der Schiene will uns sagen, die Handlung muss nahtlos, das heisst ohne Spannungseinbrüche voran schreiten. Das Bild von der Achterbahn meint, wir müssen auch genug Dramatik hinein bringen, so viel, dass das Publikum gelegentlich blau anläuft, weil es vergisst zu atmen.
Versuchen wir, den Anfang unseres Handlungsstranges aufzunehmen, und sehen wir, wie er uns durch Ungewisse ans Ziel oder ins Verderben führt.
Um klar zu machen, dass der folgende Raum im 'Haus' ist, zoomen wir mit der Kamera auf die Eingangstür der Luftschiffkabine:
2: Die Eingangstüre zum Hauptraum der Luftschiffkabine steht eine Hand breit offen. Ein gelber Lichtstreifen fällt nach draussen. Der Regen prasselt bis etwa einen Meter vor der Tür auf den Boden.
3: Nun sind wir in dem grossen, von hellem gelbem Licht erfüllten Gemeinschaftsraum, von dem verschiedene Türen weiterführen in Kajüten und andere mögliche Räume. Die Ausstattung dieses Hauptraumes lässt ahnen, dass es sich hier nicht um ein Haus handelt. Mehr als eine Ahnung soll es jedoch nicht sein.
Wir wollen ja dem Publikum seine Vorurteile nicht gleich wegnehmen. Etwas Grundsätzliches: Die 'Panels', die ich hier durchnummeriere, sind keinesfalls verbindlich. Sie haben bloss hinweisenden Charakter, wie der Film etwa abläuft. Der 'wirkliche' Film aber findet im Kopf der Zeichnenden statt. Trotzdem ist diese Nummerierung wichtig für uns. Wenn wir nämlich eine Geschichte über tausend Bilder schreiben wollen, zeigt sie uns, wie weit wir schon gekommen sind, was noch drin liegt und wann wir abbremsen müssen.
Jetzt kommt der Auftritt unserer ersten Figur. Den dürfen wir nicht verpatzen. Zeit für ein paar Gedanken zu dem Charakter des Mädchens. 'Gedanken' ist vielleicht etwas viel gesagt, es ist mehr ein Gefühl. Rufen wir also dieses Gefühl in uns wach und schauen wir, welche Sätze sich um das Gefühl scharen, damit wir zu einer Beschreibung kommen.
Ich sehe ein Mädchen, vielleicht acht oder neun Jahre, mit einem staunenden, forschenden, neugierigen Gesichtchen. Ich spüre, dass es völlig keine Angst hat. Niemand hat die Saat des Misstrauens in sein Herz gesät und es damit vergiftet. In diesem Körperchen wohnt eine enorm starke Persönlichkeit. Nicht weil sie einen starken Willen besässe oder Zauberkräfte. Diese Persönlichkeit erobert sich die Welt, indem sie sie begreift und nicht, indem sie sie beherrscht.
Woher ich das weiss? Wie gesagt, es ist alles nur ein Gefühl. Ich habe mir allenfalls überlegt, dass die Szenerie, in die das Mädchen tritt, ziemlich befremdlich, unheimlich, ja beängstigend ist. Lassen wir also eine Figur auftreten, von der das Publikum glaubt, sie könne nur quengeln, zittern vor Angst und schreiend davon laufen vor Panik. Auch hier führen wir das Publikum aufs Glatteis, um ihm dann ein Mädchen vorzuführen, dessen Flügel der Fantasie noch nicht von der Biederkeit der Erwachsenen abgeschnitten worden sind. Ein Mädchen, dessen Entzücken an der Welt noch nicht ertränkt wurde im grauen Erklärungssee der erwachsenen Vernunft.
Beim Aussehen des Mädchens verlasse ich mich auf die Fantasie der Zeichnenden. Ausgenommen sind Details, die für die Geschichte wichtig sind.
4: Eine der Türen öffnet sich zögerlich.
5: Ein acht-, neun-jähriges Mädchen erscheint in der Türöffnung. Es trägt einen Schlafanzug, hat nackte Füsse und reibt sich, verschlafen gähnend, die Augen.
6: Vom hellen Licht geblendet, schaut es sich im Hauptraum suchend um.
7: Niemand da.
Was würde ein kleines Mädchen nach der Erwartung des Publikums wohl tun? Richtig, es ruft nach jemandem. Wen haben wir denn da: Mama, Papa, Onkel, Bruder? Wollen wir unsere Figur wirklich in einer seichten Familienchronik versinken lassen? Viel spannender ist doch das Ungewisse. Wen ruft das Mädchen?
8: Mädchen, ohne laut zu werden: "Hallo?"
Mag sein, dass es jetzt Zeit ist, einen Namen zu suchen, auch wenn dieser in der Geschichte noch nicht vorkommt. Es ist für uns einfacher, wenn wir nicht immer von 'dem Mädchen' sprechen müssen. Aus irgend einem, für mich völlig rätselhaften Grund kommt mir Angkor Watt in den Sinn, diese im Dschungel Asiens versunkene Stadt. Angkor ist aber wohl nicht ein guter Mädchenname. Das Wort 'Anchor', englisch Anker, taucht auf. Unser Mädchen ist ja gewissermassen ein Ankerpunkt der Geschichte. Ein weiblicher Anker: Anchora.
Zugegeben, der Name ist weder besonders hübsch noch niedlich. Aber eine gewisse Kraft scheint er doch auszustrahlen. Und da unser Mädchen ein heimliches Kraftpaket ist... Verplempern wir nicht zu viel Zeit mit Namen (Manchmal suche ich Tage land danach). Wir können ihn später immer noch ändern.
Wir halten den Anfang des Handlungsstranges in Händen, der nun nicht mehr abreissen darf. Aber wie das vollbringen? Die wichtigste Methode ist das sich Versenken in die handelnde Person. Wir schliessen die Augen und versuchen in völliger Konzentration zu verschmelzen mit Anchora. Das kann Minuten dauern, eine Stunde, manchmal gelingt es gar nicht und das Blatt bleibt leer.
Wenn wir endlich Anchora geworden sind, halten wir unsere Augen weiterhin geschlossen, um die seinen zu öffnen und zu sehen, was es sieht, zu fühlen, was es fühlt, zu denken, was es denkt.
Was erlebst du jetzt Anchora? Lass uns teilhaben. Aha, du hörst ein Geräusch, welches normalerweise nicht da ist, wenn das Luftschiff fliegt: ein Rauschen und es kommt durch die leicht geöffnete Eingangstür.
9: Nur das Rauschen des Regens, welches durch die leicht geöffnete Eingangstür dringt und die Aufmerksamkeit des Mädchens Anchora erregt.
10: Anchora tapst mit ihren nackten Füssen quer durch den Raum...
11: ... und späht durch den Schlitz der Eingangstür.
12: Mit grossen Augen sieht Anchora im Licht der Luftschiffhülle den Regen vom Himmel herab fallen.
Hier flechten wir einen kleinen Hinweis auf den Titel ein.
13: Einzelne Tropfen treffen in kleine Pfützen und machen 'Plitsch'.
Was empfindest du, Anchora? Bist du ein verwöhntes Gör, das sich schaudernd in Trockene zurück zieht? Oder bist du ein kleiner Rabauke, der Pfützen spritzen lässt und dem nassen Himmel ins Gesicht lacht? Nach langer Fahrt im Luftschiff wirst du wohl froh sein, festen Boden unter den Füssen zu haben. Und auch der Regen ist eher eine willkommene Abwechslung als eine Bedrohung deines Wohlbefindens. Also verblüffen wir auch hier das Publikum, welches wohl am ehesten auf ein verwöhntes, regenscheues Gör tippt.
14: Anchora huscht aus dem Türspalt und streckt seine Hand, noch im Schutze der vorstehenden Luftschiffhülle stehend, in den Regen, um die Tropfen zu spüren.
15: Mit zwei Schritten ist Anchora im Regen, ...
16: ... wo es die Arme ausbreitet, das Gesicht mit geschlossenen Augen zum Himmel reckt und mit weit geöffnetem Mund den Regen trinkt.
Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir uns nicht länger nur von Anchoras Eigendynamik treiben lassen können. Zu Beginn haben wir Anchora als dramatische Partnerin die seltsame, etwas unheimliche Szenerie zur Verfügung gestellt. Treiben wir dieses Spielchen zu weit, wird der Spannungsfaden reissen. Wir engagieren jetzt aber keine billigen Werwölfe, die mit glühenden Augen aus dem Dunkeln auf unser Mädchen schauen... Warum eigentlich nicht?
Wenn wir nicht wollen, dass unsere Geschichte aus dem Erfahrungshorizont des Publikums driftet, müssen wir auf Klischees zurück greifen, die wir dann gezielt abändern. Erinnern wir uns des Inhalts:
Plitsch
Ein Dauerregen,
der die Menschen auf mystische Weise von ihren Widerwärtigkeiten befreit, wenn
sie sich ihm lange genug aussetzen. Das zärtliche Prasseln des Regens wärmt das
Herz und schafft Augenblicke der Geborgenheit, die hell leuchten im
melancholischen Grau.
Warum nur Menschen? Warum sollten nicht auch Wölfe von ihrer blutrünstigen Widerwärtigkeit befreit werden? Eine gute Gelegenheit, in einer unheimlichen Szene die merkwürdige Wirkung des Regens anzudeuten. Und schliesslich: Das Mädchen und der Wolf... Was für ein herrliches Rotkäppchen-Klischee!
17: Während Rotkäppchen... äh Anchora noch den Regen trinkt, wird es von zwei glühenden Augen aus dem Dunkeln beobachtet.
Wir haben uns bereits intensiv in Anchora versetzt, um seine Impulse zu spüren. Dabei habe ich ganz vergessen zu erwähnen, dass die 'Hauptperson', in die wir uns immer und immer wieder, ja bei jedem Bild versetzen müssen, das Publikum ist. Wir setzen uns in die Ränge des Publikums und sehen, wie unser 'Film' wirkt, ... nein wir sehen es nicht, wir erleben es mit. Unser Publikumssessel darf nie kalt werden, weil wir uns selbstverliebt in unserer Geschichte verloren haben. Es ist nicht unsere Welt, die wir gestalten. Es ist die Welt des Publikums. Wir schreiben zwar die Geschichte. Wir bestimmen Figuren, Dialoge, Handlungen. Mit den Zeichnenden zusammen führen wir zwar Regie, bestimmen Kulissen, Requisiten, Licht und Schatten, das Tempo. Dies aber für das gnadenlose Auge des Publikums und nicht, um unsere Sehnsüchte nach was auch immer in Tagträumen zu befriedigen.
Wenn wir unseren Sessel im Publikum nicht kalt werden lassen, werden wir den Unmut über unsere Arbeit rechtzeitig spüren, aber auch das Mitfiebern erleben, das Lachen, die Tränen. Und es sollte uns nicht passieren, dass wir nach einem üppigen Ausflug ins Reich unserer Fantasie zurückkehren und feststellen, dass das Publikum schon längst nach Hause gegangen ist.
Wenn ich also von 'Handlungssträngen' und 'Spannungsfäden' schwadroniere, meine ich damit die spannungsgeladene Aufmerksamkeit des Publikums. Stellen wir uns eine Hand vor, die aus unserem Film, unserem Theaterstück hinaus das Herz des Publikums ergreift und so lange nicht los lässt, wie die Muskelspannung der Hand sich aus der Spannung der Geschichte speist.
Das Publikum sieht diese beiden glühenden Augen. Die noch nicht so Geübten werden denken 'Mädchen, pass auf!'. Die Erfahrenen 'Ach, so ein doofes Monster, ein Vampir, ein Drache, fehlgeschlagenes gentechnisches Experiment, eine Raubkatze, ein Kampfroboter und sobald das Mädchen angegriffen wird, wird es seinen Zauberstab-Ring-Amulett-Maskottchen aus dem Schlafanzug ziehen und... Wie langweilig!'. Die Nüchternen 'Hm, da kommt ein Auto.'.
Puh, so ein Aufenthalt im Publikum kann ganz schön an die Nieren gehen. Ein reissender Fluss aus Vorurteilen und Klischees will uns die Beine weg hauen. Bleiben wir tapfer und präsentieren wir das banalste aller Klischees, das so banal ist, dass niemand es überhaupt in Erwägung gezogen hat... unser Rotkäppchen.
Das Regen trinkende Mädchen Anchora bemerkt den Wolf nicht, der es anstarrt. Bevor wir jetzt die Begegnung der beiden Inszenieren, müssen wir uns in ein Tier verwandeln. Der Wolf ist eine handelnde Figur, die wir nicht leichtfertig als winselndes Hundi abtun dürfen, sonst verscherzen wir uns die Glaubwürdigkeit und damit die Dramatik.
Tauschen wir ein in die Persönlichkeit des Wolfes. Wie beim Hund wird er wohl die Welt vorwiegend mit Nase und Ohren erkunden. Die Augen registrieren Bewegungen und Hindernisse, schätzen Entfernungen ein, aber sie liefern nicht das 'Weltbild', wie es bei uns der Fall ist, die wir uns so sehr an Sichtbarem orientieren. Der Wolf hat ein 'Geruchs-' und ein 'Hörbild' von der Welt. Das Hörbild sagt ihm, was um ihn herum geschieht. Das Geruchsbild, wer da gewesen ist und wer neu dazu kommt. Er hat somit gleichzeitig ein Bild von der Vergangenheit und der Gegenwart. Und mit Hilfe seiner Erfahrung kann er aus Vergangenheit und Gegenwart schliessen, was in Zukunft geschehen wird.
Die Gefühls- und Wahrnehmungswelt eines Wolfes ist eben so reichhaltig wie unsere. Bestimmt hat er auch eine Sprache aus Lauten und Gesten, damit er sich seinen Leuten mitteilen kann. Es fehlt ihm nur die Schrift, mit deren Hilfe er Protokolle seines Bewusstseinsstromes anfertigen könnte. So verweht sein Wissen in der Zeit und seine begabten Mitwölfe haben nach seinem Tod keine Gelegenheit, auf seinen Erfahrungen aufzubauen.
Natürlich sind wir wissenschaftlich noch nicht so weit zu wissen, wie es in einem Wolf aussieht. Aber ein 'hohler' Wolf ist kein dramatischer Partner für Anchora. Also ist es unsere verdammte poetische Pflicht, ihn mit unserer Fantasie zu füllen.
Bei vielen Geschichten werden die Tiere mit Menschen aufgefüllt. Sie sprechen, zeigen menschliche Charaktereigenschaften und tragen vielleicht sogar einen Schlips. Versuchen wir nun, den Wolf so wolfsnah wie möglich auftreten zu lassen mit der kleinen Korrektur, dass der Regen seine blutrünstige Aggressivität, die ihn manchmal im Blutrausch ein Dutzend Schafe reissen lässt, wenigstens zum Teil 'abgewaschen' hat.
Unser durch die Nacht trabender Wolf ist gestoppt worden durch das Licht und das Mädchen, das aus der Türe gekommen ist. Vorsichtig erschnuppert er Anchoras Duft. Im Moment übertönt kein verdächtiges Geräusch das Prasseln des Regens.
Nun haben wir zwei Perspektiven. Erstens Anchora könnte die Augen sehen und darauf zu laufen. Zweitens der Wolf könnte Anchora beobachten beim Näherkommen. Indem wir dem Publikum das 'Monster' verraten, nehmen wir der Geschichte einen Teil der Spannung. Anderseits kann die Wolfsperspektive auch eine Bereicherung sein, ein faszinierendes Element, welches dem billigen Unbekanntes-Monster-Effekt vorzuziehen ist.
18: Die Augen gehören einem kräftigen Wolf, der in etwa 100 Metern Entfernung, die Nase schnuppernd im Wind, unverwandt Anchora anstarrt.
19: Wachsam wie Radarantennen suchen die Wolfsohren die Umgebung ab. Da ist nur das harmlose Prasseln des Regens.
20: Ständig schnuppernd sieht der Wolf, wie Anchora ihr Regentrinken abbricht und sich suchend umschaut.
21: Das Mädchen scheint die Augen des Wolfes entdeckt zu haben. Jedenfalls schaut es neugierig in seine Richtung.
Wie soll Anchora dem Wolf begegnen, wenn es stockfinster ist? Zum Glück haben wir unsere rätselhafte, gelb leuchtende Energiequelle. Damit lässt sich doch auch ein hübsches Laternchen bestücken. Es gibt da diese kugelförmigen Papierlampions, die an einem Stock getragen werden. Für ein kleines Mädchen wäre dies doch eine poetische 'Taschenlampe'. Um wieder einen Tupfer Originalität reinzubringen, sollte das Lampion nicht aus Papier sein, sondern aus einer Art Kunststoff, dessen Form der rätselhaften Energiequelle angemessen ist. Eine kleine Designherausforderung für unsere Zeichnenden.
Gleichzeitig gibt uns das Lichtproblem eine weitere Gelegenheit, das Publikum auf eine falsche Fährt zu locken. Da Anchora ihr Lampion nicht dabei hat, muss es zurück ins Luftschiff. Und das wird unser Publikum als angstvolle Flucht vor dem Wolf 'verstehen'.
22: Abrupt dreht sich Anchora um und rennt zurück zur Eingangstür der Flugschiffkabine.
23: Anchora hat die Tür weit offen stehen lassen und ist in der Kabine verschwunden. Wachsam beobachtet der Wolf.
Benutzen wir die Gelegenheit, um Anchora anzuziehen. Wenn wir uns nämlich kurz ins Publikum setzen und uns weitere Szenen mit einem Mädchen im plitschnassen Pyjama ansehen, dann hören wir dauernd Rufe wie 'Zieh dir was Warmes an, Kind, du erkältest dich!'. Das stört. Also verpassen wir Anchora etwas Regentaugliches.
Wie so oft habe ich keine Ahnung, was da wohl geeignet wäre... ein Hut, eine Kapuze, ein Schirm? Solange wir später keinen Schirm brauchen, um ihn jemandem über die Rübe zu hauen, können wir das ruhig den Zeichnenden überlassen.
24: Nach einer Zeit erscheint Anchora in der Tür. Es trägt nun Schuhe und regentaugliche Kleidung. In der Hand hält es einen Stab, von dessen Spitze, wie bei einem Lampion, eine gelb leuchtende Kugel herab hängt, deren Energie von der selben Art zu sein scheint wie die der Luftschiffhülle. Wieder schnuppert der Wolf, um dieses neue Bild zu begreifen.
Natürlich ist es unnatürlich, wenn ein kleines Mädchen in dunkler Nacht auf zwei glühende Augen zu geht. Aber nicht unlogisch. Anchora hat den reinigenden Regen nicht nötig. Es ist ein Kind des Regens sozusagen. Nicht Angst und Hass, Gier und Rache erfüllen sein Herz, sondern eine grosse Freundschaft zu allem, was lebt. Für Anchora ist es das Natürlichste, mit einem Licht zu diesen Augen zu gehen, um ihnen guten Tag zu sagen.
25: Ohne Furcht, mit festem Schritt stakst Anchora im Schein des Lampions auf den Wolf zu. Dieser schnuppert, macht einen Schritt zurück, ist unschlüssig. Was da auf ihn zukommt, ist mindestens doppelt so gross wie er. Was ein Kind ist, weiss er nicht.
Das Publikum möchte rufen 'Geh zurück! Der Wolf wird dich sonst fressen!'. Es kann ja nicht wissen, ob wir Schreibenden nicht gleich zu Beginn der Geschichte unsere blutrünstige Fantasie ausleben und ein Kind zerfetzen. Beklommen muss das Publikum ansehen, wie das Mädchen unaufhaltsam in sein Verderben läuft.
26: Anchora ist bis auf wenige Meter an den Wolf heran gekommen. Diesem sträuben sich die Haare und unwillkürlich fletscht er die Zähne. Er hat Hunger und ist zum Kampf bereit.
Wechseln wir jetzt die Perspektive zurück auf Anchora, um zu sehen, wie es reagiert.
27: Der einige Meter weit reichende Schein des Lampions entreisst der Dunkelheit den leise knurrenden Wolf.
28: Anchora lächelt und sagt: "Hallo Hund, du hast schöne Leuchtaugen... Weisst du, wo sie hingegangen sind?
Das mit den Leuchtaugen ist kein Kompliment, sondern eine ehrliche Feststellung. Und Anchora sagt auch nicht 'die Besatzung' oder sonst was Altkluges. Einfach 'sie', schliesslich weiss es ja, wer gemeint ist. Wie fühlt sich ein wilder Wolf, dem solche Rede zu Teil wird?
29: Die seltsamen Laute dieses Leuchtwesens irritieren den Wolf uns seine Ohren spitzen sich vor Aufmerksamkeit.
Nun haben wir uns selber in eine Situation hinein manövriert, wo entweder Anchora eine Waffe, einen Zauber oder eine Fertigkeit benötigt, um sich zu wehren oder aber ein unverrichteter Dinge abziehender Wolf seine Glaubwürdigkeit verliert. Dank unserer poetischen Weltgestaltungsvollmacht und weil wir Anchora nicht verlieren wollen, führen wir ein Opferlamm ein. Praktischerweise hat unser Wolf ja schön die Öhrchen gespitzt. Weshalb sollte er also nicht den Nager bemerken, der da durchs Gelände raschelt?
30: Ein Rascheln, welches er deutlich durch das Prasseln des Regens vernimmt, lässt den Kopf des Wolfes herum schnellen.
31: Kaum sieht er das Nagetier am Rande des Lichtscheins entlang huschen, ...
32: ... überwältigt ihn sein Jagdfieber und sein Kiefer schnellt vor.
33: Ein Kracksen, ...
34: ... dann hängt der tote Nager beidseits aus dem Blut triefenden Maul des Wolfes.
35: Will Anchora ihm die Beute streitig machen? Mit einem misstrauischen Seitenblick auf das Leuchtwesen trottet der Wolf ins Dunkle davon.
Puh, geschafft. Dafür haben wir Anchora einem schockierenden Anblick ausgesetzt. Wie verkraftet es das? Bestimmt ist es betroffen und findet den 'Hund' doof, der ein so niedliches Nagetier verbeisst. Der hat's mit Anchora vergeigt.
36: Anchora ist betroffen über diesen Ausbruch von Gewalt und sagt, dem Wolf nach schauend: "Blöder Hund. Du kannst doch einen Keks essen."
37: Anchora hat Hunger und zieht einen Keks aus der Tasche.
38: Am Keks knabbernd, geht das Mädchen weiter.
Auch das Publikum dürfte von unserer kurzen, brutalen Einlage verunsichert sein. Es weiss jetzt, dass in unserer Geschichte alles möglich ist - auch das Sterben. Damit haben wir dem Publikum den Boden der Gemütlichkeit entzogen. Mit zitterndem Herzen hängt es an dem kleinen Leben, das da durch die Nacht wandert, umgeben von Tod.
Wir sind wieder an einem Punkt des Nichtwissens angelangt. Keine Ahnung, wie's weiter gehen soll. Das darf auf keinen Fall auf die Geschichte durch schlagen. Wenn wir Anchora jetzt Seiten lang ohne dramatisches Gegenüber durch die Nacht streifen lassen, zerkrümelt der Handlungsstrang und der Spannungsfaden reisst.
Stellen wir uns mutig dem Nichts. Es ist uns gelungen, eine Atmosphäre zu schaffen, und es wäre schade, jetzt eine neue Szene mit anderen Figuren zu beginnen. Kramen wir also die Teigschüssel unseres Bewusstseins hervor, werfen Anchora hinein, wie es durch die Nacht streift, und den Inhalt
Plitsch
Ein Dauerregen,
der die Menschen auf mystische Weise von ihren Widerwärtigkeiten befreit, wenn
sie sich ihm lange genug aussetzen. Das zärtliche Prasseln des Regens wärmt das
Herz und schafft Augenblicke der Geborgenheit, die hell leuchten im
melancholischen Grau.
... und... ja was? Schliessen wir die Augen und schauen wir, ob sich zu diesen beiden Zutaten noch eine dritte gesellen will...
Warum geht Anchora weiter? Warum bleibt es nicht brav im Luftschiff und wartet, bis die Besatzung oder wer immer das Schiff zum Fliegen bringt, zurück kommt? Weil es nicht Anchoras Art ist. Das Mädchen lässt sich nicht zum Opfer des Geschehens machen. Es geht auf die Dinge zu und untersucht sie. So kommt mir immer wieder in den Sinn, dass Anchora eigentlich auf der Suche nach der Besatzung ist. Aber diese Suche ist so logisch uns üblich, dass ich gähnen muss. Wollen wir unserer Geschichte nicht wenigstens die Chance auf einen ihr eigenen Zauber lassen, indem wir auf das zwingend Übliche einfach verzichten?
Versuchen wir uns doch einfach mal vorzustellen, wer denn in dieser schwarzen Regennachtsuppe von seinen und welchen Widerwärtigkeiten befreit werden könnte. Vielleicht finden wir auf diesem Weg eine stimmungsvollere Bühne als dieser langweilige Hauptraum im Luftschiff. Schliessen wir die Augen...
Ziemlich schwierig, in der Schwärze etwas auszumachen. Wir brauchen wohl wieder einen kreativen Kunstgriff. Wir können uns mal verklaren, was wir unter Widerwärtigkeiten verstehen. Anstelle abstrakter und schwer verständlicher Definitionen machen wir eine kleine Liste der Widerwärtigkeiten. Der Hintergedanke: Einzelne Wörter können, wie die Sprossen einer Leiter, als Steighilfe zu neuen Bildern und Szenen dienen.
- Geiz (Reichtum, der zusieht, wie andere in Armut verrecken)
- Sadismus (die Lust am Zufügen von Schmerz, Erniedrigung und Leid)
- Egozentrik (nur meine Bedürfnisse zählen, alle anderen sind unwichtig)
- Machtstreben (das Verlangen, die anderen vor sich kuschen zu sehen)
- Ignoranz (das Leugnen wichtiger Tatsachen, um ja keine Zugeständnisse machen zu müssen)
- Serienmord-Defekt (völliges Fehlen des Einfühlungsvermögens, so dass jede, auch seelische, Grausamkeit vom Lustgewinn und nicht vom angerichteten Schmerz her beurteilt wird)
Viele dieser menschlichen Eigenschaften könnten wir auf dem Gutshof einer reichen Person oder in einem Gefangenenlager inszenieren. Aber ein Sozialdrama mit vielen Figuren würde den Rahmen unserer Geschichte mehrfach sprengen.
Wie wär's mit einem kleinen Gehöft, einem Tyrannen und seinem Opfer. Warum sollte er ein Tyrann sein, wenn der Regen ihn doch heilt? Ist doch logisch: weil es ihm irgendwie gelungen ist, sich dem Einfluss des Regens zu entziehen. Mir kommt dabei ein kreisrundes Tälchen in den Sinn, in dem es nicht regnet, weil der Tyrann durch irgend einen Trick das zu verhindern weiss. Anchora kämpft gegen diesen Tyrannen, indem sie versucht, es irgendwie im Tal regnen zu lassen. Vielleicht ist das Tälchen sogar sonnendurchflutet, weil eben dort ein Loch in den Wolken ist.
Das warme, helle Licht der Sonne beleuchtet die Grausamkeit des Tyrannen und das Leid seines Opfers. Der Tyrann ist ein mächtiger Zauberer, in unserer 'modernen' Geschichte also ein begabter Ingenieur, der mit einem Kraftfeld das Loch in den Wolken offen hält.
Ja, ich weiss, viele von euch haben nicht gern Science Fiction und würden den Magier dem Ingenieur vorziehen. Gebt unserer Geschichte trotzdem eine Chance, indem ihr Folgendes bedenkt: Science Fiction ist meistens sehr kühl, weil sie sich in effekthascherischem Technik-Schnickschnack verliert und dabei die seelische Tiefe völlig vernachlässigt. Dasselbe würde auch mit der Fantasy geschehen, wenn dort urplötzlich nur noch von den ZEs (Zaubereinheiten) der Magiestäbe, RKs (Rüstungsklassen) der Mäntel und Beschleunigungswerten der Flugbesen (von 0 auf 100 in 2 Sekunden) die Rede wäre. Atmosphäre in Science Fiction zu bringen ist bloss eine Frage der Schreibkunst.
Warum aber aus einem kühlen Vorurteil heraus starten, wo wir es doch mit Fantasy gratis so schön warm haben könnten? Dafür gibt es einen mächtigen Grund. Ich ertrage das Elend der Lebewesen nur schwer. Wenn ich einen Gleichaltrigen sehe, der mit grotesk verbogenen Händen und Füssen sich gefährlich wackelnd, aber noch ohne Hilfe fortbewegt. Später sehe ich ihn mit einem Stützwägelchen. Schliesslich hockt er verkrümmt in einem elektrischen Rollstuhl, den er noch knapp mit der einen Hand durch ein Hebelchen zu steuern vermag. Während ich frisch und munter auf meinen zwei Beinen durch die Strassen gehe. Dann ist die Ohnmacht tief und düster, will meinen Atem stocken lassen, und ein stummer Schrei ruft nach dem Zauber der Heilung.
Bestimmt geht es dir auch so. Und deshalb flüchtest du dich gern in die Geborgenheit einer warmen Fantasy-Welt. Doch alle Zauberkräfte der Fantasy können nicht ein einziges Leid der Wirklichkeit bannen. Was falsch ist, denn immerhin erlöst uns eine solche Geschichte vom Leiden und der Langeweile der Welt, indem sie uns Augenblicke der Spannung und Geborgenheit schenkt. Darüber hinaus lernen wir von den heldischen Figuren Mut und Tapferkeit im Angesicht des Bösen. Wertvolle Eigenschaften, die uns auch im wirklichen Leben weiter helfen.
Mir ist das zu wenig. Ich brauche eine stärkere Droge, um das Elend der Welt aushalten zu können. Ich brauche eine Welt, in der Blinde sehend und Lahme gehend gemacht werden. Und zwar auf eine Weise, die mich überzeugt.
Die einfache Frage lautet, wie könnte eine gute Welt aussehen? Und die Antwort darauf dürfen wir nicht den Politikleuten überlassen, die nur bis zur nächsten Wiederwahl denken. Oder den Forschenden, die sch in den Labyrinthen ihres Fachwissens verlaufen haben. Wir müssen diese Antworten schon selber suchen. Wenn wir eine Lösung gefunden haben, dann lasst sie uns beschreiben in einer Science Fiction Story. Und natürlich wird die Geschichte scheitern an allen Widersprüchen zur Wirklichkeit. Wer kann schon die Zukunft voraussagen? Aber wenn wir gemeinsam viele Geschichten in die Zukunft feuern, dann werden die Leuchtspurgeschosse unserer Salven die Finsternis der Ungewissheit und der Angst erhellen und uns den Weg weisen. Und ihr werdet sehen, die Politikleute werden befehlen, was wir verlangen, und die Forschenden werden erfinden, was wir fordern.
Dann haben wir die Zukunft herbei gezaubert, statt uns vor ihr zu fürchten und zu flüchten. Diese reale Magie ist ein gewaltiges Plus der Science Fiction. Kommt hinzu, dass eine fortgeschrittene Wissenschaft die Grenzen zur Fantasy-Magie verschwimmen lässt. Und die Kobolde und Trolle, Elfen und Feen? Die gibt es doch längst - auf anderen Planeten.
Unsere Geschichte kann solchen Ansprüchen nicht genügen. Sie ist ja nur ein kleiner Werbespot für den Regen. Belassen wir als um der Atmosphäre willen das Geheimnisvolle des heilenden Regens und zerklären ihn nicht mit in den Wolken siedelnden Pilzen, die Psychodrogen absondern. Auch dürfen die Maschinen unseres Ingenieurs ruhig ein Fantasy-volles aussehen haben. Und der Mechanismus ihrer Wirkung darf sein Geheimnis bleiben.
Ein Ingenieur ist auch ganz praktisch, wenn wir am Schluss jemanden brauchen, der Anchoras Luftschiff repariert. Die drei könnten dann gemeinsam in eine neue Zukunft aufbrechen. Hm, und die Besatzung? Die dürfen wir doch nicht einfach zurücklassen. Das würde Anchora nie tun. Und warum hat die Besatzung Anchora einfach zurückgelassen? Das hätte sie auch nie getan. Also hat die Besatzung gedacht, wir gehen mal schnell schauen und kommen gleich zurück. Und aus dem 'gleich' ist nichts geworden, weil etwas sie daran gehindert hat. Warum nicht unser Ingenieur? Dem kommen bestimmt Arbeitskräfte gelegen, die er ausbeuten kann. Ausbeutung ist ja ein wesentlicher Teil von Tyrannei.
Wie war das jetzt mit 'selber nicht wissen, wie's weiter geht, damit uns niemand durchschaut'? Zugegeben, das ist schon viel Geschichte. Anderseits was haben wir schon verraten? Viel mehr als die dramatischen Pole haben wir damit nicht bestimmt. Und die brauchen wir ja wohl, um weiterzufahren. Und die Geschichte ist merkwürdig genug, um nicht gleich durchschaut zu werden, wenn wir diszipliniert nur kleine Portiönchen unseres Wissens hinein fliessen lassen.
Unklar ist noch das Opfer des Ingenieurs, zu dem er eine spezielle Beziehung hat. Wie wäre es mit einem etwa 14-jährigen zierlichen Jungen? Zwischen ihm und dem Tyrannen liegt ein Hauch sadistischer Knabenliebe in der Luft. Und zu Anchora ergeben sich zarte Möglichkeiten. Lasst es uns einfach versuchen.
Erinnern wir uns, dass Anchora am Keks knabbernd, weiter geht. Um zu zeigen, dass es ein erhebliches Stück zurück legt, verwenden wir noch ein Bild.
39: Unverdrossen stapft Anchora gerade aus. Das Lampion enthüllt immer dasselbe unwirtlich steinige und manchmal schlammige Gelände.
Bevor das Publikum auf die Idee kommt, weiter zu zappen, leiten wir vom ersten auf den zweiten Schauplatz über.
40: Auf einem Hügelchen stehend, schaut Anchora zurück zu ihrem Luftschiff, welches nur noch als kleines gelbes Leuchten auszumachen ist.
41: Wie Anchora sich wieder nach vorne wendet, das Lampion im Rücken, bemerkt es eine hinter Regen, Nebelfetzen und Gewölk wabernde Lichtsäule, die mit schwachem Schimmer vom Himmel zur Erde reicht.
Wir wechseln jetzt wohl besser von 'es' zu 'sie'. Wenn da noch ein Junge ins Spiel kommt und wir fangen den Satz mit 'Sein Gesicht...' an, ist nicht mehr klar, wer gemeint ist.
42: Ein Lächeln huscht über Anchoras Gesicht, denn das ist jene Art von Wunder, die ihr Herz höher schlagen lässt.
43: Das Lampion im Rücken, damit das schwache, sternenkühle Weiss der Säule nicht überstrahlt wird, wieselt Anchora darauf zu.
44: Nach einer Zeit bleibt sie, heftig atmend und schwitzend stehen. Sie hat die Entfernung unterschätzt.
45: Mit entschlossenem Blick greift sie sich einen Keks, ...
46: ... um dann gemächlicher weiter zu zockeln.
Solche Abläufe brauche ich nicht Bild für Bild zu erläutern, sonst kommen wir ja nirgends hin. Allgemein ergeben sich solche Sequenzen ja aus der Logik des Charakters und der Situation. Unsere Forschende Anchora ist neugierig. Sie will das Wunder der Lichtsäule, ungeduldig wie Kinder nun mal sind, sofort von nahem sehen. Aber eine solche Lichtsäule, auch wenn sie angesichts der Nacht vermutlich vom schwachen Mondlicht stammt, kann gut und gern zehn bis zwanzig Kilometer weit weg sein. Natürlich könnten wir die Distanz 'poetisch' verkürzen, aber das scheint nicht angezeigt. Der neue Schauplatz soll nicht gleich neben Anchoras 'Zuhause', dem Luftschiff, liegen. Sonst haben wir eine unterschwellige, störende Stimme in unserer Komposition, die dauernd sagt 'Sie braucht ja nur rüber ins Haus zu gehen'.
Also machen wir noch ein bisschen Theater, um diese Stimme zum Schweigen zu bringen. Unser alter Freund, der Wolf, könnte doch seinem Rotkäppchen zu Hilfe eilen. Wir wollen ja nicht zu viele Figuren einführen. Das brächte bloss Unruhe in unsere besinnliche Geschichte. Um die Distanz zwischen zwei Punkten spürbar zu machen, eignet sich eine Übernachtung vorzüglich. Lassen wir also den regenzahmen Wolf und das Rotkäppchen eine gemeinsame Nacht verbringen. Wobei wir hinterlistig davon ausgehen, dass das Publikum nichts davon weiss, dass der Wolf nicht mehr ganz so wild ist.
Zuerst malen wir Anchora eine gewisse Erschöpfung ins Gesicht, die ahnen lässt, dass schon gut zwei, drei Stunden vergangen sind.
47: Nach zwei, drei Stunden, die ziemlich an Anchoras Geduld genagt haben, macht sie einen erschöpften Eindruck.
48: Sie bleibt stehen und mustert die Lichtsäule, die kaum näher gekommen zu sein scheint.
49: Enttäuscht atmet sie aus...
50: ... und schaut sich um nach einem Rastplatz.
51: Ihr Blick kann die Schwärze nicht durchdringen und bleibt an den zwei glühenden Augen hängen.
52: Wie Anchora auf die Augen zu stapft, bekommt ihr Gesichtchen einen grimmigen Ausdruck. Der 'blöde Hund' kann sich auf was gefasst machen.
53: Im sich verlierenden Schein des Lampions zeichnen sich die Konturen eines mächtigen Felsens ab. Am Fuss des Felsens fehlt ein tüchtiges Stück, so dass sich dort zwar keine Höhle, aber ein natürlicher Unterstand mit trockenem Boden gebildet hat. Der Wolf von vorhin steht unter diesem Felsendach und beobachtet aufmerksam das näher kommende Mädchen.
54: Wie Anchora den
Unterstand betritt, belehrt sie den Wolf grimmig: "Du musst nicht Tiere
essen, du blöder Hund. Dafür gibt es Kekse."
Knurrend weicht der Beschimpfte etwas zurück. Sein Hunger ist nicht mehr so
gross und er hat keine Lust, sich mit diesem bedrohlichen Leuchttier anzulegen.
Es ist nicht so einfach, sich vorzustellen, wie ein Kind spricht. Für eine erwachsene Person ist die Szene, wo der Wolf das pelzige Nagetier verbeisst, auch brutal. Aber sie wird sich sagen 'Wölfe sind halt Raubtiere.'. Und mit dem Herzen in der Hose wäre sie wohl erleichtert darüber, dass der Wolf den Nager gefressen hat und nicht sie.
Für Anchora ist der Wolf aber ein Hund. Und der Hund macht einen Denkfehler, wenn er meint, einen Nager essen zu müssen, wo's doch Kekse gibt. Unser unverdorbenes Mädchen sagt also nicht mit moralisierendem Zeigefinger 'Du sollst nicht töten!'. Es weist viel mehr den Hund auf seinen Denkfehler hin 'Du musst nicht...' im Sinne von 'Es ist nicht notwendig, dass...'. Deshalb auch 'Tiere essen' und nicht das moralische 'Tiere töten'.
Warum aber macht Anchora ein grimmiges Gesicht? Nicht aus moralischer Entrüstung, sondern weil der Hund ihr mit seinem Verhalten einen Stich ins Herz versetzt hat. Jetzt ist sie sauer. Kaum hat sie ihn angemessen beschimpft, löst sich der Krampf in unserem erstaunlichen Mädchen und sie macht eine Geste der Versöhnung.
55: Anchora kramt in der Tasche, wo die Kekse stecken, ...
56: ... zieht einen raus...
Halten wir für einen Augenblick das Herz des Publikums an.
57: ... und hält ihn dem knurrenden, Zähne fletschenden Wolf hin. In einer Grossaufnahme sind das Furcht erregende Maul des Wolfes und die zarte Kinderhand zu sehen, so dass als nächstes Bild nur noch ein blutiger Armstumpf in Frage zu kommen scheint.
Sämtliche Horrorfilme laufen nun vor dem geistigen Auge des Publikums ab. Und manche werden die Augen verschliessen und nicht mehr weiter lesen wollen, denn das wäre wohl kaum zu ertragen, wenn diesem niedlichen Geschöpf jetzt die Hand abgebissen würde. Trotzdem muss, durch die Fingerschlitze der vorgehaltenen Hand weiter gelesen werden. Denn hier aufzuhören ist unmöglich.
58: Das Zähnefletschen hat aufgehört. Die Nase des Wolfes erschnuppert den Keks.
59: Das Maul nähert sich dem Keks...
60: ... und fast zärtlich packen die mörderischen Fangzähne den Keks, ...
61: ... der mit einem kurzen Aufwerfen des Kopfes im Rachen verschwindet.
62: Als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, sitzt Anchora kauend neben dem Wolf im Trockenen und hält ihm einen weiteren Keks hin.
Mag sein, dass das Mädchen noch was zu seinem Hundi sagt. Aber eigentlich wollen wir dieses stille Bild nicht mit Geschwätz stören. Hören wir lieber auf die Buh-Rufe der Abgebrühten im Publikum, die sich lautstark über diese kekssüsse Wendung aufregen, weil sie so 'unrealistisch' und 'unlogisch', 'kitschig' ist und 'leider einen guten Ansatz durch Unglaubwürdigkeit zerstört, schade'. Die Abgebrühten hätten lieber eine 'ehrliche' abgebissene Hand gehabt.
Noch bevor wir unsere Hand haben können, um sie zu besänftigen, verlassen ein paar ihre Sessel auf Nimmerwiedersehen. Wenn es eines unserer kreativen Hilfsmittel ist, mit den Vorurteilen des Publikums zu spielen, dann müssen wir solche Reaktionen ertragen. Klischees und Vorurteile sind für viele gleichbedeutend mit 'Wahrheit'. Und wenn wir diese 'Wahrheit' verletzen... dann Gnade uns Gott.
Schreiben wir unsere Geschichte weiter für jene, die genug geistige Lockerheit besitzen, um zu sagen 'Ich bin auch etwas ratlos, ja irritiert... Ich habe keine Ahnung, wie es weiter gehen könnte... Aber die Atmosphäre gefällt mir... und die Spannung... Bitte weiter.'. Dies ist ein kostbarer Augenblick, den wir ein paar Sekunden geniessen wollen. Denn das Publikum hat uns eben sein Vertrauen geschenkt...
Gönnerhaftigkeit und Besserwisserei sind einer gewissen Hilflosigkeit gewichen. Dafür hat sich der Zauber einer neuen Geschichte aufgetan. Lasst uns hart arbeiten an diesem schwerelosen Feenflügel.
Wie geht's jetzt weiter? Wollen wir noch zeigen, wie der Wolf diesen hingehaltenen Keks isst? Oder wäre das bloss eine überflüssige Wiederholung auf Kosten der Spannung? Das ist eine Frage des Tempos und schwierig zu beantworten. Wir klauben uns die Geschichte mühevoll im Zeitlupentempo aus dem Gehirn und können sie nicht mal in 'Echtzeit' betrachten, weil sie noch nicht gezeichnet ist. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als die beschriebenen Bilder durchzulesen und uns mit grösster Konzentration die Abfolge vorzustellen...
Zwischen Bild 61 und 62 haben wir auf die Beschreibung des Hinhockens verzichtet und den kleinen Zeitsprung zum 'gemütlichen Beisammensein' gewagt. Solange dem Publikum klar ist, was dazwischen gelaufen ist, dient ein solcher Sprung dem Fluss der Geschichte. Ist der Sprung aber zu gross, entsteht eine Lücke, die das Publikum nicht auffüllen kann, und die Geschichte bekommt einen Riss.
Bestimmen wir zuerst, was als nächstes kommen soll. Erinnern wir uns des zweiten Teils unseres Inhaltes: ... Das zärtliche Prasseln des Regens wärmt das Herz und schafft Augenblicke der Geborgenheit, die hell leuchten im melancholischen Grau.
Das Mädchen, das sich zum Schlafen an den Wolf kuschelt, eine Armlänge entfernt das zärtliche Prasseln des Regens... Wäre das nicht ein Herz wärmender Augenblick der Geborgenheit? Unglaubwürdig, kitschig? Ein bisschen kitschig vielleicht, aber nicht unglaubwürdig. Auch wenn ich es nicht weiss, vermute ich doch stark, dass Wölfe sich beim Schlafen gegenseitig wärmen. Schliesslich sind es Rudeltiere und wer erfriert schon gern in einer kalten Winternacht? Also dürfte unser Wolf das 'Kuscheln' gewöhnt sein. Und ob ein kleines Mädchen sein Gesichtchen gern ins Fell eines Tiers vergräbt... Darüber müssen wir wohl nicht diskutieren. Unsere einzige Schummelei besteht darin, dass sich der Wolf als Nachttier nicht unbedingt in der Nacht zum Schlafen hinlegt. Aber da behaupten wir einfach kühn, Anchora habe ihn so mit Keksen abgefüllt, dass er sich jetzt ein Verdauungsschläfchen gönnt.
Um uns vollends ins Lager der Glaubwürdigen zurück zu manövrieren, werden wir diesen Augenblick der Geborgenheit durch eine realistische Zäsur abgrenzen. Das Raubtier Wolf wird durch den Regen nicht zum Schosshündchen. Er hat bloss Anchora nicht im Blutrausch zerfetzt, bleibt wild, klaut Anchora die restlichen Kekse und macht sich aus dem Staub bzw. Schlamm in unserer nassen Geschichte. Anchoras Magen wird knurren, wenn sie aufwacht. Ihre Lage spitzt sich zu. Ans Werk!
Wir riskieren wohl nicht allzu viel, wenn wir nicht zeigen, wie der Wolf auch diesen Keks frisst. Aber wir müssen ihn davon überzeugen, dass die Keksausgabe beendet ist, sonst gibt er keine Ruhe.
63: Anchora verschliesst die Tasche, aus der sie die Kekse genommen hat.
Jetzt lenken wir die Aufmerksamkeit auf den Regen, um die Kuschelszene darin einzubetten.
64: Sie hat die Knie angezogen, das Kinn drauf gelegt und betrachtet den Regen, der fast in Griffweite zärtlich den Boden zu streicheln schein.
65: Anchoras Blick fällt auf den Wolf, der neben ihr sitzt und schnuppernd und mit wachem Blick auf den nächsten Keks wartet.
66: Aus der Sicht des Wolfes verneint das Mädchen mit einer langsamen Kopfbewegung.
Ja kein überflüssiges Geschwätz jetzt!
67: Der Wolf beobachtet immer noch Anchora, die nun wieder, Kinn auf Knien, regungslos da sitzt.
68: Anchora beobachtet den Wolf, wie er sich, den Rücken ihr zugewandt, seitlich hin legt.
69: Sie muss gähnen, denn sie ist mitten in der Nacht aufgestanden und überhaupt nicht ausgeschlafen.
70: Anchora legt sich neben den Wolf...
71: ... und kuschelt sich an seinen Rücken.
72: Friedlich liegen die beiden Schlafenden neben einander. Anchora hat, falls das von der Kleidung her möglich ist, fürsorglich einen Teil ihres geöffneten Mantels über den Wolf gelegt. Die Kamera steht dabei ausserhalb des Unterstandes und fängt dieses Bild durch eine Regenwand ein. Das Lampion wirft sein warmes Licht auf die Schlafenden.
Pro Mangaseite werden etwa vier, fünf unserer Bilder verbraten. 72 : 5 oder 4 = 14 bis 18 Seiten. Mit den vorgesehenen 1000 Bildern zielen wir auf ein mindestens 200-seitiges Werk. Wir haben also noch keine 10 Prozent unserer Geschichte. Diese Rechnung müssen wir immer wieder machen, um zu spüren, wo im Handlungsbogen wir sind. Vergleichen wir den Handlungsbogen mit einer dieser schönen, alten aus Steinen gefügten Bogenbrücken, die eine Schlucht überspannen. Überspitzt gesagt, trägt jeder Stein den Druck der ganzen Brücke Fehlt der Stein, bricht der Bogen zusammen und die Brücke stürzt in die Tiefe. Jeder Stein ist gemäss seinem Platz im Bogenrund behauen. Mit den Seitenflächen liegt er nahtlos an seinen Nachbarn. Dadurch wird der Druck, den seine Nachbarn ausüben, gleichmässig auf die ganze Seitenfläche verteilt. Ist der Stein aber schlecht geformt, nimmt er die gewaltigen Drücke nur mit seinen Ober- oder Unterkanten auf. Das mag eine Weile gut gehen, aber wehe, wenn eine der Kanten ausbricht. Dann haben wir den Steinsalat.
Jede Szene muss sich in den Bogen unserer Handlungsbrücke einfügen. Unsere vorläufige Handlungsbrücke führt vom Luftschiff zum Sonnental des Tyrannen und wieder zum Luftschiff. Anchora könnte jetzt zur Wolfsfamilie gehen, dort Welpen knuddeln und Abenteuer erleben. Das wäre etwa so, als hätten wir die Steine am Anfang unserer Brücke senkrecht aufeinander gestellt. Wir sind nicht vom Fleck gekommen. Und wenn wir dann auf Seite 190 erschrocken feststellen, dass wir noch ins Sonnental sollten, machen wir womöglich einen 10-seitigen Murks, um es doch noch hin zu kriegen. Unsere 'elegante Bogenbrücke' sähe in etwa so aus: Am einen Schluchtrand ein zwanzig Meter hoher Steinturm, von dessen Spitze ein dünnes Wäscheseil schräg hinunter zum anderen Schluchtrand führt. Auch wenn wir uns die Ohren zuhalten, hören wir deutlich das Gefluche des Publikums, wenn es sich mit aufgerissenen Handflächen an dem dünnen Seil auf die andere Seite arbeiten muss.
Das Abgleichen der Seitenzahl mit dem Handlungsbogen ist ein einfaches Mittel, sich nicht zu verlieren. Es hilft uns, die wuchernden Gefühle zu bändigen, und so zum 'Publikumsblick' zurück zu finden. So denke ich, dass es uns auf den ersten paar Seiten gelungen ist, eine nicht allzu befremdliche, doch mysteriöse Welt zu erschaffen. Dieses Mysteriöse erzeugt eine gewissen unterschwellige Spannung. Weiter haben wir einen Chara aufgebaut, der sich unbemerkt ins Herz des Publikums geschlichen hat und von dessen Schicksal es mehr erfahren will. Wir haben dabei mit sehr bescheidenen Requisiten gearbeitet und viel Raum gelassen für die Gefühle und Fantasien des Publikums. Der Anfang unserer Bogenbrücke ragt dreist, aber viel versprechend über den Abgrund.
Montieren wir den letzten Stein dieses Anfangs, indem wir Anchoras ersten dramatischen Partner verabschieden. Zum Dank erhält er den Rest der Kekse.
73: Szenenanfang:
Eine Stunde oder so später, es ist immer noch Nacht, hebt der Wolf schnuppernd
und Ohren spitzend den Kopf, als habe er etwas gehört.
Ergreifen wir die günstige Gelegenheit, das Publikum auf eine falsche Fährte zu locken. Die Situation ist zu herrlich klassisch klischös: Die Menschen schlafen, die Bedrohung naht, die Tiere merken's zuerst, um dann die stumpfen Menschen mit putzigen Verhaltensweisen auf die Gefahr aufmerksam zu machen.
74: Rasch ist er auf den Beinen, ...
75: ... um hell wach in Richtung des Gehörten zu starren.
Herz in Hose! Böses kommt!
76: Zwei Schritte vor, bis kurz vor den Regenvorhang. Die schnuppernde Nase bewegt sich.
77: Der Kopf wendet sich zurück zu dem schlafenden Mädchen. Das Lampion spendet noch immer sein mildes Licht.
78: Der Wolf steht über Anchora. Für einen Moment sind die Augen einer Bestie in Nahaufnahme zu sehen.
Noch ein Abschiedsschauder.
79: Schnuppernd wie ein Staubsauger fährt die Nase des Wolfs Anchoras Kleidung entlang.
80: Wie er die Kekstüte gefunden hat, zieht er sie mit seinen Zähnen aus der Tasche.
81: Die Spitze seines Mauls ist in der am Boden liegenden Tüte verschwunden, während er gierig den Rest der Keks zerknirscht.
82: Die leere Tüte zurück lassend, trottet der Wolf sang- und klanglos hinaus in die Regennacht.
So, jetzt ist die Bühne frei. Und das Publikum hat keinen blassen Schimmer, wie es weiter geht. Um ehrlich zu sein, wir auch nicht. Fast nicht. Immerhin wissen wir, dass da ein Tälchen ist mit einem Tyrannen...
Die Zeit wäre günstig, einen neuen Handlungsstrang mit dem Tyrannen und seinem Opfer anzufangen, um später Anchora reinzuflechten. Aber irgend wie ist es auch schade, die liebevoll aufgebaute Atmosphäre um Anchora durch einen abrupten Szenenwechsel aufzureissen. Das kommt mir vor wie das Zerreissen eines zarten, halb durchsichtigen Gewebes. Weben wir lieber weiter an diesem Stoff.
Dafür gibt es auch einen handfesten Grund. Die Augen Anchoras sind ein kostbares Instrument. Die Welt durch sie zu betrachten und zu ergründen hat etwas Zauberhaftes. Hingegen könnte uns die Beschreibung des Tyrannen und seines Opfers aus einer neuen Perspektive nur allzu schnöd, distanziert, kühl geraten, Wie kann etwas Zauberhaftes ein 'handfester' Grund sein?
Sprache geschieht einfach. Wörter sind Glückssache. Logik ist eine Illusion. Sobald die Wörter den Boden des Gefühls unter ihren Füssen verloren haben, sind sie hochgradig gefährdet, sich zu blutleeren Gebilden zu verklumpen. Mit Wörtern kannst du alles beweisen und alles widerlegen. Der einzige Massstab ist die Plausibilität. Und die ist reines Gefühl.
Lasst uns mit unserem Handwerk fortfahren und handfeste Zaubergefühle zu nebligen Metallen schmieden, bevor das hier zu einem Traktat über die Logik ausartet.
Genug gepennt, Anchora, wach auf! Wir müssen uns nur vorher kurz fragen, wie denn dieser Morgen aussieht. Den mit schweren, dunklen Wolken verhangenen Himmel sollten wir beibehalten, damit die Beleuchtung im Regen nie über ein melancholisches Grau hinaus geht.
83: Szenenanfang:
Es ist Morgen, was daran zu erkennen ist, dass sich die blinde Nachschwärze in
ein bleiernes Grau verwandelt hat, welches wenigstens eine gewisse Sicht durch
den Regenvorhang zulässt. Anchora schläft noch im Schutz des Felsens. Das
brennende Lampion trägt nur noch wenig zur Erhellung bei.
Langweilen wir das Publikum nicht mit Augenaufschlagen, Gähnen und Armestrecken, sich Umsehen und leere Tüte entdecken. Verkürzen wir das Prozedere zu 'Augen auf mit Blick auf Tüte'.
84: Anchora schlägt die Augen auf und sieht als erstes die leere Kekstüte.
85: Mit verschlafenem Gesichtchen richtet sie ihren Oberkörper auf und greift gleichzeitig in die Tasche, wo die Kekstüte war.
Sagt sie jetzt 'Blöder Hund, du hast mir alle Kekse weggegessen.' oder nur 'Blöder Hund.'? Das kleine, schwache Mädchen steht in grosser dramatischer Spannung zu der bedrohlichen, unwirtlichen Landschaft und der gewaltigen Naturkraft der dräuenden Wolken mit ihrem Dauerregen. Jedes Wort zu viel stört dieses stumme Drama.
Anderseits muss das Publikum auch begreifen, was geschieht, sonst ist die Spannung auch dahin. Die Faustregel 'Kein Wort zu viel, keines zu wenig.' klingt zwar einfach, ist aber schwierig zu befolgen. Lassen wir noch zusätzlich Anchoras Magen knurren, dürfen wir hoffen, dass das Publikum versteht.
86: Anchoras Magen knurrt. Sie zieht ihre Hand aus der Kekstasche, legt sie auf den Magen und sagt verschlafen: "Blöder Hund."
Neinnein, so geht das nicht! Das ist hölzern, konstruiert, zu viel auf einmal. Trennen wir das auf:
86: Während Anchora aufsteht, knurrt ihr Magen.
Und jetzt eine typisch kindliche Reaktion.
87: Mit einem Tritt gegen die Tüte sagt Anchora grimmig: "Blöder Hund."
Damit lassen wir offen, ob Anchora nur wegen der Kekse sauer ist oder auch, weil der 'Hund' abgehauen ist. Gut so. Zeitraffer ein, Anchora Richtung Tälchen marsch!
88: Anchora marschiert, im nun ziemlich nutzlosen Schein ihres Lampions, durch Schlamm und Regen.
89: Die in der Nacht schwach schimmernde Lichtsäule hat nun durch die Sonne an Leuchtkraft gewonnen. Deutlich ist sie im Grau zu sehen und scheint auch nicht mehr so weit weg zu sein.
Das Lampion ist kein mystisches ewiges Licht. Also schalten wir es aus.
90: Im Weitergehen macht Anchora sich an dem Lampion zu schaffen, so dass es erlischt.
'Zeigen' wir den Weg und die Stunden, die Anchora noch braucht bis ins Tal in einem einzigen Bild.
91: Von weit oben wirkt das tapfer voran schreitende Mädchen klein und verloren in dieser grossen, trostfreien Landschaft.
Unser Talkessel. Wir stehen davor und wissen wieder mal nicht weiter. Ich sehe einen fast kreisrunden Hügel, der sich aus der flachen Landschaft erhebt. Seine Hänge sind erdig uns voller Schlamm. War dies der Einschlagkrater eines Meteoriten? Und woher kommt die Erde, wenn es keinen Bewuchs hat? Vom Dauerregen wäre sie doch längst runtergewaschen worden und der blanke Fels käme zum Vorschein. Anderseits könnte ein hartnäckiges Gestrüpp, welches sich flächendeckend in den Boden krallt, die Erde festhalten.
Eine solche Kratermulde würde sich im Dauerregen rasch zu einem See auffüllen. Damit hätte der Ingenieur auch seine rationale Erklärung, warum er den Regen mit Kraftfeldern abhalten muss. Wer sieht schon gern sein Haus in einem See versinken? Ja und natürlich braucht es auch Sonnenlicht, damit Pflanzen gedeihen und etwas zu essen wachsen kann. Unser Ingenieur ist ein richtiger Held.
Bisher habe ich gedacht, Anchora müsste zuerst dem scheuen, durch den Tyrannen verstörten Jungen begegnen, um dann aus dessen Perspektive den schrecklichen Tyrannen kennen zu lernen. Aber wenn ich mir nun unseren heldenhaften Ingenieur ansehe, könnte er bestimmt zu Beginn Anchora und das Publikum begeistern. Was für eine tolle Vaterfigur für dieses aufgeweckte Mädchen!
Damit hätten wir das Publikum mal wieder satt in die Wüste geschickt und könnten nun genüsslich mit der Demaskierung des Tyrannen beginnen, indem wir den Jungen auftreten lassen, der befremdlich, ja irgendwie krank und neurotisch auf diese tolle Vaterfigur reagiert. Das Publikum soll denken, der Junge sei undankbar. Und der Ingenieur, der alles tut und gibt für den Jungen, ist das Opfer der Undankbarkeit. Vielleicht muss Anchora ihn sogar trösten!
Unsere Methode, blind durch die Geschichte zu stolpern, um ja nicht durchschaubar zu sein, scheint nicht recht zu klappen. Wo wir doch schon so viel Material zusammen getragen haben. Mit dem Material ist das so eine Sache. Erinnern wir uns unserer Begeisterung über die Idee, der Regen könnte rasiermesserscharf die Lebewesen ins gute oder ins teuflische Lager schubsen. Davon ist nun nicht mehr die Rede. Denn wie sollen wir dieses Thema auch noch einbauen in unsere kurze Geschichte?
Unser 'Material', das sind bloss Projektionen, Skizzen, Entwürfe, Möglichkeiten. Welche dieser möglichen Zukünfte in unserer Geschichte 'Realität' wird, überlassen wir der Eigendynamik der bisherigen Geschehnisse und der Charaktere. Wir sind Dienende des Regens, der uns Geborgenheit vermitteln will, von Anchora, dem Tyrannen, dem Jungen. Indem wir diese Kräfte geschaffen haben, haben wir gleichzeitig den Gang der Geschichte bestimmt, ohne ihn zu kennen. Wir dienen diesen Kräften, indem wir uns ihnen aussetzen. Staunend erleben wir, wie sie unseren Stift führen. Ähnlich hilflos wie das Publikum, können wir uns zwar Gedanken machen. Aber was schliesslich auf dem Papier stehen wird, wissen wir nicht.
Eigentlich wollten wir ja nur rausfinden, wie unser Tal beschaffen sein soll. Naben dem Meteoritentalkessel gibt es auch die Möglichkeit eines Rundtales, das von reissenden Gewässern aus Felsen gewaschen wurde. Die Bedrohung durch den See können wir ja beibehalten. Ist doch irgendwie dramatisch, wenn der Ingenieur seine Angst vor der Heilkraft des Regens mit einem vordergründigen Kampf gegen Überflutung verdrängt.
In felsigem Gelände führt dann eine Schlucht in einen tiefer gelegenen Talkessel. Auf der anderen Seite des Talkessels führt folglich eine ebenfalls erhöht liegende Schlucht weiter. Schliesslich musste das Wasser früher irgendwo abfliessen. Eine dritte Möglichkeit wäre, Zu- und Abfluss mit 'ebenerdigen' Bächen, dazwischen die leere Seemulde.
Der Felsenkessel tritt mit seiner imposanten Wucht in störende Konkurrenz zu unserem Naturphänomen, dem Dauerregen. Die Seemulde ist doch recht langweilig. Das Amphitheater eines Meteoritenkraters hingegen ist eine würdige Kulisse für unser Schauspiel. Wählen wir ihn blank geputzt, ohne Pflanzen-Schnickschnack als Kontrast zum dahinter liegenden Garten Eden.
92: Anchora hebt ihren von der Anstrengung schon wieder müden Kopf und streift mit ihrem Blick den felsigen Abhang, der frisch gewaschen ist vom Regen, der sich zu Rinnsalen sammelt, die sich überall durch schlängeln. Und alles glänzt im Licht.
93: Anchoras Kopf liegt im Nacken, der Mund weit offen vor Staunen.
94: Auf dem Grat der Anhöhe beginnt eine Lichtsäule von gewaltiger Leuchtkraft in den Himmel zu steigen oder sie fällt vom Himmel herab, was ihrer göttlichen Wirkung auf Anchora eher angemessen erscheint.
Natürlich ist es die Sonne, aber in diesem kleinen, wunderbaren Augenblick kann es alles sein.
Lassen wir Anchora noch ein bisschen staunen und machen wir uns derweilen Gedanken über Requisiten und Kulissen. Wie zum Beispiel hält der Ingenieur ein so starkes Kraftfeld aufrecht?
Unsere Science Fiction Geschichte soll nicht 'streng' sein, viel mehr poetisch. Wir dürfen uns also etwas Feines ausdenken. Mir kommen dabei Windmühlen in den Sinn. Ja, ich weiss, das ist nicht besonders originell. Aber seit ich von dem Kraftfeld weiss, kommen die blöden Dinger immer wieder aus der Versenkung. In einem solchen Fall ist es besser, die Windmühlen bei den Flügeln zu packen und sie aufs Papier zu nageln.
Das heisst, wir prüfen den Gedanken und schauen, ob sich was anderes ergibt oder wir doch plötzlich Feuer und Flamme sind. Eine Windmühle kommt mir natürlich in den Sinn, weil es eine Energiequelle ist und eine romantische dazu. Erinnern wir uns an Don Guichote, der heldenhaft gegen Windmühlen gekämpft hat. Oder an diese flachen, leeren, melancholischen Landstriche, wo ein einsames Steintürmchen mit langsam drehenden Holzflügeln steht, das uns einlädt, in seinen Mauern Wärme und Schutz zu suchen.
Auch wenn die Verhältnisse damals nicht besser waren, die Menschen sich wie immer eifrig die Köpfe einschlugen, so hatten sie doch nicht die technischen Möglichkeiten, ihre Lebensgrundlagen zu zerstören. Die Windmühle als Symbol für einen angemessenen, intelligenten Umgang mit Natur und Ressourcen. Die Wehmut angesichts solch heilen Wirtschaftens.
Na wunderbar, was wollen wir jetzt noch dagegen sagen nach diesem Lobgesang? Blicken wir in das gestrenge Antlitz unserer Muse, die wachsam jedes unserer Worte registriert, bemerken wir die langsam schwellende Zornesader, was uns, gesenkten Hauptes nun, daran erinnert, unsere Pflicht zu tun und auch anderes zu prüfen, bevor wir uns leichtfertig dem ersten besten Bilde hingeben.
Greifen wir in die kreative Trickkiste und versuchen wir folgenden Zauberspruch: Suche das Gegenteil!
Um uns von der fixen Vorstellung der Windmühle zu befreien, fragen wir also: Was ist das Gegenteil einer Energiequelle?
Nun, was kommt uns in den Sinn? ... Energieloch, schwarzes Loch, leere Batterie, Energievernichtungsaggregat, Energieverbrauchsgerät, ein Kühlschrank... er vernichtet Energie und das Ergebnis ist Kälte. Klingt fast poetisch.
Nehmen wir den Kühlschrank als 'Gegenteil' und stellen ihn auf den Kraterrand. Oder ist das falsch? Die Energiequelle muss ja nicht auf dem Kraterrand stehen. Sie kann ebenso gut im Tal sein. Bei den Kraftfelderzeugern wäre es schon eher plausibel, dass sie rings ums Tal herum postiert sind. Der Kühlschrank könnte uns als Kraftfelderzeuger dienen, dergestalt dass die Wirkung des Kraftfeldes sämtliche Wassermoleküle zu Schnee ausflockt. Damit haben wir immer noch keine Energiequelle, aber so ein bisschen Schnee ist ganz hübsch.
Warum muss die Energiequelle auch im Tal stehen? Immer diese zentralistische Sicht der Dinge. Da haben wir einen Abhang, wo pausenlos tonnenweise Wasser runter fliesst. Die Kraft dieses Wasser zu nutzen wäre doch auch sehr elegant. Womöglich mit Millionen von Nanowasserrädchen. So kleine Dinger, die ihre gewonnene Energie direkt zu den Frostwandprojektoren senden. Das ist zwar nicht sehr poetisch, aber es erlaubt uns ein anderes schönes Bild vom Sämann.
Die Wasserrädchen müssen ja irgend wie über den Abhang verteilt werden. Stellen wir uns den Jungen vor, dessen Aufgabe es ist, mit umgeschnallter Bauchtasche auf dem Grat des Abhangs zu schreiten und beidhändig mit grossem Wurf frische 'Wasserrädchensamen' auszustreuen. Der Sämann, dessen Ernte nicht aus Getreide sonder Energie besteht.
Die Wasserrädchen werden Vom Regen allmählich weggeschwemmt und ausgedünnt, so dass das Säen zum festen Aufgabenbereich des Jungen gehört. Dadurch kommt er auch regelmässig mit dem Regen in Berührung, was ihn natürlich von seinen Widerwärtigkeiten erlöst.
Das Bild vom Sämann und die romantischen Schneeflocken, die den Grat des Kraterhügels wie ein Zuckerguss bedecken. Können sie uns über den Verlust der Windmühle hinweg trösten? Es will sich keine Entscheidung heraus schälen. Denn die Frostwandprojektoren funktionieren auch mit Windmühlen, so dass wir Windmühlen mit Zuckerguss hätten. Anderseits finde ich es doch recht unglaubwürdig, dass ein paar müde Windmühlen die Energie für ein solch gewaltiges Kraftfeld liefern könnten. Also beten wir, dass uns niemand vorrechnet, die Gesamtmenge des abfliessenden Wassers sei viel zu gering, um das Kraftfeld zu speisen, und wagen den Kopfsprung in die Nanowasserrädchen.
95: Erfüllt von Neugier und dem kindlichen Wunsch, die Lichtsäule zu 'berühren', käfert Anchora, auch mit den Händen Halt suchend, den Abhang hoch.
96: Auf halber Höhe richtet sie sich auf und betrachtet prüfend ihre Handflächen.
97: Diese sind übersät mit groben, schwarzen Sandkörnern.
98: Doch Sand ist Sand und die Lichtsäule lockt, also geht Anchora weiter.
99: Wie ihre Hand auf dem letzten Meter nach der Hügelkuppe greifen will, bleibt sie in der Luft hängen.
100: Mit ungläubigem Staunen schaut sie auf die zwanzig Zentimeter Schnee, die bei diesen Temperaturen und bei so viel Regen unmöglich dort liegen können. Anchora denkt: 'Schnee im Sommer?!'
Mag sein, dass sie gar nichts denkt, einfach nur staunt. Aber hier hat Vorrang, dass das Publikum die Situation versteht.
101: Ihr Blick schiesst hoch und erst jetzt sieht sie die tanzenden Schneeflocken.
102: Unbeschwert akzeptiert sie die absurde Situation und stapft schon durch das zwei Meter breite Schneeband auf der Hügelkuppe.
103: Auf der anderen Seite des Schneebandes bleibt sie stehen, starker Schneefall von oben, gleissendes Sonnenlicht von vorn, und schaut staunend hinab ins Tal.
Jetzt können wir uns nicht mehr drücken. Die Kulisse für das Tal ist fällig. Die Hauptarbeit überlassen wir den Zeichnenden und beschränken uns auf die Nennung der für die Geschichte wesentlichen Komponenten. Nur wenn wir nicht zu viel reinreden, können wir ein atmosphärisch dichtes Bild aus einem Guss erwarten.
Fangen wir mal an mit dem, was wir wissen... hm... A ja, die Sonne scheint und es ist paradiesisch. Wir wissen also wieder mal nichts. Und eigentlich ist es auch unmöglich zu sagen, was wir noch alles brauchen werden. Und eigentlich widerstrebt es mir ziemlich, hier alles 'offen' auf einen Präsentierteller zu legen. Diese Offenheit wirkt viel zu friedlich und freundlich angesichts des komplizierten Charakters unseres Tyrannen. Als Schöpfer des Talinhaltes müsste doch sein 'Seelenabdruck' spürbar sein. Freundlich und sadistisch, hochintelligent und verbohrt, verlässlich und unheimlich. Das Ganze irgend wie befremdlich kalt, bedrohlich, undurchschaubar, warum nicht ein bisschen kafkaesk?
Stöhn, ob wir solche Ansprüche erfüllen können? Bleiben wir zuversichtlich. Wenn wir uns der inneren Logik der Geschichte hingeben und die gröbsten Fehler vermeiden, werden wir es schaffen. Und wenn wir nicht alle Ansprüche erfüllen, ist das Wurst, Hauptsache ein passables, nützliches Geschichtchen, das sein Geld wert ist.
Anchora schaut nicht ins Tal, sondern auf die Lichtsäule und die Aussicht ins Tal versperren wir ihr einfach mit ein paar hohen Bäumen, Punkt. Bild 103 muss also abgeändert werden.
103: Auf der anderen Seite des Schneebandes bleibt sie stehen, starker Schneefall von oben, gleissendes Sonnenlicht von vorn, und betrachtet staunend die Lichtsäule, die sich so trennscharf vom Regen abgrenzt, als stecke sie in einem Glaszylinder. Die 'Wand' des 'Glaszylinders' scheint dabei auf der Hügelkuppe zu stehen, die sich links und rechts krümmt, so dass sie einen Kreis um eine grosse, sanfte Talmulde zu beschreiben scheint. Dieses Tal jedoch kann Anchora nicht einsehen, da mächtige Bäume ihr die Sicht nehmen.
104: Entschlossen macht Anchora einen Schritt nach vorn durch diese 'Glaswand'. Ein kurzer Kälteschock durchfährt ihre Glieder. Anchora denkt: 'Uah, ist das kalt!'
105: Doch sobald sie die Wand hinter sich gelassen hat, sieht sie den blauen Himmel über sich und spürt die wärmenden Strahlen der Sonne auf dem Gesicht. Lächelnd und mit geschlossenen Augen tankt Anchora die Sonne.
Anchora hat unser Amphitheater betreten. Das Mädchen steht am Rand eines Waldes. Rotkäppchen verfolgt uns.
Wie geht's weiter? Lassen wir uns einen Augenblick durchvibrieren von der kleinen Angst des Versagens. Was wenn wir es nicht hinkriegen? Dieses fortwährende Schreiten ins Nichts geht ganz schön an die Nerven. Als Mittel zum Überleben schlage ich vor, dass wir unser Nervenkostüm in ein Bad aus milden Grössenwahn legen. Geschützt vom Wahn der eigenen Unbezwingbarkeit, gelingt es uns, die Attacken des Zweifels auszublenden. Gestatten wir uns dieses therapeutische Stück Wahnsinn, damit wir uns wieder konzentrieren können. Ohne äusserste Konzentration ist die Geschichte hier und jetzt beendet.
Wir haben es noch jedes Mal geschafft. Wir sind die Grössten. Wir werden die nächste Szene in den Griff kriegen. Lasst uns ins Leere greifen...
Vorerst strebt Anchoras Neugier zum Wald.
106: Anchoras Füsse tappen den sanften Grashang hinunter auf das Wäldchen zu.
107: Am Fusse eines mächtigen Baumes bleibt Anchora stehen, um mit in den Nacken gelegtem Kopf die Wipfel zu betrachten.
108: Sie streckt die Hände hoch, als wolle sie das Blätterdach berühren. Freude liegt auf ihrem Gesicht. Anchora liebt Bäume.
Das zeigt sie dem Publikum, wie es nur ein Kind zeigen kann:
109: Sie betrachtet die grobe Rinde des alten Stammes, ...
110: ... um dann ihre Wange dran zu legen und den Stamm zu umarmen, was angesichts seines beachtlichen Umfanges nur etwa zu einem Viertel gelingt.
Mag das Publikum sich ruhig vorstellen, dass durch solche 'Baumbeschwörung' ein paar zirpende Feen auftauchen und dem Mädchen übers Haupthaar streichen. Wenn da nicht noch ein Regenschutz drauf ist. Also Kleider anpassen.
111: Anchora passt ihre Kleidung dem wärmeren Sonnenklima an und zockelt weiter durch die Stämme.
112: Ihr Magen knurrt und lässt sie Ausschau nach etwas Essbarem halten.
Da zeichnet sich doch schon was Brauchbares ab: Anchora will was Ungeeignetes essen und der 'väterliche' Ingenieur behütet sie davor. Welche Klischeekarte wollen wir spielen: Beerenstrauch, Erdbeeren, Bienenstock mit Honig oder gar einen biblischen Apfelbaum, wo der Möchtegern-Gott-Ingenieur der neugierigen Eva verbietet, vom Baum der Erkenntnis zu naschen nach dem Motto 'Dummheit macht selig'?
Die Unlust über diese Auswahl ist gross. Anchora wird zu dem Beerenstrauch hin gehen und Beeren essen. Damit ist das Klischee eins zu eins übernommen. Es ist uns nicht gelungen, mit der Erwartung des Publikums zu spielen. Der Einbau solch ausgelutschter Klischees führt nur zu einer unglücklichen Verdünnung der Atmosphäre.
Etwas anderes wäre es, wenn Anchora nach dem Strauch greifen und der dann davon rennen würde. Aber den Ingenieur auch noch rennende Sträucher konstruieren zu lassen, wäre eine arge Überdehnung seines Genies. Wenn wir ehrlich sind, erfordert allein die Erfindung des Kraftfeldes und die Konstruktion der Nanowasserrädchen die Lebensarbeitszeit von ein paar Dutzend Forschungsteams. Stellen wir uns alle diese Charas vor, Hunderte, sie würden die Geschichte schlicht auseinander fallen lassen. Aus dramaturgischen Gründen ist dieser Ein-Mann-Genie-Schwindel also zulässig. Zumal es uns ja nicht um diese blöden Erfindungen geht, sondern um eine poetische Aussage zum Regen. Trotzdem sollten wir den Genie-Schwindel nicht bis zur Lächerlichkeit überdehnen.
Also wird unser Beerenbusch nicht davon rennen und wir suchen weiter nach Essbarem. Offensichtlich weckt ein hungriger Gang durch den Wald solche Beerenerwartungen. Kein richtiges, aber doch eine Art Gegenteil dieser Naturnahrung wäre doch ein gedeckter Tisch. Mitten im Wald ein heller, sauberer, sorgsam gedeckter Tisch mit einer liebevoll zubereiteten Speise, so gibt's denn so was? Ich meine, im Wald stehen bestenfalls derbe Bänke und Tische mit pampigem Kartoffelsalat und widerlichem Gewürst. Das Ganze in Kunststoffgeschirr und das nennt sich dann Naturverbundenegemütlichkeit.
Die Zufälligkeit, ja die Willkür mit der wir hier einen gedeckten Tisch in den Wald stellen, mag dir seltsam vorkommen. Wie kann denn bei so einem Zufallsregiment die Geschichte ihre innere Logik behalten? Das ist eine bloss vordergründige kreative Willkür. Mit ihr bieten wir dem Publikum Verblüffung und Abwechslung, so dass es bei der Stange bleibt. Die innere Logik der Geschichte hingegen wird getragen von den Charakteren.
Es ist nämlich egal, ob Anchora vom Tisch im Wald, an den Früchten eines Schrebergartens oder am Lebkuchendach eines Hauses knabbert. Ihre Beziehung zu dem Tyrannen und dem Jungen wird sich auf jeden Fall folgerichtig entwickeln. Es ist deshalb nicht so wichtig, ob wir die einzige und wahre Dekoration unserer Bühne hinkriegen. Viel wichtiger ist, dass wir nicht langweilen.
Gut, sagst du, aber diese Verblüffungswillkür muss doch irgend eine Grenze haben. In der Tat müssen wir sorgsam jedes Requisit prüfen, ob es zu unserer Atmosphäre passt. Wir können sagen, die Auswahl unserer Requisiten gewinnt ihre innere Logik durch die Atmosphäre, die sich wie ein unsichtbarer, übergeordneter Chara bestimmend durch die Geschichte zieht. Allerdings wäre unsere Fantasie gross genug, würden uns zu jedem passablen Requisit ein Dutzend weitere, ebenso passable in den Sinn kommen.
Unsere Kleine verhungert noch, wenn wir hier noch lange sülzen. Versuchen wir es mal mit dem Tisch und schauen, ob wir auf die Nase fallen. Dann fangen wir halt noch mal beim Magenknurren an.
113: Sie schiebt sich mit abwehrenden Armbewegungen durch die Äste eines Gebüsches...
114: ... und steht zu ihrer Verwunderung vor einem hellen, sauberen, sorgsam gedeckten Holztisch, der auf einem freien Plätzchen, umsäumt von mächtigen Stämmen, steht. Die zwei leeren, blank geputzten Teller mit dem glänzenden Besteck scheinen auf jemanden zu warten. In der Mitte des Tisches steht ein Korb gefüllt mit Brötchen. Keine Bank, kein Stuhl ist zu sehen.
Bauen wir jetzt etwas Befremdliches ein.
115: Wir Anchora auf den Tisch zu gehen will, tritt ihr Fuss ins Leere, ...
116: ... so dass sie auf den Bauch fällt.
117: Sich hoch rappelnd, schaut sie Stirn runzelnd zurück und sieht, dass sie eine Art Erdstufe übersehen hat.
118: Sie geht zum Tisch und stellt verblüfft fest, dass die Kante der Tischfläche auf der Höhe ihrer Stirn liegt, so dass sie gar nicht mehr auf den Tisch sehen kann.
119: Vergeblich grapscht sie auf der Schmalseite des Tisches über die Kante hinweg nach dem Brotkorb.
120: Prüfend schaut sie sich um.
121: Sie rollt ein dickes Stück Holz heran.
122: Auf dem aufgestellten Holzstück stehend, erreicht sie den Brotkorb.
123: Gierig mampft sie ein Brötchen. Die Tischkante verläuft etwa bei ihrem Schlüsselbein.
124: Ein lauter Knall in ihrem Rücken jagt ihr einen gewaltigen Schrecken ein.
125: Eine laute Stimme verstärkt nur noch den Schreck. Stimme aus dem Off: "Hohooo, hohooo, wir haben einen Gast!"
Falsch, Anchora wird wohl schon wegen des Knalls gleich herum fahren. Noch mal 125:
125: Während Anchora herum fährt, hört sie die dröhnende Stimme aus dem Off: "Hohooo, hohooo, wir haben einen Gast!"
126: Dann sieht sie ihn, den zwei Meter grossen, kräftigen Mann mittleren Alters, der mit einem breiten Grinsen und nach oben gerichteter, leicht rauchender Pistole auf Anchora zu marschiert.
Ich hab's ja gesagt, jetzt wird's befremdlich. Aber warum bloss ein zu hoher Tisch? So richtig befremdlich wäre es doch gewesen, wenn die Tischkante plötzlich Zähne bekommen und Anchora in den Finger gebissen hätte. Oder wenn wenigstens die Füsse des offensichtlich von Menschenhand gezimmerten Tisches in ein Wurzelwerk mündeten.
Mit solchen Mätzchen führen wir das fantasyerprobte Publikum zwar auch auf eine falsche Fährte. Aber die führt zu weit weg, in den falschen Film.
Erstens sind wir in einer Science-Fiction-Story, was uns dazu verpflichtet, nachvollziehbare wissenschaftlich-technische Neuerungen zu beschreiben. Bestimmt wird es der Roboter- oder Gentechnologie eines Tages gelingen, beissende Tischkanten herzustellen. Aber das ist hier gewiss nicht das Thema.
Zweitens will das Publikum subtil in die Irre geführt und nicht mit Gewalt verarscht werden.
Drittens bewirkt die geringfügige Veränderung eines banalen Gegenstandes eine unterschwellige Irritation, die oftmals spannender ist als ein billiger Schockeffekt.
Während das Publikum noch denke 'Aha, ein Tisch für Riesen... Aber warum fehlen die Stühle?', lassen wir knallfall unseren Tyrannen in die Szene platzen, wie es ihm gebührt. Als Mischung aus Hohooo-Weihnachtsmann und ballerndem Cowboy mag er spontan gewisse Sympathien beim Publikum erringen. Und weiter, was mag sich da entwickeln zwischen diesem lauten Zweimeterbrocken und dem zerbrechlich wirkenden, niedlichen Mädchen, das keine Angst vor Wölfen hat?
Allerdings dürfte sich schon ein erstes ungutes Gefühl beim Publikum einschleichen. Denn ist es nicht merkwürdig, ein kleines Mädchen mit eine Pistolenschuss zu begrüssen?
Wie reden zwei solche Urgewalten mit einander? Der Tyrann hat wohl den Schuss abgegeben, um gleich von Beginn weg klar zu stellen, wer hier das Sagen hat und jedes Aufmucken in Furcht zu ersticken. Er wird also versuchen, Anchora unter seine Herrschaft zu bekommen. Anchora hingegen lässt sich zwar durch einen Knall erschrecken, aber nicht sonderlich durch Machtgehabe beeindrucken. Der Dialog zwischen den beiden lebt vom Konflikt zwischen dem Versuche des Tyrannen, Anchora in Ketten der Angst zu legen, und dem unbekümmerten, selbstverständlichen Anspruch des Mädchens auf Freiheit.
Die Theorie in Ehren, aber wie umsetzen? Da sieht's dann ganz schnell schön schwierig aus. Der Dialog kann ja nicht im Luft leeren Raum statt finden. In dem Tal muss es doch irgend was zu tun geben, Aufgaben, Handlungen, in deren Verlauf Anchora allmählich das Geheimnis des Regens, des Jungen und des Tyrannen lüftet.
Ja der Junge. Ihn müssen wir wohl jetzt schon einführen, obwohl wir doch vor hatten, den Tyrannen zuerst als väterlichen Freund von Anchora aufzubauen. Aber die Idee mit dem Frühstückstisch zwingt uns, den Jungen auch essen zu lassen.
Im übrigen hat sich der Tyrann mit seinem merkwürdigen Auftritt als Vaterfigur ziemlich deklassiert. So wird es uns ständig ergehen. Die Figuren haben ihr Eigenleben. Sie machen mit uns, was sie wollen. Wir müssen schon dankbar sein, wenn sie uns bis zum Schluss erhalten bleiben und uns nicht aus dem Stück laufen. Wir sind wie Cowboys, die den Figuren hinten nach rennen und sie mit Lassos aus Handlungssträngen einzufangen versuchen.
Um auf alles gefasst zu sein, ist es besser, wenn wir vorher die Namen rausfinden. Beim Tyrannen kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass er unbedingt mit 'Herr Chefingenieur' angesprochen werden möchte. Mit besonderer Betonung auf 'Chef' natürlich. Dabei können wir es belassen. Was braucht der noch einen Namen, wenn es ihm nur um den Titel geht?
Und der Junge? Führ seine vierzehn Jahre ist er zierlich gebaut. Die Angst vor dem Tyrannen hat sein Herz fest im Griff und macht ihn fast mundtot. Die grossen, traurigen Augen künden von seinem Schmerz. Sensibel und verträumt ist er das Gegenteil des brachialen Tyrannen. Angst, Wut und Hass bekämpft er, indem er sich regelmässig dem Regen aussetzt. Im Regen erlebt er Momente der Befreiung, bevor die Rückkehr ins Tal sein Herz wieder mit Wucht zuschnürt. Und das zu Recht, denn bei 'Fehlverhalten' wird er gefoltert. Durch Aufenthalte in engen Käfigen und Elektroschocks. Methoden, die keine sichtbaren Spuren hinterlassen, nur Narben in der Seele.
Wie könnte so jemand bloss heissen? Versuchen wir uns den Jungen vorzustellen und lassen gleichzeitig ein paar Bilder hochkommen. Augen wie ein Meer von Traurigkeit... nein, nicht Mare, Mario...
Eine wache, eingeschüchterte Intelligenz... wie ein zitterndes Reh... Rehborn... Schlaksig und zerbrechlich, verloren im Labyrinth der Angst... Laby Rehborn... Vor- und Nachname wirken brav und bieder, wir aber sind hier ziemlich entrückt... Der Junge hat einen forschenden Geist wie Anchora, aber etwas unterscheidet ihn von dem Mädchen... Ihm wurde die Kraft genommen... Sie ist der Anker, er die Wolke, die sich nicht traut, Gestalt anzunehmen... Ist Rehborn, bloss Rehborn so schlecht? ... Ich heisse Rehborn... Na, Rehborn, komm her! ... Der Rehgeborene, das zitternde Rehkitz... Ein merkwürdiger Name... Er strahlt Kraft aus und vielleicht ist das gut so, denn der Junge ist nicht schwach... seine Kraft ist verschüttet... Rehborn... auch Zartheit ist darin enthalten... Zartheit und Kraft... Der Name lässt ahnen, was aus dem Jungen werden könnte. wenn es gelänge, ihn zu befreien.
Hm, Anchora hat viel Arbeit vor sich. Hoffentlich schafft sie das in den verbleibenden neunhundert Bildern. Lassen wir die drei erst mal frühstücken.
Was geschieht wohl, wenn Anchora, auf einem Holzscheit stehend, eine hastige Bewegung macht? Na klar doch, sie fällt runter. Also 126 neu:
126: Durch die hastige Bewegung verliert Anchora das Gleichgewicht und fällt von dem Holzstück zu Boden.
127: Sich aufrappelnd, sieht sie ihn, den zwei Meter grossen, kräftigen Mann mittleren Alters, der mit einem breiten Grinsen und nach oben gerichteter, leicht rauchender Pistole auf Anchora zu marschiert.
128: Aus der Zweimeter-Perspektive des Mannes wirkt Anchora winzig, wie sie sich, schon wieder auf den Beinen, ganz aufrichtet. In der einen Hand das Brötchen, den Mund noch voll, sagt Anchora: "Haft u waf tschu tinken?"
Anchora sieht das Wesentliche, zum Beispiel dass sie jetzt Durst hat. Formalitäten wie eine Begrüssung sind nicht ihr Ding. Dass Anchora keine Angst zu haben scheint, ist für unseren Riesen schon mal verwirrend.
129: Der Mann, der eine angstvolle Reaktion erwartet hat, ist von der Frage überrascht und stottert: "Ähm... ja... zu trinken wünscht die Dame. Rehborn, deine Dienste sind gefragt."
130: Mit aufgesetztem Lächeln, die Pistole ins Halfter steckend, tritt der Mann zur Seite. Jetzt wird ein etwa 14-jähriger schlanker, fast zerbrechlich wirkender, hübscher Junge sichtbar. Er trägt ein Servierbrett mit Wasserkaraffe, Konfitüre und Butter. Sein Gesichtsausdruck ist entrückt, als lebe er in einem traurigen Traum.
131: Rehborns Gang ist schwebend, sein Blick geradeaus gerichtet, wie er das Servierbrett zum Tisch trägt. Anchoras grosser, neugieriger Blick verfolgt ihn.
132: Alle drei stehen um den Tisch herum und essen. Anchora hat ihr Holzstück wieder. Sie trinkt aus Rehborns Glas. Auch für Rehborn ist das Tischblatt zu hoch, verläuft es doch knapp unterhalb seiner Brustmuskeln, so dass er irgend wie täppisch die Arme über den Tisch heben muss, um sich ein Brötchen mit Butter zu bestreichen. Nur für den Mann ist die Höhe ideal. Entsprechend geniesserisch schmatzt er die Brötchen in sich hinein.
133: Anchora gibt Rehborn das Trinkglas zurück. Rehborn reicht ihr das mit Butter und Konfitüre bestrichene Brötchen.
134: Anchora: "Du, Mann..."
135: Mann, mit belehrender Schärfe: "Ich bin nicht 'Du, Mann'. Nenn mich Herr Chefingenieur!"
136: Anchora, ungerührt: "Herr Chefingenieur, warum ist der Tisch zu hoch?"
137: Ingenieur, mit ätzender Belehrsamkeit: "Der Tisch ist für richtige Menschen nicht zu hoch, nur für halbe Portionen wie du. Wenn du eines Tages ein richtiger Mensch bist, wirst du sehen, dass stehen gesünder ist als sitzen."
138: Aufmerksam beobachtet Anchora das verächtliche Lächeln des Ingenieurs, ...
139: ... dann den gesenkten Blick des Jungen, der leicht zittert vor Angst.
140: Anchora, mit unschuldiger Neugier zu Rehborn: "Warum zitterst du?"
Wie entsteht ein solcher Dialog? Da bin ich etwas hilflos. Der Dialog geschieht einfach, ohne dass ich sagen kann wie. Klar hat er einen Zweck, ein Ziel. Er soll die Personen charakterisieren, Informationen liefern, gleichzeitig spannend oder witzig, überraschend sein. So soll die Frühstücksszene unsere restlichen Hauptfiguren einführen und die Beziehungen andeuten. Das Herr-Knecht-Verhältnis Ingenieur-Rehborn, das Wettkampf-Verhältnis Ingenieur-Anchora und das Neugier-Verhältnis Anchora-Rehborn.
Der Dialog ergibt sich aus der Frühstückssituation mit dem blöden, hohen Tisch, den der Ingenieur absichtlich so gebaut hat, um den kleineren Rehborn und praktischerweise auch die noch kleinere Anchora zu demütigen. Und aus den oben erwähnten Beziehungen. Aber der eigentliche Text ergibt sich erst, wenn wir nach einander in die Personen schlüpfen und uns vorstellen, was sie auf das eben Gesagte antworten würden.
Das braucht so viel Konzentration und Einfühlungsvermögen, dass Dialoge oft ihr Eigenleben entwickeln, sich gemäss ihrer inneren Logik fortpflanzen und uns manchmal irgendwo hinführen, wo wir uns dann verwundert die Augen reiben.
Trotzdem dürfen wir die Übersicht nicht verlieren. Wir müssen jeder Zeit wissen, wie viel wir verraten dürfen oder sollen, um die Spannung der Geschichte zu erhalten, ohne sie zu zerstören. So ist es zwar 'dialogisch', dass Anchora den Jungen frage, warum er zittert. Aber hier gleich am Frühstückstisch die Antwort zu servieren, wäre verfrüht. Also benutzen wir die Gelegenheit, um den rücksichtslosen Charakter des Ingenieurs zu porträtieren und gleichzeitig noch Anchoras Namen einzuführen.
141: Während Rehborn mit starrem Blick vor sich hin schweigt und zittert, walzt der Ingenieur Anchoras Frage rücksichtslos nieder: "Wie heisst du überhaupt, du halbe Portion?"
142: Anchora lässt sich ablenken und sagt mit treuherzigem Blick zum Ingenieur: "Ich heisse Anchora."
Für einen netten Onkel wäre es wohl selbstverständlich 'Ein schöner Name' zu sagen. Auch ein raffinierter Herrschbedürftiger, der seinen Leuten mit jovialem Schulterklopfen zeigt, dass er sie für Unterhunde hält, würde im Zuge seiner Zuckerbrot und Peitschen-Strategie hier wohl ein Lob anbringen.
Nicht so unser Ingenieur. Trotz seiner fachlichen Genialität ist er ein mimosenhafter Kindskopf, der sein Herrschbedürfnis mit entsprechend kindischen Mitteln ausdrückt. Wie ein Uhrwerk in einer durchsichtigen Schale liegt sein sadistischer Herrschmechanismus offen vor uns.
Bleibt noch die Frage, warum Anchora diesem Antipathen mit einem treuherzigen Blick brav antwortet, obwohl er sie fortwährend beleidigt. Anchora hat ein gigantisches Selbstvertrauen. Stellen wir uns eine zwei Meter grosse Vollgummikugel in einer Turnhalle vor. Jetzt kommt so ein Muskelfritz und haut seine Faust da rein. Was geschieht? Es gibt eine kleine Delle und eine Sekunde später hat die Gummikugel wieder ihre alte Form. Genau so funktioniert Anchoras Selbstvertrauen. Da kann unser Zweimeterriese noch so reinhauen. Er beisst auf Gummi.
143: Ingenieur, mit Ekel: "Was für ein hässlicher Name."
144: Ingenieur, mit künstlichem Lächeln zu Rehborn: "Findest du nicht auch, Rehborn?"
145: Rehborn schweigt zitternd mit gesenktem Blick, hin- und hergerissen vom Wunsch zu sagen, dass ihm der Name gefällt, und von der Angst, dem Ingenieur zu widersprechen.
146: Ingenieur, dessen Lächeln mittlerweile gefroren ist, drohend: "Rehborn?"
147: Der drohende Klang der Stimme treibt Rehborn den Schweiss auf die Stirn. Kaum hörbar sagt er: "Ja, Herr Chefingenieur."
148: Der Ingenieur tut so, als habe er es nicht verstanden, und fragt mit an die Ohrmuschel gelegter Handfläche nach: "Ich habe dich nicht verstanden, Rehborn."
149: Anchora
kräht mit zum Trichter geformten Händen: "Er hat ja gesagt! Er findet
meinen Namen auch hässlich!"
Für eine Sekunde schaut der Ingenieur Anchora erschrocken an, ...
150: ... dann bellt er wütend los: "Was schreist du mich an, du freche Göre?!"
151: Fröhlich
kräht Anchora wie oben zurück: "Ich rede nur laut, weil du ein alter Mann
bist, der schlecht hört!"
Der Ingenieur ist wie gelähmt. Dafür wird jemand büssen.
152: Wie er sich vom Tisch weg bewegt, zeigt das Gesicht des Ingenieurs eisige Wut. Anchora beobachtet ihn mit ihrem forschenden Blick.
153: Im Weggehen
sagt der Ingenieur: "Komm, Rehborn, wir müssen dein Fehlverhalten
korrigieren."
Anchora sieht, wie Rehborn leichenblass wird.
154: Dem Ingenieur nach stolpernd, fleht Rehborn: "Bitte, Herr Chefingenieur, ... ich habe doch nichts Falsches getan... Bitte."
155: Neugierig trippelt Anchora den beiden nach.
Das Publikum möchte jetzt unbedingt wissen, wie der Ingenieur Rehborns 'Fehlverhalten', wobei offensichtlich Anchoras Verhalten gemeint ist, 'korrigieren' will. Die Reaktion Rehborns auf die Ankündigung lässt nichts Gutes ahnen.
Ja und wir würden es auch gerne wissen, nicht wahr? Die bereits angedeutete Idee mit dem Einsperren in einen engen Käfig ist keine schlechte Folter für jemanden, der Angst vor engen Räumen hat. Was wir noch überhaupt nicht wissen, ist, wie das nächste Bühnenbild ausschaut. Ätzen wir zuerst noch eins drauf:
156: Sie hört den Ingenieur sagen: "Willst du mir widersprechen, Rehborn?"
157: Sie hört Rehborn sagen: "Nein, Herr Chefingenieur, nein."
158: Sie hört den Ingenieur sagen: "Gut, Rehborn, dann empfange die Korrektur willig und betrachte sie als wertvollen Beitrag zu deiner Entwicklung."
159: Sie hört Rehborn kleinlaut sagen: "Ja, Herr Chefingenieur."
Auch sadistische Personen müssen zuweilen ihre Grausamkeiten vor sich selber rechtfertigen. Beliebt ist dabei die Taktik, das angerichtete Leid als für das Opfer nützlich hinzustellen. Die Worte des Ingenieurs vom 'wertvollen Beitrag zu Rehborns Entwicklung' sind also nicht blanker Hohn. Der glaubt das!
Szenen von solch triefender Ungerechtigkeit sind fast unerträglich. Schon bald wird das Publikum nach Erlösung rufen und sich verzweifelt an den einzigen Hoffnungsschimmer Anchora klammern. Entwerfen wir jetzt die Bühne, auf der wir unsere ausweglose Grausamkeit sorgfältig in Szene setzen werden.
Bei Folter denken wir vielleicht an finstere Keller, muffige Verliese, Betonwände, Eisentüren, Gitter und Ketten. Stellen wir uns das mal vor. Der Ingenieur geht mit Rehborn durch eine Eisentür in einem Gemäuer eine lange steinerne Wendeltreppe hinunter in einen Kerker, wo er ihn in Ketten legt, um ihn mit Peitschenhieben oder glühenden Stäben zu malträtieren.
Finstere Aussichten. Vor allem für unsere Geschichte. Denn gibt es etwas Langweiligeres? Das Publikum wird jedes Bild voraus sehen und innerlich die ganze Szene überspringen, weil es sie schon in tausend Variationen gesehen hat. Missbrauchen wir also nicht die Energie unserer Zeichnenden für eine 'Überspringszene', an der sie Tage lang arbeiten müssen.
Suchen wir nach dem Gegenteil eines Folterkellers... Wie wäre es mit einem romantischen Holzhäuschen, das als Kaninchenstall dient, von dem aus putzige Karnickel in ein grosszügig bemessenes Gehege hoppeln können? Das ganze durchflutet von Sonne, deren Licht so schwer und dick in der Szenerie liegt, als seien es Honigbalken.
Keine Einwände? Gut, dann Bühne frei für die nächste sadistische Einlage. Da der Ingenieur Käfige und Elektroschocks zur Verfügung hat, könnte er doch auf die Idee kommen, eine Münze zu werfen, um das 'Schicksal' mitentscheiden zu lassen. Kopf bedeutet Käfig, Zahl bedeutet Elektroschock. So bekommt das 'Verfahren' fast religiöse Tiefe. Und wenn wir die Alternativen als 'K' und 'E' bezeichnen, haben wir ein neues Rätsel, mit dem sich das Publikum rumschlagen kann.
160: Sie gelangen auf eine Lichtung mit einem romantischen, aus rohen Brettern gezimmerten, schon leicht verwitterten Holzhäuschen, das als Kaninchenstall Verwendung findet. Eine grosszügig bemessene Umzäunung bildet das Auslaufgehege für die putzigen Kaninchen. Die Lichtung ist durchflutet von Sonne, deren Licht so schwer und dick in der Szenerie liegt, als seien es Honigbalken.
161: Vor dem Häuschen bleibt der Ingenieur stehen und sagt bedeutungsvoll, sich in die Tasche greifend: "Wir werden das Schicksal an deiner Läuterung teilhaben lassen."
162: Anchora, neugierig, und Rehborn, schlotternd, beobachten, wie der Ingenieur eine Münze hoch wirft und erläutert: "Kopf für K und Zahl für E."
163: Mit gespielter Ehrfurcht, als hätte ihm das Schicksal eine Offenbarung zu Teil werden lassen, betrachtet der Ingenieur seinen Handrücken mit der Münze und sagt: "K wie Käfig, das Schicksal hat gesprochen."
164: Der Ingenieur öffnet die Tür zum Kaninchenstall. Rehborn schlottert so stark, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Anchora beobachtet dieses Phänomen voller Staunen.
165: Mehr stolpernd als gehend, folgt Rehborn dem Ingenieur ins Innere des Häuschens.
166: Noch bevor der Ingenieur die Tür zu machen kann, schlüpft Anchora hinein.
167: Mit Befriedigung sagt der Ingenieur, die Türe schliessend: "Aha, du willst Rehborn also Gesellschaft leisten."
168: Anchora sieht einen recht geräumigen Stall. Durch zahlreiche Ritzen und Löcher fallen die Honigbalken der Sonne und beleuchten eine Ansammlung merkwürdiger Käfige, die einzeln oder gestapelt im Raum herum liegen. Mit viel zu massiven Brettern und einer Gittertür aus fast handgelenkdicken Holzstäben scheinen die Käfige eher für Raubtiere als für Kaninchen gemacht. Die Käfige haben unterschiedliche Grössen, vom Kleinsten mit fünfzig Zentimetern Kantenlänge bis zum Grössten, in dem eine Erwachsene Person zusammen gefaltet Platz fände. Suchend schaut sich der Ingenieur um.
169: Der Ingenieur platziert einen mittleren Käfig vor Rehborns Füssen und fragt freundlich: "Da du etwas gewachsen bist, sollten wir vielleicht diesen nehmen. Was denkst du, Rehborn?"
170: Rehborn, leichenblass, schlotternd, mit totenmagerer Stimme: "Ja, Herr Chefingenieur."
171: Interessiert beobachtet Anchora, wie der Jüngling sich in den Käfig setzt, während ihm der Ingenieur artig die oben liegende Gittertür aufhält.
172: Mit angezogenen Beinen, das Gesicht auf den Knien hat Rehborn knapp Platz in dem Käfig. Leicht drücken die Gitterstäbe gegen seinen Hinterkopf, wie der Ingenieur die Tür mit einem Holzpflock verschliesst.
Wie mag Anchora darauf reagieren? Protestiert sie, stampft sie auf, schreit sie rum, hämmert sie mit ihren Fäusten an die Hüfte des Ingenieurs? Das sind erwachsene Reaktionen. Wie reagiert ein Kind, das so arglos ist, dass es gar nicht begreifen kann, was hier abläuft? Anchora kann nicht begreifen, warum Rehborn schlottert. Die Welt der Angst kennt sie kaum. Und in diesem gemütlichen Kaninchenstall mit dem freundlichen Ingenieur gibt es ja auch keinen Anlass, irgend etwas Düsteres zu vermuten.
Da das Treiben der zwei offenbar keiner sinnvollen Beschäftigen zuzuordnen ist, muss es sich hierbei um ein Spiel handeln. Und da lässt sich Anchora nicht lange bitten.
173: Anchora, die
es für ein Spiel hält, fragt den Ingenieur lächelnd: "Kann ich auch mit
spielen?"
Für einen Moment verliert der Ingenieur seinen selbstgefälligen, gönnerhaften
Sadismus und schaut Anchora verblüfft an, ...
174: ... um dann, laut heraus lachend, zu sagen: "Aber immer doch."
175: Mit sadistischem Grinsen hält er Anchora die Gittertür zu einem kleineren Käfig auf. Erwartungsvoll lächelnd steigt Anchora bereitwillig hinein.
176: In der offenen Tür hat sich der Ingenieur noch mal umgedreht, um einen Blick auf die beiden verschlossenen Käfige zu werfen.
177: Die Tür schlägt zu. Von draussen ist das laute Lachen des Ingenieurs zu hören.
Fürs Publikum dürfte die dramatische Situation jetzt klar abgesteckt sein. Der arme Junge, dessen Ohnmacht gegenüber dem Monster schmerzhaft deutlich ist. Anchora als scheinbar chancenloser Widerpart des Monsters. Und Anchoras Beziehung zu Rehborn, die sich erst jetzt in Abwesenheit des Monsters entwickeln kann. Wird es ihr gelingen, Zugang zu finden zu dem hinter riesigen Mauern der Angst gefangenen Jungen?
Der Zeitpunkt ist nicht eben günstig, denn der Junge leidet unter Klaustrophobie und verspürt in diesem Käfig eine zunehmende Panik, die sich zur ausgewachsenen Todesangst steigert. In der folgenden Szene müssen wir diese Angst sorgfältig schildern, damit dem Publikum so richtig bewusst wird, was für ein gar nicht lustiges, widerliches Schwein unser Tyrann ist. Es muss richtig weh tun.
178: Als sei ein Teil der Kistenwand aus Glas, ist der eingepferchte Rehborn zu sehen. Er zittert, atmet gepresst, sein Gesicht ist angstvoll und verschwitzt. Seine Angst vor engen Räumen bricht sich Bahn.
179: In derselben Ansicht hockt Anchora gemütlich da. Ihr ist die Enge völlig schnuppe. Sie fragt sich nur, wie wohl dieses Spiel geht: "Wie geht denn dieses Spiel, Rehborn?"
180: Rehborn wie oben. Die Angst schnürt ihm die Kehle zu. Er versucht verzweifelt, seiner Panik mit stossweisem 'Hng... Hng... Hng' Herr zu werden.
181: Anchora wie oben. Sie macht auch 'Hng... Hng... Hng',...
182: ... um dann zu fragen: "Ist es so richtig?"
183: Rehborn wie oben, atmet heftiger, macht: "Haaa... Haaa... Haaa".
184: Anchora wie oben, macht 'Haaa... Haaa... Haaa', weil sie meint, das habe was mit dem Spiel zu tun.
185: Rehborn wie oben, hat den Mund weit geöffnet: "Aaaaaaaaaaah..."
186: Anchora wie oben, äfft ihn nach: "Aaaaaaaaaaah..."
187: Rehborn wie oben, schlottert so stark, wie es die enge Box erlaubt und murmelt in panischer Wiederholung: "Ich sterbe... ich sterbe... ich sterbe..."
188: Anchora wie oben, runzelt die Stirn. Sie merkt allmählich, dass hier etwas nicht stimmt. Anchora: "Das ist kein lustiges Spiel. Ich werde dir etwas singen."
189: Über Anchoras Käfig steigt ein Lied empor, während bei Rehborn das rhythmische 'Ich sterbe... ich sterbe... ich sterbe' zu hören ist.
190: Der singende Mund Anchoras ist zu sehen und das Ohr von Rehborn, in welches sich die Melodie schlängelt.
Ah, endlich offenbaren sich Anchoras besondere Fähigkeiten, die offensichtlich in einem beschwörerischen Gesang liegen. Denn was könnte jetzt wohl nach allen Regeln der Klischees anderes passieren, als dass der Junge sich beruhigt, ja vielleicht sogar einschläft?
Was geschieht, wenn wir dieser Erwartung des Publikums nachgeben? Dann brechen wir unserem sorgfältig aufgebauten Drama mit dem Baseballschläger das Genick. Die hundsgemeine Folter unseres Tyrannen würde in einem friedlichen Nickerchen enden. Die Zauberfee Anchora hätte mit ihren magischen Kräften den Prinzen Rehborn erlöst. Der Rest der Geschichte wäre reine Formalität. Denn warum sollte sie nicht auch den tobenden Tyrannen 'besingen'?
Abgesehen davon muss die Einführung einer solchen Fähigkeit in einer Science Fiction Geschichte wohl begründet sein. Wir müssten mit paranormalen Kräften wie Telepathie oder speziellen Frequenzmodulatoren in den Stimmbändern, welche den Hormonhaushalt beeinflussen, arbeiten. Und je mehr Techno-Sprache wir in die Geschichte einbringen, desto frostiger wird die Atmosphäre.
Warum dann überhaupt Anchora singen lassen, wenn wir damit eine solche Problematik anstechen? Es kommt vor, dass Kinder mit Gesang beruhigt werden. Also ist es für ein Kind nahe liegend, dieses Mittel auch anzuwenden. Es ist nur ein kleiner, kindlicher Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist. Nähren wir aber vorher noch kurz die Hoffnung unseres Publikums.
191: Für einen Moment scheint die Melodie Rehborn zu beruhigen. Er schlägt die Augen auf und unterbricht sein rhythmisches 'Ich sterbe'.
192: Zwischen den Knien hindurch sieht er die nahe Wand des Käfigs.
193: Sein Mund öffnet sich...
194: ... und ein
lauter Schrei aus grösster Panik steigt über seinem Käfig auf: "Aaaaaahhh!!!"
Hilflos schlängelt Anchoras Gesang sich um den Schrei herum.
Treiben wir das Unerträgliche auf die Spitze.
195: Der Kaninchenstall von aussen gesehen. Rehborns nächster Schrei steigt empor. Auch hier schlängelt Anchoras Gesang sich vergeblich drum rum.
Was jetzt noch fehlt, ist die befriedigte Reaktion des Tyrannen. Und Anchoras Erschütterung, die wir mit ein paar Tränen illustrieren.
Wir brauchen noch etwas Kulisse. Ich stelle mir den Tyrannen in einer Art Schaukelstuhl auf einer Veranda vor, wo er wie ein zufriedener Kater den Schreien Rehborns lauscht. Aber ist das gut?
Wie immer, wenn wir uns unsicher fühlen, probieren wir noch andere Ideen aus. Wenn wir uns den Tyrannen vorstellen, wie er vor Geilheit saftend und blöd grinsend hinter einem Baum die Schreie reinzieht, spüren wir sofort, dass uns damit die Figur zwischen den Händen zu Matsch zerfällt.
Der Tyrann ist nicht bereit, zu seinem primitiven sadistischen Bedürfnis zu stehen. Vor seinen eigenen Augen verbirgt er das Abscheuliche unter einem selbstgerechten, bieder-edlen Deckmäntelchen. Alles geschieht zum 'Besten' seiner Opfer, zu ihrer 'Läuterung'. Er hält sich für vollkommen, für einen Angehörigen des Geistesadels. Er lauscht deshalb den Schreien nicht mit saftender Begierde, sondern eher so, als schnuppere sein sensibles Näschen am Bouquet eines edlen Rotweines.
Wir könnten ihn auch als Poeten zeigen, im Wald stehend, getaucht in einen Sonnenstrahl, verzückt den mannigfaltigen Geräuschen des Lebens lauschend. Oder auf einem Stein sitzend, das Kinn mit philosophisch ernstem Denkerblick auf die Faust gestützt. Doch wären solche Posen nicht eher einem angemessen, der über seiner Grausamkeit steht, sie längst akzeptiert hat und nun das Grauen mit bösem Lachen inszeniert?
Unser Tyrann ist eher ein Biedermeier, der häusliches Glück und heile Welt erstrebt. Kein Dämon, der die Grausamkeit in sein Weltbild eingebaut hat. Wir können sogar so weit gehen zu sagen, dass der Sadismus ein störender Fremdkörper ist, der unseren Tyrannen zu einem schmerzlichen Spagat zwischen gütigem Papa und Folterknecht zwingt. Wenn wir die Sache so sehen, können wir schliesslich den Folterknecht mit dem Regen auswaschen. Zurück bleibt dann der wirklich gütige Papa.
Klingt dieses Enge zu langweilig? Wäre es dir lieber, wir würden unseren eigenen Sadismus befriedigen, indem wir den Tyrannen nach einem spannenden Klischee-Showdown möglichst grauenhaft verrecken lassen? Würden wir damit nicht das wunderbare Geheimnis des Regens verraten und verkaufen? Kann der scheinbar aussichtslose Kampf einer Achtjährigen gegen einen bewaffneten Zweimeterbrocken nicht ebenso spannend, vielleicht noch dramatischer sein?
Fragen wir doch das Publikum. Verehrtes Publikum, willst du lieber eine Geschichte, wo der Bösewicht am Schluss vernichtet oder geheilt wird?
Betretenes Schweigen... Was soll der Mist mit dem 'geheilten' Bösewicht? Die ersten Mutigen sprechen es aus... Vernichten... lauter... Vernichten... und alle, ausser ein paar Nachdenklichen... Vernichten, vernichten, vernichten!
Verehrtes Publikum, an welche Geschichte wirst du dich in zehn Jahren noch erinnern: an eine, die du noch nie gelesen hast oder an eine, die du schon tausend Mal gelesen hast?
Spontan, mit einer Stimme: An eine, die wir noch nie gelesen haben!
Danke, liebes Publikum. Dann bleiben wir dabei und schreiben eine Geschichte, wie du sie noch nie gelesen hast.
Der selbstgerechte Biedermann bleibt wohl auf seinem Schaukelstuhl sitzen. Indem wir einen Sadisten auf dieses Symbol familiärer Gemütlichkeit los lassen, verletzen wir wieder ein Klischee und schaffen eine dramatische Spannung zwischen Stuhl und Tyrann.
Da es nicht recht plausibel erscheint, dass ein einzelner Mann ein ganzes Farmhaus mit Veranda allein bauen kann, müssen wir uns überlegen, wie denn eine glaubwürdige Behausung aussehen könnte. Welche Mittel stehen unserem Ingenieur überhaupt zur Verfügung? Warum und mit welcher Ausrüstung ist er in diesen Krater gekommen?
Auch wenn wir diese Fragen in der Geschichte nicht zu beantworten brauchen nach dem Motto 'Zu viele Antworten verscheuchen den Zauber', hilft uns ihre Beantwortung dabei herauszufinden, ob er in einer selbst gezimmerten Holzhütte lebt oder in einem vom Hubschrauber eingeflogenen Forschungscontainer.
Science Fiction gerecht wäre vermutlich so ein Container mit einer Antenne auf dem Dach, über die der Ingenieur seine Forschungsergebnisse weiter leitet. Aber irgend wie mag ich mich dem Genre-Diktat, alles so lange zu zerklären, bis jede Atmosphäre kaputt ist, nicht beugen. Nur schon die Andeutung einer Beziehung zur Aussenwelt verändert die Grundlage unserer Geschichte.
Warum? Die beklemmende Macht unseres Tyrannen löst sich auf wie das Badesalz in der Badewanne, wenn da plötzlich Hubschrauber einfliegen und Leute auftauchen könnten. Die beiden Kinder bräuchten sich ja nur in die Obhut dieser Leute zu begeben. Auch wenn das nicht geschieht, liegt diese 'Lösung' immer in der Luft wie eine Posaune, die unseren fein gearbeiteten Kontrapunkt störend durchtutet.
Was gäbe es denn sonst für einen Grund, hier zu leben? Da muss einer doch verrückt sein. Die Leute leben an den seltsamsten Orten aus zwei einfachen Gründen: weil es ihnen dort einigermassen gefällt und weil der Grundstückspreis erschwinglich war. Was mag so ein Wasser gefüllter Wüstenkrater im Dauerregen kosten? Wohl nicht mehr als ein Butterbrot.
Unser Tyrann, der bei den 'normalen' Menschen als Sonderling vermutlich eher einen schweren als respektvollen Stand gehabt hat, dürfte dieses Butterbrot gerne bezahlt haben, um hier sein eigenes Königreich aufzubauen. Demütigende Kontakte mit der Aussenwelt wir er auf ein Minimum begrenzen. Dies erlaubt uns, die Aussenwelt wegzulassen, ja sie nicht einmal zu erwähnen, um das Drama unserer Geschichte nicht zu verwässern.
Damit wissen wir immer noch nicht, ob er sich einen Wohncontainer hat einfliegen lassen oder sich selber eine Blockhütte gebaut hat. Um dies zu entscheiden, brauchen wir noch andere Beurteilungsgrundlagen. Wir könnten eine Münze werden: Kopf Container, Zahl Hütte.
Oder wir stellen uns die beiden Behausungen ganz intensiv vor und schauen, an welcher wir 'kleben' bleiben...
Nun? Unser Kotzbrocken hat mit dem Frühstücktisch im Wald und dem heimeligen Kaninchenstall mit Tier freundlichem Auslaufgehege durchaus Sinn für Romantik bewiesen. Eine Wohnwagen-Tristesse passt da gar nicht zu ihm. Deshalb neige ich stark zum Hänsel und Gretel knusperknäuschen Häuschen.
Ein romantischen Domizil verdeutlicht den inneren Zwiespalt unseres Ingenieurs. Er hat auch sympathische Seiten. Eben weil er nicht der Teufel ist, sondern vom Teufel geritten wird. Gelingt es uns, den Teufel aus dem Sattel zu stechen, haben wir einen ganz passablen Burschen vor uns.
196: Der Ingenieur sitzt in einem Schaukelstuhl. Im Moment ist aber nur sein Kopf zu sehen, der auf einem dünnen Polster des Stuhles liegt. Sein Gesicht badet in einem Sonnenstrahl, der durchs Blätterdach fällt. Die Augen sind geschlossen, die Lippen zu einem friedlichen Lächeln geformt.
197: Aus der Distanz ist zu sehen, dass sich der Schaukelstuhl auf flachem Waldboden befindet, wenige Meter vor einem romantischen Zuckergussblockhäuschen.
198: Durch die Bäume dringt Rehborns Todesangstschrei in dieses friedliche Bild.
199: Das Lächeln des Ingenieurs wird breiter. Der Schrei tut ihm gut.
200: Anchora hat nicht aufgehört zu singen. Aber die entsetzlichen Schreie Rehborns treiben ihr die Tränen ins Gesicht.
Wie soll das enden? Ich habe mal von einem Experiment gehört, bei dem untersucht werden sollte, was geschieht, wenn ein Mensch von sämtlichen Sinneswahrnehmungen abgeschnitten wird. Zu diesem Zweck legten sie die Versuchsperson in einen mit Flüssigkeit gefüllten Tank, so dass der selbstverständlich mit Sauerstoff versorgte Körper in der Schwebe war. Der Tank wurde, um jeden Lärm und jede Erschütterung fern zu halten, etliche Meter in den Boden versenkt. Im Tank war's stockdunkel.
Nun da sämtliche Sinnesreize ausgeschaltet waren, sollte in Ruhe festgestellt werden, wie die Versuchsperson reagiert. Und wie sie reagierte! Die Versuchsperson bekam Panik, die Zahl der weissen Blutkörperchen schnellte so dramatisch in die Höhe, dass das Experiment abgebrochen und die Person notfallmässig aus ihrem Gefängnis befreit werden musste. Sie wäre sonst gestorben.
Angst ist also nicht bloss ein 'Gefühl'. Stark genug kann sie chemische Prozesse im Körper auslösen, die zum Tod führen.
Wie soll das enden? Nein, nicht mit dem Tod Rehborns. Ich habe das nur erwähnt, damit wir uns bewusst sind, dass wir hier mit dem Feuer spielen. Es ist verdammt nicht witzig, jemanden in Todesangst zu versetzen. Er könnte dabei verrecken.
Schliessen wir einen Kompromiss und lassen wir Rehborn in eine gnädige Ohnmacht sinken. Das Verstummen der Schreie ist für den Tyrannen das Signal, den Jungen frei zu lassen. Mit fast rührender Sorge wird er ihn auf seinen Armen in die Hütte tragen. Anchora wird neben ihm gehen und fragen stellen.
Mit Bild 200 haben wir ein Fünftel unserer Geschichte. Zeit, einen Blick auf unseren Brückenbogen zu werfen. Der Bogen scheint sich vortrefflich zu entwickeln. Das Drama ist aufgebaut. Die Fragen sind gestellt. Jetzt haben wir 800 Bilder, sie zu beantworten.
201: Szenenanfang:
Mühelos trägt der Ingenieur den bewusstlosen Rehborn auf seinen starken Armen
ein Waldweglein entlang. Sein milder, fürsorglicher Blick ruht auf dem Gesicht
des Jungen. Hinter ihm versucht Anchora Schritt zu halten.
Dass der Ingenieur milde gestimmt ist, kann uns nicht verwundern. Er hat seinen sadistischen Hunger gestillt und liegt nun sozusagen mit gefülltem Bauch in der Sonne. Wie aber gestalten wir den Dialog zwischen ihm und Anchora? Stellen wir uns mal die beiden Perspektiven vor: Vom Riesen hinab zu dem Zwerg, vom Zwerg hinauf zu dem Riesenrücken.
Da Anchora die Fragen stellt, ist es ein interessanter Versuch, ihr den Riesenrücken als Gesprächspartner zur Verfügung zu stellen. Das Mädchen ist verwirrt, versucht zu verstehen. Wie ein Fels steht dieser mächtige Rücken zwischen ihr und dem Begreifen, was hier abläuft.
202: Anchora ist verwirrt von dem merkwürdigen Spiel, das so gar nicht lustig war. Sie schaut hoch zu dem mächtigen Rücken des Ingenieurs und schiesst einen Fragepfeil ab: "Du, Herr Chefingenieur, das war kein lustiges Spiel. Warum hat Rehborn immer gerufen?"
Eine Frage kann einen grossen Teil der Antwort beinhalten. Oder anders: Würde Anchora 'schreien' statt 'rufen' benützen, würde sie damit verraten, dass sie über Wut und Panik bescheid weiss. Denn das Schreien geschieht aus Wut oder Panik. Gefühle, die Anchora in dieser Stärke fremd sind. Für sie existiert nur das Rufen, um eine Distanz zu überwinden oder einen Lärm zu übertönen.
Mir fällt grade auf, dass Anchora ja auch kaum wissen wird, was ein Chefingenieur ist. Also wird sie annehmen, dass 'Herrschefinscheniör' ein Name ist, den sie entsprechend lautmalerisch nachspricht. Ändern wir das:
202: Anchora ist verwirrt von dem merkwürdigen Spiel, das so gar nicht lustig war. Sie schaut hoch zu dem mächtigen Rücken des Ingenieurs und schiesst einen Fragepfeil ab: "Du, Herrschefinscheniör, das war kein lustiges Spiel. Warum hat Rehborn immer gerufen?"
So, und jetzt muss sich der 'Rücken' rausreden. Da er alles nur zum 'Besten' Rehborns tut, wird ihm das nicht schwer fallen.
203: Während des folgenden Gesprächs geht der Ingenieur unbeirrt weiter. Wenn Anchora spricht, wird sie von der Schulter des Ingenieurs herab gezeigt, um ihre aussichtslose Kleinheit spürbar zu machen. Spricht der Ingenieur, wird der Rücken des Riesen mit Anchoras Augen gezeigt, um seine unüberwindliche Machtfülle spürbar zu machen. Ingenieur: "Ja hat er denn gerufen? Ich habe nichts gehört. Ich habe gedacht, ihr spielt schön zusammen."
Da unser Tyrann gleichzeitig ein Spiesser ist, der bei seinen sadistischen Vergnügungen nicht gern beobachtet wird, versucht er's zuerst mit Leugnen.
204: Anchora lässt nicht locker: "Zuerst hat er 'Ich sterbe ich sterbe' gesagt und dann ganz laut 'Aaahhh'."
205: Ingenieur: "Das verstehe ich nicht. Rehborn hat doch gerne Häuschen, in denen er sich verkriechen kann."
206: Anchora: "Er hat das nicht gern. Es hat ihm weh getan. Ich habe geweint."
207: Ingenieur: "Was, dieser ungezogene Junge hat dich zum Weinen gebracht?! ... Ich werde ihn bestrafen, sobald er aufwacht."
Ein Dialog hat seine innere Logik. Hier zum Beispiel ergibt sich die Logik aus dem Bemühen des lügnerischen Ingenieurs um Vertuschung seiner wahren Gefühle und Anchoras Ehrlichkeit und Wunsch zu verstehen, was geschieht. Dadurch entwickelt sich der Dialog 'von selbst', indem eben auf jede Äusserung eine 'logische' Antwort folgt.
Dabei sind wir nichts weiter als die Erfüllungshilfen der sprechenden Personen. Unser Job ist es, uns in die jeweils sprechende Person hoch konzentriert einzufühlen und dann wie sie zu reagieren, zu antworten. Das geht so weit, dass wir selber öfters überrascht sind von den Äusserungen unserer Personen.
Ob ein Gespräch spannend ist, darum brauchen wir uns nicht zu sorgen. Wenn wir die Charaktere richtig gewählt haben, ergibt sich die Spannung im Dialog von selbst aus der Spannung zwischen den Charakteren.
Dieses Geschehenlassen von Dialogen hat den Vorteil, dass es auch für das Publikum kaum möglich ist, die Gesprächsentwicklung zu ahnen und es daher stets gefesselt bleibt.
Wir 'manipulieren', lenken ein Gespräch nur in eine bestimmte Richtung, wenn wir gewissen Äusserungen für den Fortgang der Geschichte brauchen. Dies darf nur mit äusserster Vorsicht geschehen, da ein unpassendes Stück Dialog sofort zu einem Spannungsbruch führt.
Lesen wir noch mal Bild 207, dann sind wir dank unserer Methode überraschenderweise in die unangenehme Situation geraten, dass Rehborn der Sündenbock ist. Wie soll Anchora jemals einen Zorn auf den Ingenieur entwickeln, wenn doch Rehborn der Idiot ist, der sie zum Weinen gebracht hat?
Dabei hilft uns Anchora aus der Patsche. Ihre Ehrlichkeit zu sich selber sagt ihr, dass ihr Tränen aus Mitgefühl geflossen sind und nicht weil Rehborn sie gepiesackt hat.
208: Anchora: "Es hat Rehborn weh getan. Dann sind die Tränen gekommen. Er hat mir nicht weh getan. Du musst ihn nicht strafen..."
209: Der Riese schweigt.
210: Anchora: "Warum hat Rehborn so laut 'Aaahhh' gemacht?"
Zeit für eine dramatische Pause zum Zeigen, dass Anchora den Tyrannen in die Enge treibt. Auch dürfen wir den Dialog nicht zu lange ohne Bildwechsel fortführen.
211: Sie erreichen den märchenhaft schönen Ort im Wald mit dem romantischen Blockhaus und dem Schaukelstuhl.
212: Schweigend trägt der Ingenieur Rehborn ins Haus.
Hier sind wieder ein paar Entscheidungen fällig. Wie leben die beiden? Wenn ich mir vorstelle, dass die Hütte einen Reiheneinfamilienhausgrundriss hat, bin ich gar nicht froh. Machen wir doch einfach ein Wohn-Schlafzimmer draus. Fürs Kochen, Waschen etc. haben wir ja noch genug Platz im Wald.
213: Die neugierigen Augen Anchoras sehen einen einzigen gemütlichen Raum mit zwei Schlafstellen, einem offenen Kamin und ein paar schlichten selbst gezimmerten Möbeln. Der Ingenieur ist dabei, Rehborn auf eine der Schlafstellen zu legen.
214: Wie der Ingenieur dabei ist aufzustehen, sagt Anchora noch mal: "Warum hat Rehborn so laut 'Aaahhh' gemacht?"
215: Der Ingenieur hat sich umgedreht und schaut dieses dreiste Gör mit einem langen, halb amüsierten, halb irritierten Blick an. Anchoras bohrende Augen lassen jedoch keinen Zweifel daran, dass er an einer Antwort nicht vorbei kommt...
216: ... und so bequemt er sich seufzend zu sagen: "Immer wenn Rehborn böse war, macht er laut 'Aaahhh', damit das Böse aus ihm raus geht."
217: Stirn runzelnd, schaut Anchora vor sich hin. Sie muss diese merkwürdige Auskunft erst verdauen.
218: Mit feinem Grinsen beobachtet der Ingenieur, wie es in Anchora arbeitet. Und um sie endgültig zu verwirren, fragt er harmlos: "Warum hast du nicht 'Aaahhh' gemacht?"
219: Anchora, nachdenklich vor sich hin: "Ich bin nicht böse..."
220: Anchora, mit einem Blick, als wolle sie den Ingenieur röntgen: "Warum weisst du, dass ich nicht 'Aaahhh' gemacht habe? Du hast doch gar nichts gehört?"
221: Das hat gesessen. Fast geschockt starrt er sprachlos in die grossen, aufmerksamen Augen dieses Kindes, das ihm zunehmend wie ein aus dem Wald entsprungener Giftzwerg erscheint, nur gekommen, ihn zu quälen.
O was für eine überraschende Wendung! Aus dem selbstgefälligen Verarscher wird plötzlich ein Angeklagter. Und vor Anchoras Blick gibt es kein Entrinnen. Überlegen wir uns gut, wie der Tyrann reagiert...
Die Verblüffung unseres Tyrannen beruht darauf, dass er einem achtjährigen Mädchen nicht solchen Scharfsinn zugetraut hätte. Es ist also nicht Anchoras Schlussfolgerung, sondern die Tatsache, dass sie es gemerkt hat. Hingegen ist es sehr wahrscheinlich, dass er auf die Frage selbst eine passende Antwort findet. Schliesslich hat er sich ein Leben lang im Verstellen und Lügen geübt.
222: Der Ingenieur reisst sich zusammen und als routinierter Lügner weiss er auch eine Antwort: "Wenn du 'Aaahhh" gemacht hättest, würdest du jetzt auch schlafen. Es ist erschöpfend, das Böse aus sich raus zu lassen."
223: Anchora lässt sich von der merkwürdigen Theorie besänftigen: "Ja, ich habe kein Böses."
Das hätte sie nicht sagen sollen. Damit gibt sie dem Tyrannen das 'Recht', seine Elektroschocks an ihr auszuprobieren. Denn wenn er sie zum 'Aaahhh'-Rufen 'bewegen' kann, hat er 'bewiesen', dass auch in ihr 'Böses' steckt.
Er soll Anchora auch bewusstlos foltern. Dann kann er sie neben Rehborn legen und die beiden können später zusammen aufwachen. Damit haben wir einen guten, logischen Ablauf auf eine Szene hin, die wir als eigentlichen Anfang ihrer Beziehung gestalten können. Denn so lange der Polterer dabei ist, können wohl kaum zarte Bande wachsen.
224: Der Ingenieur provoziert die Kleine: "Das glaube ich nicht."
225: Anchora lässt sich nicht einschüchtern und fragt selbstbewusst: "Warum nicht?"
226: Ingenieur, mit schrägem Lächeln die Hütte verlassend: "Komm, ich zeige es dir."
Wir haben mal gesagt, das Tal müsse den perversen Stempel des Tyrannen tragen. Warum habe ich dann das Gefühl, dass es hier märchenhaft schön ist, die kleinen, bezaubernden Gebäude überschaubar angeordnet sind, verbunden durch offene, weiche Waldwege, alles getaucht in die Honigbalken der Sonne, eine beglückende Geborgenheit verströmend?
Ist unser Tyrann etwa ein stiller Poet, der hier seine kindliche Sehnsucht nach dem Märchenland zum Ausdruck bringt? Hast du ein Problem damit? Legst du Wert auf den Bösen, der durchs Band weg schlecht ist, mit jeder Faser seiner Existenz, ein Subjekt, geschaffen zum Verabscheuen, zum Hassen und Vernichten? Für mich gibt es diesen meist männlichen, eindeutigen Bösewicht nicht. Es gibt nur Menschen mit Defekten. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass alle Menschen Defekte haben und wir deshalb unseren Untergang zelebrieren.
Mein Grundthema ist deshalb wohl immer dasselbe. Welches sind diese Defekte und was können wir dagegen tun? Das führt nicht zwangsläufig zu trockenen Abhandlungen. Bei 'Plitsch' haben wir ja auch eine feuchte Sache und eine, wenn auch nicht sehr hilfreiche, poetische Lösung. Aber die Geschichte zeigt immerhin den sadistischen Defekt und die grundsätzlich Möglichkeit seiner Heilung.
Ja, vielleicht ist dieses Märchenland ganz gut. Es wird das Publikum irritieren, das sich fragt, wie kann ein solches Schwein so was Schönes bauen? Damit hat es schon den ersten Schritt getan zur Abtrennung des Defektes vom Menschen. Zur Erkenntnis, dass nicht der Mensch böse ist, sondern der Defekt, der ihn wie einen Dämon reitet.
227: Der Ingenieur führt Anchora zwischen ein paar kleinen, märchenhaft bezaubernden Gebäuden durch, die überschaubar angeordnet sind, verbunden durch offene, weiche Waldwege, getaucht in die Honigbalken der Sonne, eine beglückende Geborgenheit verströmend.
228: Mit grossen, staunenden Augen nimmt Anchora dieses Märchenland in sich auf.
Dass es hier vor allem atmosphärische Hinweise zum 'Märchenland' gibt und kaum Details, hat seinen Grund. Die Zeichnenden sollen sich diese Szenerie, bei der es vor allem auf die Stimmung ankommt, aus einem Guss vorstellen können. Zu viele Details gefährden den grossen Wurf. Als würden wir sagen, zeichne uns eine junge Frau, aber verwende dazu die linke Stirnhälfte und das Lächeln der Mona Lisa. Obwohl solche Übungen, ähnlich unserem 'Bach-Training' am Anfang, zur geistigen Lockerung der Zeichnenden beitragen mögen, dürfen wir zweifeln, dass dabei heraus kommt, was wir brauchen.
Ein Detail allerdings müssen wir ausarbeiten, das Elektroschockhäuschen nämlich. Soll es wieder ein Stall sein, vielleicht mit Hühnern, Enten, Gänsen, Schafen oder Schweinen? Solche Wiederholungen sind nicht zwangsläufig langweilig. Sie helfen, die Geschichte zu strukturieren und geben dem Publikum einen Halt. Das Publikum könnte sich sagen 'Aha, der Sack braucht die Ställe von Haustieren, um seine Folterinstrumente zu verstecken'.
Wollen wir das? Wollen wir einen Parcours von Folterinstrumenten in Ställen einrichten? Diesen Weg haben wir uns mit dem Münzenwurf des Tyrannen verbaut. Die Wahl lautet 'K' oder 'E', Käfig oder Elektroschock. Also brauchen wir uns über weitere Foltermethoden nicht den Kopf zu zerbrechen. Die Frage Stall oder nicht Stall ist damit aber nicht geklärt.
Nähern wir uns der Frage mal fragend. Hat der Stall eine nützliche Symbolik? Wie ist es zum Kaninchenstalle gekommen? Doch bloss, weil wir wollten, dass das Publikum die Käfige zuerst für Kaninchenboxen hält. Eine Box für ein putziges Karnickel und plötzlich entpuppt sie sich als Folterinstrument. Also ging es nicht um den Stall, sondern um die Überraschung.
Konstruieren wir folglich eine weitere Überraschung für unser Publikum. Da es kein Stall sein muss, könnten wir doch noch unsere Windmühle verbraten, die kürzlich gegen die schnöden Nanowasserrädchen verloren hat. Elektroschocks brauchen auch Energie. Eine hübsche, kleine, romantische Märchenwindmühle mit Solarzellen auf den Flügeln. Und drinnen macht unser Ingenieur auf einer Piano-Tastatur 'Musik'. Wobei das Publikum erst allmählich begreift, dass die Tastatur immer stärkere Stromstösse aussendet zum 'Klangkörper' Anchora, dessen Schreie die 'Musik' sind.
Selbstverständlich wird Anchora schreien. Und der Tyrann wird selbstgefällig grinsen, weil ihm der Beweis, dass es Böses gibt in Anchora, so bravourös gelungen ist. Und genau da wird er sich schneiden. Anchora weiss nämlich genau, dass ihre Schreie auf Schmerz und nicht auf Böses zurück zu führen sind. Also wird sie sich bewusst, was für ein Schwindler dieser Herrschefinscheniör ist. Erst dieses Bewusstsein wird Anchora ermöglichen, gegen den Typen vorzugehen.
Bringen wir diese unappetitliche Folterszene hinter uns. Je mehr uns eine Szene zu schaffen macht, desto mehr Disziplin müssen wir aufwenden, um sie nicht hin zu schludern. Aber warum macht sie uns überhaupt zu schaffen? Wir könnten doch einfach 'cool' bleiben und sie handwerklich sauber abdrehen.
Eine Szene gut machen und dabei cool bleiben ist ein Widerspruch. Damit die Szene 'stimmt', müssen wir den Ort, seine Atmosphäre, die Charas in unserem Bewusstsein als intensiven Tagtraum entstehen lassen. Wie in einer Wahnvorstellung erleben wir das Geschehen, als ob wir mitten drin wären, als Zuschauende oder Handelnde. So werden wir spüren, wie der Tyrann die Ledermanschetten um unsere Handgelenke bindet, das harte, schräg stehende Brett im Rücken. Wir spüren, wie der Strom durch unseren Körper zuckt und unsere Muskeln sich schmerzhaft verkrampfen, stärker und stärker, bis unser tapfer verschlossener Mund sich öffnet und wir hören, wie sich aus ihm ein schrecklicher Schrei löst, als sei er von einer anderen Person.
Diese Wahnvorstellung zu erzeugen und aufrecht zu halten, erfordert grosse Kraft. Es kann schon mal passieren, dass uns dabei die Tränen übers Gesicht rollen. Anschliessend sind wir ziemlich erschöpft. Das wird zwar niemand verstehen, aber wir können trotzdem zufrieden sein. Wir haben unser Bestes gegeben.
Also reissen wir uns zusammen. Durchreiten wir das Tal der Tränen. Ersparen wir uns nichts. Der Lohn wird reichlich sein.
229: Zielstrebig schreitet der Ingenieur auf eine bloss fünf Meter hohe, hübsche, romantische Holzwindmühle zu. Ihre viel hölzernen Flügel drehen sich nicht. Sie sind mit Solarzellen zur Stromerzeugung bedeckt, deren schwarze Oberflächen im Sonnenlicht glänzen.
230: Neugierig folgt Anchora dem Ingenieur in die Windmühle.
231: In dem überschaubaren Raum hat es keinerlei Mahlwerkzeuge. Viel mehr scheint er zum Musik machen eingerichtet zu sein. Da steht ein runder Hocker aus einem Stück Baumstamm vor der Tastatur eines Elektropianos. Weitere Instrumente fehlen. Gegenüber dem Piano ist ein merkwürdiges mannshohes und -breites Brett an die Wand gelehnt. Es ist sehr dick. An vier in der Länge verstellbaren Gurten ist je eine Ledermanschette angebracht. Die Gurten führen jeweils in einer der vier Ecken durch ein Loch im Brett und sind offenbar auf der Rückseite des Brettes irgend wie festgemacht.
232: Ingenieur, mit falschem Lächeln auf das Brett weisend: "Stell dich vor das Brett. Ich werde dir etwas vorspielen."
233: Anchora, zum Brett wieselnd, freudig: "Au ja."
234: Der Ingenieur kniet vor Anchora, um ihr die Fussmanschetten anzulegen. Anchora, neugierig: "Warum machst du das?"
235: Ingenieur, stehend, die zweite Handgelenksmanschette befestigend, mit falschem Lächeln: "Weisst du, meine Musik ist so schön, dass du tanzen musst. Und ich will nicht, dass du dich dabei verletzt."
236: Anchora steht zwar noch am Boden, ist aber, alle Viere von sich gestreckt, ans Brett gefesselt. Der Ingenieur nimmt hinter dem Piano Platz. Anchora blickt erwartungsvoll.
237: Der Ingenieur streckt seine zehn Finger über die Tastatur, als wolle er gleich mit einem beeindruckenden Klavierspiel beginnen, ...
238: ... um dann mit dem kleinen Finger die weisse Taste ganz links nieder zu drücken.
Das Publikum weiss längst, dass hier etwas oberfaul ist, aber lassen wir es mit seinen schlimmen Befürchtungen noch etwas zappeln. Auch ist unser Sadist ein Geniesser, der nicht das ganze Menü wie ein gieriger Hund mit einem Haps runter schlingt.
239: Anchora, kichernd: "Ui, das kitzelt!"
240: Mit fiesem Grinsen drückt der Ingenieur mit dem Ringfinger die zweite weisse Taste von links.
241: Anchora, ernst: "Ui, das hat fast weh getan..."
242: Anchora, etwas irritiert: "Aber ich höre keine Musik."
243: Der Ingenieur amüsiert sich köstlich mit Anchoras Naivität und sagt mit breitem Grinsen: "Bald, mein halbes Portiönchen, bald wirst du die Musik hören."
244: Sein Mittelfinger schlägt die dritte weisse Taste an und Anchora zuckt zusammen unter dem Stromstoss und macht 'Aua'.
245: Rhythmisch haut der Mittelfinger nun die dritte Taste und die zuckende Anchora macht dazu 'Aua... Aua... Aua...'.
246: Der Ingenieur tippt mit dem Zeigefinger die vierte Taste und sagt mit der Miene eines konzentrierten Konzertpianisten: "Etwas lauter, bitte."
247: Zuckend ruft
Anchora mit schmerzlichem Gesicht lauter 'Auaa... Auaa... Auaa'.
Gleichzeitig beginnt der Ingenieur zu singen: "Auaa, Auaa, lalaa, lalaa,
hörst du die Musik, mein sündiges Kind?"
248: Der Daumen
hackt auf die fünfte Taste und Anchoras Körper verformt sich grotesk unter dem
stärkeren Stromstoss. Ein längerer, lauterer Schmerzensschrei aus ihrem Mund:
"Aiaaa..."
Dazu singt der Ingenieur: "Du bist das Instrument..."
249: Die sechste
Taste mit dem Daumen der rechten Hand. Anchora: "Aiiiaaa..."
Ingenieur singt: "Du machst die Musik..."
250: Die siebte
Taste mit dem Zeigefinger. Anchora: "Aiiiiaaaa..."
Ingenieur singt: "Die süsse Musik..."
251: Die achte Taste
mit dem Mittelfinger. Anchora, deren Körper sich immer grotesker verkrampft:
"Aaiiiiiaaaaa..."
Ingenieur singt: "Vom sündigen Kind..."
252: Die neunte
Taste mit dem Ringfinger. Anchora: "Aaaaahhhhh..."
Ingenieur singt: "Hörst du, wie das Böse..."
253: Die zehnte Tast
mit dem kleinen Finger. Anchora: "Aaaaaahhhhhh..."
Ingenieur singt: "Aus dir springt?"
254: Mit dem grimmigen, auf die Tastatur gerichteten Gesicht eines donnernde Tonsalven eruptierenden Pianisten lässt der Ingenieur seine Rechte hoch schnellen, ...
255: ... um seinen Zeigefinger wie einen Habicht herab stechen zu lassen...
256: ... auf eine Taste in der rechten Hälfte der Klaviatur.
257: Sein hoch zuckender Kopf sieht Anchoras Körper, der aussieht, als habe jemand deformierte Armierungseisen durch ihre Gliedmassen gesteckt. Ihre Augen sind geschlossen. Ihr Mund ist stumm. Dieser letzte Stromschlag hat ihr das Bewusstsein genommen.
258: Sanft gleiten die Hände des Ingenieurs in seinen Schoss. Durch das Loslassen der letzten Taste wird der Stromkreis unterbrochen und Anchoras Körper erschlafft.
259: Mit geschlossenen Augen, gelöstem Gesicht, ermattet von seiner künstlerischen Darbietung geniesst der Ingenieur den Augenblick.
260: Die bewusstlose Anchora auf seinen Armen, betritt der Ingenieur die Wohnhütte, ...
261: ... wo er Anchora behutsam auf das zweite Schlaflager legt.
262: Sein Blick streift den immer noch bewusstlosen Rehborn, ...
263: ... dann verlässt er schweigend das Haus.
Puh, verdammt. So was sollten wir nicht alle Tage machen. Da müssen wir ja um unsere geistige Gesundheit fürchten.
Ob das Publikum uns diese Szene verzeihen wird? Haben wir die Irritation zu weit getrieben, so dass sich das Publikum fragt 'Was soll der Scheiss? Bin ich hier im falschen Film?'. Wir sind noch zu benommen von der Szene und können nicht die nötige Distanz gewinnen, um das zu beurteilen.
Können wir wenigstens sagen, ob sie zu lang oder zu kurz ist? Sie geht über 30 Bilder, macht 6 Seiten. Zu lang jeden Falls nicht. Aber auch nicht zu kurz, denn sie enthält die wesentlichen Elemente der Unerträglichkeit. Diese Mischung aus braver Hausmusik mit dem singenden Papa, betulicher Ordnungsliebe mit Taste für Taste drücken, gleichzeitiger Steigerung des Schmerzes. Als sei es ein Musikstück mit drei Stimmen, dessen dritte Stimme in kreischendem Kontrast, Kontrapunkt zu den anderen steht.
Das Unerträgliche daran ist die Stinknormalität des Ingenieurs. Wäre er ein klischöser, irr lachender Verrückter, würde das Publikum nichts anderes erwarten als ein Aufeinanderstapeln von Grausamkeiten.
Immerhin haben wir jetzt den Weg frei geschaufelt für eine zarte Aufwachszene, mit der wir hoffentlich unser Publikum für den erlittenen Schmerz entschädigen werden.
Fahren wir unsere Schmetterlingsflügel aus und ertasten wir damit, was sich zwischen Anchora und Rehborn ergeben mag.
Zuerst müssen wir die Szene zeitlich einordnen. Vom Frühstück bis zur Ohnmacht der beiden dürfte es Mittag geworden sein. Dann sind sie am Nachmittag bewusstlos und wachen vor dem Abendessen auf. Wie eine Kreissäge wird der Ruf unseres fürsorglichen Tyrannen zum Abendbrot die Szene beenden.
Aber was geschieht denn jetzt zwischen den beiden? Wer wacht zuerst auf?
Ich werde das Gefühl nicht los, dass Rehborn bei dem 'Gespräch' gar nichts sagen wird. Die Angst versiegelt seinen Mund. Es ist Anchoras Aufgabe, dieses Siegel zu brechen, den verschütteten Zugang zu dem Jungen frei zu legen. Aber beim ersten Versuch wird es ihr nicht gelingen, darf es ihr nicht gelingen. Stellen wir uns einen plötzlich drauf los plappernden Rehborn vor. Die ganze dramatische Spannung zwischen den beiden wäre im Eimer.
Viel besser für unser Thema ist es doch, wenn Rehborn zum ersten Mal im Geborgenheit spendenden Regen sich öffnet. Das trifft sich gut. Ein Energieabfall bei den Frostwandprojektoren zwingt zum raschen Aussäen von Nanowasserrädchen. Nach dem Eindunkeln schickt der Tyrann die beiden raus, wo sie im Schein des Lampions ihre Pflicht tun. Rehborn könnte Anchora seinen Unterschlupf zeigen, wo sie gemeinsam dem Regen lauschen. Hier und jetzt könnte Rehborn zum ersten Mal was sagen. Damit hätten wir die Nerven des Publikums genug strapaziert, die dramatische Spannung voll ausgeschöpft.
Die Szene ist eingebettet. Legen wir unseren Schmetterlingsflügel auf die beiden, um zu erspüren, wer zuerst erwacht...
Es ist Rehborn. Er soll Gelegenheit haben, sich Anchora zu nähern, ohne sich vor ihrem wachen, forschenden Blick verbergen zu müssen.
264: Szenenanfang:
Rehborn liegt seitlich auf seinem Lager. Seine Augen sind offen. Es ist gegen
Abend, immer noch Tag, aber die Sonne scheint nicht mehr durch das kreisrunde
Loch in der Wolkendecke. Deshalb ist das Licht diffus.
265: Etliche Meter entfernt auf dem anderen Lager sieht Rehborn das Mädchen liegen. Es hat ihm den Rücken zugedreht.
266: Rehborn erinnert sich an Anchoras Gesang, der sich mit seinen Schreien vermischt hat.
Rehborn weiss ja nicht, was nachher passiert ist. Er muss annehmen, Anchora sei auch in dem Käfig bewusstlos geworden. Das gemeinsame Leid schafft eine erste emotionale Brücke. Wie schwer die Nebenwirkungen der Folter sind, zeigen wir durch einen Schwindelanfall.
267: Rehborn will aufstehen, ...
268: ... da dreht sich ihm alles...
269: ... und er fällt, schwer atmend, auf alle Viere.
270: In dieser Haltung kriecht er auf Anchora zu.
Warum tut er das, wenn er doch so ängstlich ist? Die Sorge, ob Anchora noch lebt, überwiegt wohl. Im übrigen ist sie bewusstlos. Da kann ihm nichts 'passieren'.
271: Mit einem traurig-vorsichtigen, neugierigen Blick beobachtet er Anchoras schlafendes Gesicht.
272: Ohne sie zu berühren, hält er ihr den Handrücken unter die Nase.
273: Ihr Atem bewegt die feinen Härchen auf seinem Handrücken.
Er traut sich nicht, sie anzufassen, um ihren Puls zu fühlen.
274: Ohne sein traurig-ängstliches Gesicht zu verlieren, denkt Rehborn mit einer kleinen Zufriedenheit: 'Sie lebt.'
Um das Klischee, dass sie gerade jetzt aufwacht, kommen wir wohl nicht herum.
275: Anchora hat die Augen aufgeschlagen und sieht, wie sich Rehborns Hand aus ihrem Gesichtsfeld zurück zieht.
276: Sie dreht sich auf den Rücken und sieht über sich das erschrockene Gesicht Rehborns.
277: Aus Anchoras Perspektive gesehen, springt Rehborn auf, ...
278: ... rennt ein paar Schritte, ...
279: ... taumelt...
280: ... und bricht über seinem Schlaflager zusammen.
Und jetzt spiegeln wir die Szene, um zu zeigen, wie wesensverwandt die beiden in ihrer Anteilnahme sind. Mit 'Spiegeln' ist gemeint, dass sich Anchora jetzt ähnlich verhält wie Rehborn vorhin.
281: Besorgt steht Anchora auf und tut einen Schritt auf Rehborn zu.
282: Alles dreht sich vor ihren Augen, ...
283: ... so dass sie hin fällt auf alle Viere.
284: Tapfer gegen den Schwindel ankämpfend, krabbelt sie auf allen Vieren zu Rehborn, der ihr den Rücken zeigt.
Natürlich hat Anchora keine Angstblockade wie Rehborn und wird daher auch keinen Handrückentest durchführen. Nun, was tut wohl eine, die mit dem Wolf schimpft? Klar doch, sie packt zu:
285: Zum Schrecken Rehborns legt Anchora ihre Hände auf seinen Oberarm...
286: ... und zerrt mit der ganzen Kraft ihres geschwächten, kleinen Körpers daran, ...
287: ... so dass Rehborn widerwillig nach gibt und sich auf den Rücken drehen lässt.
288: Anchora schaut in sein von Angst und Traurigkeit gezeichnetes Gesicht und sagt: "
Ja was? Eine erwachsene Person würde sagen 'Hast du Schmerzen?', 'Geht's dir gut?', 'Wie fühlst du dich?', 'Du musst dich schonen.'. Aber was sagt ein Kind? Vielleicht sollten wir uns etwas Überraschendes einfallen lassen. Etwas zur Verblüffung des Publikums. Vielleicht sogar etwas unfreiwillig Komisches. Nach all dem Horror.
Der Reiz von Anchoras Persönlichkeit besteht ja auch darin, dass sie zwar das Selbstvertrauen eines Staatspräsidenten verströmt, dabei aber nicht altklug ist. Wir dürfen folglich voll in die kindliche Logik abtauchen. Überlegen wir uns dazu, was in diesem Moment in Anchora vorgehen mag.
Kaum aufgewacht, schwindlig, benommen hat sie schon, wie im Reflex, diesen Jungen auf den Rücken gerissen. Erst der Anblick seines leidenden Gesichtes lässt die Erinnerung mit Wucht empor kommen. Da dieses Mädchen sehr wenig Angst empfindet, hat die Folter es nicht traumatisiert. Der Schmerz ist vorbei wie das Bauchweh einer Grippe. Das Leben ist wieder offen für alles.
Auch Rachgefühle sind ihr völlig fremd. Dieser Mann ist nichts weiter als ein Ärgernis, wie eine stachlige Distel, die Bekanntschaft mit dem nackten Fuss schliesst.
Solche Leute gibt's doch gar nicht, sagst du. Aha und deshalb bin ich jetzt ein Idiot? Nein, so hast du das nicht gemeint, aber der Realitätsbezug... Hast du schon vergessen, dass wir in einer Science Fiction Geschichte sind? Woher weisst du, dass Anchora überhaupt menschlich ist? Woher kommt sie denn? Aus einem merkwürdigen, äusserst fremdartigen Luftschiff.
Huch, jetzt kommt der noch mit Aliens! Das ist unfair! Keine Sorge, wir brauchen für unsere Geschichte kein Wurmloch in die nächste Galaxis. Die Erklärung ist viel einfacher.
Alle Geschichten innerhalb des menschlichen Genoms sind für mich äusserst gefährlich. Denn sie langweilen mich zu Tode. Auch wenn wir uns noch so sehr das Gehirn zermatern. Alle Geschichten, die im geschlossenen Universum des Menschentums spielen, sind schon geschrieben. Vielleicht finden wir noch eine extreme Variante, wo jemand auf eine noch nie beschriebene Weise umgebracht wird. Aber was hilft's, wenn der Grund dafür die ewig gleiche Eifersucht, der ewig gleiche Neid, die ewig gleiche Gier, der ewig gleiche Machthunger, der ewig gleiche Rachedurst ist?
Das Publikum spürt das. Deshalb flüchtet es sich in altertümliche oder moderne Fantasy Geschichten, in Erzählungen von fremden Kulturen und Universen.
Wie bereits angedeutet, bin ich von Geschichten, die nur der Flucht dienen, nicht sonderlich begeistert. Wir wollten mit unserer Fantasie das in sich geschlossene, zu ewiger Verdammnis verurteilte menschliche Universum aufbrechen.
Ich glaube nicht mehr an die Verbesserung der Menschheit durch Bildung. Mit üblen Bedürfnissen ausgestattet, dient Bildung dem Menschen nur als Waffe, um seine Bedürfnisse besser zu befriedigen.
Und jetzt kommt mein streng geheimer Kreativ-Trick. Um eine neue Geschichte und gleichzeitig ein Stück Hoffnung auf eine bessere Welt zu erhalten, versuche ich mir Wesen vorzustellen mit leicht abgeänderter Bedürfnisstruktur. In meinem Labor liegen Tausende von abgeänderten Bedürfnisstrukturen, fein säuberlich etikettiert, und warten darauf, die Testreihe einer Geschichte zu durchlaufen. Wie in einer Pharma-Firma, wo unzählige neue Moleküle darauf warten, auf ihre heilsame Wirkung geprüft zu werden.
Anchora ist so ein Molekül, dem wir die maximale Angst 'runter geschraubt' und den Demütigungsschmerz weggelassen haben. Frei von Angst verschwinden seelische Verletzungen, muss unsere Heldin keinen traurigen Zyklus von Demütigung-Hass-Rache-Genugtuung durchleiden. Es ist äusserst faszinierend zu beobachten, wie sich unser 'Molekül' unter Extrembedingungen verhält.
Und ein solches Experiment hat sehr wohl Realitätsbezug. Ich rechne fest damit, dass es eines Tages gelingen wird, unsere unglückliche Bedürfnisstruktur zu korrigieren. Es werden Menschen sein, die dies zustande bringen. Und wenn wir ihnen mit unseren Gedankenexperimenten den Weg weisen, gibt es eine Hoffnung auf Glück. Ohne unsere 'Glücksgeschichten' werden ihnen nur die Horrorszenarien der Militärköpfe zur Verfügung stehen, die sich eiskalte, gehorsame Killmaschinen wünschen.
Wäre doch toll, wenn wir zusammen eine deutsche Manga-Literatur schaffen könnten, die der Welt gibt, was ihr die deutsche Musik gegeben hat. Zumindest ist es tröstlich zu wissen, dass unsere Arbeit nicht völlig sinnlos ist.
Zurück ins Gehirn einer Achtjährigen, husch, husch!
Soll Anchora etwas zur Folter sagen? Die ganze erwachsene Logik will uns zu etwas 'Vernünftigem' zwingen. Davon gäbe es genug. Allein die Augen des Jungen erzählen eine Geschichte. Die Märchenwelt. Dieser merkwürdige Mann. Die eben erlittenen Schmerzen.
All das wirkt so fad und unpassend zu Anchora. Im Gegensatz zu dem völlig verängstigten Rehborn hat das unverwüstliche Kind die Spontaneität eines Tieres. Benutzen wir diesen Tierknüppel, um damit unsere erwachsene Vernunft in die Flucht zu schlagen.
Es ist Abend. Folglich hat Anchora Hunger. Und das ist wohl wichtiger als alles andere.
288: Anchora schaut in ein von Angst und Traurigkeit gezeichnetes Gesicht und sagt: "Ich habe Hunger."
289: In Rehborns Augen, dem die erlittene Folter zu schaffen macht, glitzern Tränen.
290: Damit Anchora nicht sieht, wie er weint, wendet er ihr wieder den Rücken zu.
291: Zu seiner Überraschung reisst ihn Anchora mit erstaunlicher Kraft wieder zurück, ...
292: ... um sich mit einem Plumps auf seine Brust zu setzen, als sei er ein Stuhl.
293: Rehborn sieht, wie Anchora sein Gesicht mit grosser Aufmerksamkeit mustert.
294: Anchora beobachtet die Tränen, die Rehborn übers Gesicht laufen. Rehborn schliesst die Augen, um ihrem Blick auszuweichen.
Anchora spielt gern, auch mit Tränen.
295: Sie legt ihren Finger auf die Tränenspur und beginnt, mit der Flüssigkeit Linien in Rehborns Gesicht zu malen.
296: Anchora,
weiter malend: "Ich habe auch geweint, weil du laut 'Aaahhh' gerufen
hast."
Erstaunt öffnet Rehborn die Augen.
297: Anchora, wie
oben: "Hast du auch Hunger?"
Rehborns Mund bewegt sich, als wolle er sprechen, bleibt aber still.
298: Anchora, sich zu Rehborns Gesicht beugend, kichernd: "Soll ich deine Tränen essen?"
Die wärmenden Augenblicke sollen ja vor allem im Regen statt finden. Unterbrechen wir hier mit Blitz und Donner.
299: Anchoras
Bewegung wird abrupt gestoppt durch einen lauten Ruf von draussen:
"Hallooo, Kinder, es gibt Abendessen!"
Rehborns Gesicht gefriert in Angst.
300: Mit einem fröhlichen 'Juhuuu' springt Anchora auf und Richtung Tür. Die Tränen aus dem Gesicht wischend, schaut Rehborn ihr verdutzt nach.
Soll Anchora es dem Tyrannen beim Essen ins Gesicht reiben, dass nicht das Böse aus ihr rausgekommen ist, sondern nur ein Schmerzensschrei? Oder wollen wir ihm seine gute Laune nach so schönen Foltererlebnissen lassen? Wenn sie mit Rehborn zur Aussaat geht, muss sie ja auch etwas zu erzählen haben. Dann könnte sie Rehborn gleich darüber aufklären, dass diese Theorie vom Bösen Mist ist. Ein gutes Fundament für das Selbstvertrauen des Jungen, der wohl an das Böse in sich glaubt.
Sollen wir das Essen überhaupt zeigen? An einen bekannten Ort zurück zu kehren und eine bekannte Zeremonie abzuhalten, stabilisiert die Geschichte. Es gibt dem Publikum das beruhigende Gefühl, sich auszukennen, in der Geschichte zu Hause zu sein. Aber es droht auch die Gefahr der Langeweile. Können wir genug Neues einflechten, um ihr zu entgehen?
Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass unser fürsorglicher Sadopapa seinen Kindern ein köstliches, dampfendes Abendmahl zubereitet hat? Vielleicht reizt es mich, seine Freundlichkeit zu inszenieren, die das Herz gefrieren lässt, weil sie jeder Zeit in furchtbare Gewalt umschlagen kann.
Denken wir an Bach. Die beiden hellen Kinderstimmen, die Bassstimme von Sadopapa und gaaanz tief unten, fast unhörbar der Orgelpunkt des Horrors, des drohenden Gewaltausbruchs, der uns die Bauchdecke flattern lässt. Wenn es uns gelingt, diesen Orgenpunkt zu erzeugen, wird die Szene auf keinen Fall langweilig, sondern eben bauchdeckenflatternd. Wagen wir also das Spiel.
301: Szenenanfang:
Wie schon beim Frühstück stehen alle um den Waldtisch. Der Ingenieur hat ein
köstliches, dampfendes Essen zubereitet. Wie Jesus beim Abendmahl hat er seine
Arme ausgebreitet und sagt, salbungsvoll lächelnd: "Esst, meine lieben
Kinder."
302: Anchora versucht vergeblich, an einen Schöpflöffel ranzukommen, was der Ingenieur grinsend bemerkt.
Diese Gelegenheit für einen 'köstlichen' Witz lässt sich Sadopapa nicht entgehen.
303: Ingenieur, grinsend: "Rehborn, gib doch unserem halben Portiönchen ein ganzes Portiönchen."
304: Der Ingenieur lacht schallend heraus. Rehborn greift gehorsam nach dem Schöpflöffel. Anchora, die den Witz nicht begriffen hat, mustert fragend den Ingenieur.
305: Nachdem sich
der Ingenieur von seinem Heiterkeitsausbruch erholt hat, sagt er grinsend zu
Rehborn: "Was für ein guter Witz! Findest du nicht, Rehborn?"
Rehborn ist dabei, Anchoras Teller zu füllen.
306: Rehborn, erstarrend: "Jawohl, Herr Chefingenieur."
307: Ingenieur, sich mit freundlichem Grinsen zu Rehborn vorbeugend: "Warum lachst du dann nicht?"
308: Rehborn, mit
dem Gesicht einer Leiche: "Hahaha."
Ingenieur, zufrieden lächelnd: "Na siehst du."
309: Anchora, neugierig zum Ingenieur: "Was ist denn so lustig?"
310: Ingenieur, selbstgefällig seufzend: "Ach Anchora, ein halbes Portiönchen kann doch meinen wunderbaren Humor gar nicht begreifen."
311: Anchora lässt nicht locker: "Dann sag es mir."
312: Ingenieur,
belehrend: "Ein Witz kann nicht erklärt werden. Dann ist er nicht mehr
lustig."
Rehborn macht sich möglichst unsichtbar, um im Windschatten dieses Gesprächs
unbedroht zu essen.
313: Anchora, trotzig: "Wenn du nichts erklärst, verstehe ich den nächsten Witz auch nicht."
314: Der Ingenieur
hält nachdenkend sein Kinn und murmelt zu sich selber: "Hm, du willst
etwas erklärt haben..."
Anchora, mit sichtlichem Appetit mampfend: "Mmh, ift daf gut!"
315: Ingenieur,
geschmeichelt lächelnd: "Wenigstens bist du keine Kostverächterin... Nicht
wahr, Rehborn?"
Rehborn, starr: "Jawohl, Herr Chefingenieur."
316: Rehborn hört die Worte des Ingenieurs, als würde eine Keule auf ihn herab sausen: "Anchora möchte doch etwas erklärt haben... Da ist die Sache mit den Energieschwankungen. Es scheint, dass wir kurz vor einem Ausfall stehen. Würdest du bitte Anchora erklären, was ihr anschliessend dagegen tun werdet?"
317: Rehborn wirft einen scheuen Blick in Anchoras neugieriges Gesicht...
318: ... und
beginnt, auf seinen Teller starrend, wie ein ferngesteuerter Roboter: "Bei
einem Energieausfall erhalten die Frostwandpro..."
Die Stimme des Ingenieurs unterbricht: "Nun langweile Anchora doch nicht
mit der Schöpfungsgeschichte. Du sollst nur eure Arbeit erklären."
319: Rehborn, wie
oben: "Wir werden Nano..."
Die Stimme des Ingenieurs: "Die Arbeit, Rehborn, nur die Arbeit."
320: Rehborn, wie oben, aber merklich zitternd: "Wir gehen säen."
321: Anchora belegt Rehborn mit einem ihrer forschenden Blicke. Der Ingenieur lächelt zufrieden: "So ist's Recht."
322: Wieder breitet er die Arme aus und sagt lächelnd: "Esst, meine Kinder, damit ihr zu Kräften kommt, esst."
Offenbar will Sadopapa nicht, dass Anchora zu viel über seine Schutzvorrichtungen erfährt. Ihre Angstlosigkeit ist ihm unheimlich. Er misstraut ihr. Das kommt uns natürlich sehr gelegen. Wir wollen ja unser Rätselpulver, mit dem wir das Publikum einstäuben, nicht jetzt schon verschiessen.
Ob wir wohl gleich zur Aussaat schreiten dürfen? Oder müssen wir die Kinder zeigen, wie sie die Nanowasserrädchen holen? Die Frage ist nicht so banal, wie sie im ersten Moment erscheinen mag.
Gehen wir die Rädchen holen, müssen wir technische Antworten liefern. Da gibt es ein Gebäude mit der Produktionsanlage, Rohstoffe, eine Lagermethode. Auch wenn Rehborn kein Wort verliert, müssen wir alles für unsere Zeichnenden beschreiben. Und was gezeichnet ist, kriegt auch das Publikum mit. Folglich haben wir 'Erklärungen' geliefert, ohne etwas zu sagen.
Diese Besichtigung der Produktionsanlage betont die technische Seite unserer Science Fiction. Ist sie gut gezeichnet, wird sich das Publikum von der Fremdartigkeit dieser Fabrik faszinieren lassen. Und eben diese Faszination des Fremdartigen ist ein wesentliches Element von Science Fiction.
Anderseits befinden wir uns hier in einer kurzen Geschichte von tausend Bildern. Die Figuren befinden sich in einer hoch dramatischen Spannung zu einander. Ist da ein Tag der offenen Türe in einer Nanowasserradproduktionsanlage die richtige Fortsetzung? Wenn in der Frage schon ein Grossteil der Antwort steckt, dann spüren wir hier wohl ein deutliches Nein.
Prüfen wir den Sprung zur Aussaat-Szene. Die Kinder tappen im kleinen Licht von Anchoras Lampion im Kraterabhang rum und säen. Hat diese Situation, so lange wir nichts erklären, nicht etwas Geheimnisvollen? Was säen die da, was hat das mit Energie zu tun und was wird zwischen den beiden geschehen?
Eine Geschichte bleibt so lange geheimnisvoll und damit spannend, wie das Publikum noch einen Sinn hinter all dem erahnen kann. Gibt es ein Zuviel an Merkwürdigkeiten, ist das Publikum beim Versuch, alles in Einklang zu bringen, überfordert. Das Geheimnisvolle wechselt ins Langweilige. Der Spannungsfaden reisst.
Vertrauen wir darauf, dass wir beim Abendessen genug Hinweise geliefert haben, um das Publikum bei der Stange zu halten. Und benutzen wir die Szene, um einen wärmenden Augenblick der Geborgenheit im Regen zu erschaffen. Schon vergessen? Das war ja der ursprüngliche Sinn unserer Geschichte.
Unsere Szene zielt also auf diesen Augenblick der Geborgenheit, den die beiden Kinder zusammen erleben. Aber wie sieht denn dieser Augenblick aus? Will sagen, in welcher Kulisse findet er statt? Rehborn kennt den Kraterabhang in- und auswendig vom vielen Säen. Also hat er bestimmt in einem zerklüfteten Abschnitt eine Höhle gefunden.
Hm, oder sollten wir auf ein trockenes Plätzchen verzichten? Irgend wie ist eine Höhle doch arg verklischiert. Und so was Ähnliches hatten wir doch schon beim Wolf. Und überhaupt, wo bleibt da das Erlebnis des Regens, wenn wir uns immer ins Trockene flüchten? So lange der Körper trocken bleibt, ist das Prasseln der Tropfen auf den Regenschutz eine Form von Zärtlichkeit. Die Zärtlichkeit des Himmels.
Vielleicht sollten wir auf halber Höhe des Abhanges ein flaches Felsenplätzchen wählen. Mit Steinen zum Sitzen. Oder wie wär's mit einem Felsenbänklein? Dann könnten wir vom Klischee der romantischen Parkbank zehren, ohne langweilig zu sein, weil eine Felsenbank an einem Kraterabhang im Dauerregen genug Verfremdung bedeutet.
Die beiden könnten neben einander sitzen. Rehborn könnte hier zum ersten Mal freiwillig sein Schweigen brechen. Was wird er sagen? Das wird nicht leicht. Wenn wir diese Szene versauen, brechen wir der Geschichte das Genick. Nehmen wir all unseren Mut zusammen.
323: Szenenanfang:
Es ist dunkel geworden. Rehborn und Anchora tappen im Dauerregen den
Kraterabhang entlang. Vor dem Bauch tragen sie grosse Saattaschen. Mit weit
ausholender Bewegung säen sie Nanowasserrädchen, die aussehen wie grobkörniger,
schwarzer Sand. Damit sie beide Hände brauchen kann, hat Anchora sich den
Tragstock des Lampions irgend wie an den Rücken gebunden, so dass das Lampion
über ihrem Kopf hängt. Auch Rehborn trägt eine Lichtquelle. Es handelt sich
dabei um einen etwa zwanzig Zentimeter langen, schmalen Kristallsplitter, der
senkrecht auf seiner Kopfbedeckung steht und leuchtet.
Wie komme ich bloss auf diesen Kristallsplitter? Fangen wir von vorn an. Die Nanowasserrädchen müssen ihre gewonnene Energie ja irgend wie an die Frostwandprojektoren weiter geben. So etwas könnte vielleicht mit elektromagnetischen Wellen, z. B. Mikrowellen, geschehen. Die Frostwandprojektoren empfangen diese Wellen und wandeln sie um in dieses merkwürdige Kältefeld. Versuche ich, mir diese Apparatur vorzustellen, sehe ich einen fünf Meter hohen, schlanken, bläulich schimmernden Kristallsplitter.
Ein bisschen klischös, aber halt auch sehr poetisch und passend zu Frost. Das ganze System ist schon eigenartig genug. Da müssen wir bei diesem Umwandler nicht auch noch mit extremer Originalität glänzen.
Es gibt also Umwandlerkristalle, die ein Kältefeld erzeugen aus der Feldenergie der Nanowasserrädchen. Warum sollte es dann nicht auch Kristalle geben, die Licht erzeugen? Rehborns Kristall wird so lange leuchten, wie er sich in Rechweite der Nanorädchen befindet. Das ist gut zu wissen, denn eine Reise weg vom Krater würde für ihn bald in Lichtlosigkeit enden. Wer weiss, vielleicht eine Vorkehrung von Sadopapa, um ihn an einer Flucht zu hindern.
324: ...
Hm, mein Hirn bleibt leer.
Anchora müsste irgend wie anfangen. Auch drückt mich das Gefühl, das Publikum könnte es doch ziemlich unglaubwürdig finden, dass ein kleines Mädchen nach solcher Folter unverzagt bleibt. Das wäre doch ein gutes Thema für Rehborn und Anchora auf dem Bänklein. Sie fragt ihn, warum er immer so zittert. Er sagt, aus Angst. Sie fragt, was ist 'Anst'. Er beschreibt's und sie sagt, dass sie das Gefühl in dieser Stärke nicht kennt.
Wenn wir Glück haben, lässt sich das Publikum besänftigen, weil es sich sagt 'Aha, das Mädchen hat keine Angst, deshalb reagiert es so unüblich'. Damit hängt aber die Frage in der Luft 'Warum hat es keine Angst?'. Womit wir besser leben können, denn das läuft unter Rätsel, auf das es vielleicht eine Antwort gibt, und nicht unter Unglaubwürdigkeit.
Wir können die Antwort im Raum schweben lassen, wenn wir Sadopapa beim Anblick des Luftschiffes angemessen über die fortgeschrittene Technologie staunen lassen. Auf die Frage 'Woher kommst du?' wird Anchora antworten 'Von weit her'. Und auf die Folgefrage 'Bist du kein Mensch?', wird sie sagen 'Was ist das, ein 'Mensch'?'.
Oh, was für ein schöner Schluss! Und alles ohne penetrante Zerklärungen. Alle möglichen Antworten werden in der Fantasie des Publikums vibrieren, ohne dass wir eine davon hervor zerren und bis zur Langeweile auswallen.
Ja, das Publikum wird ins Träumen geraten und sich wünschen, Anchoras Welt kennen zu lernen. Schon hören wir den Schrei nach einer Fortsetzung.
Aber wir werden hart bleiben und unser poetisches Schmuckstück nicht der Neugier des Publikums opfern. Anchoras Zivilisation ist nicht unser Thema. Mit dem schimmernden Feenstaub dieses Geheimnisses werden wir also zum Schluss unsere Geschichte einpudern.
Nun dürfen wir beruhigt sein und uns noch mit grösserer Faszination dem Innenleben dieses Mädchens widmen.
Nach all den Ablenkungen beim Abendessen und beim Fassen der Nanowasserrädchen, wo Anchora bestimmt voller Neugier die Produktionsanlage angeschaut und Rehborn pausenlos mit Fragen gelöchert hat, die der aus Angst, etwas Falsches zu sagen, nicht beantwortet hat, findet sie nun endlich Zeit, sich Gedanken über das 'Folterexperiment' zu machen.
324: Die beiden Kinder säen im milden Schein ihrer Lampen. Anchora, vor sich hin: "Herrschefinscheniör hat mit mir gespielt. Zuerst hat es gekitzelt. Dann habe ich 'Aaahhh' gerufen. Ganz laut."
325: Rehborn, der erst jetzt begreift, dass Anchora wegen der Elektrofolter ohnmächtige geworden ist, vergisst für einen Moment das Säen und starrt sie erschrocken und mitfühlend zugleich an.
326: Plötzlich blickt ihn das verschmitzt lächelnde Gesicht des Mädchens voll an.
327: Verlegen konzentriert sich Rehborn wieder aufs Säen. Anchora, wie oben: "Er hat nicht Recht. Aus mir ist kein Böses gekommen. Es hat weh gemacht. Dann habe ich 'Aaahhh' gerufen. Da war kein Böses..."
328: Anchora geht, ebenfalls wieder säend, neben Rehborn her und sagt unbekümmert: "Herrschefinscheniör hat gelogen."
329: Rehborn schaut Anchora so schockiert an, als habe sie eben Gott ins Antlitz gespuckt.
330: Rehborn zittert. Verzweifelt versucht er etwas zu sagen. Doch die Angst verschliesst ihm den Mund.
331: Anchora, mit einem freundlichen, beruhigenden Lächeln Rehborn ansehend: "Aus dir kommt auch nur 'Aaaahhh', nicht das Böse. Du bist lieb."
332: Da bemerkt sie sein Zittern und fragt besorgt: "Hast du kalt?"
333: Rehborn schüttelt schwach den Kopf. Seine Augen sind voller Leiden.
334: Anchora ergreift spontan seine Hand...
335: ... und zieht ihn säend weiter, wobei sie fröhlich plappert: "Jetzt sind wir zusammen eins. Ich bin die linke Hand und du bist die rechte Hand (oder umgekehrt, je nachdem, wie es gezeichnet ist)."
336: Völlig verwirrt, aber brav säend, lässt Rehborn sich mitziehen.
Anchora kann nicht verstehen, wie es in Rehborn aussieht. Trotzdem tut sie spontan das Richtige. Anstatt tief betroffen über seine psychischen Probleme nachzugrübeln, zeigt sie ihm ihre Sympathie und lässt ihn teil haben an ihrer Unbeschwertheit. Dadurch kann Rehborn lernen, dass es noch andere Reaktionsmöglichkeiten auf Sadopapa gibt als Angst und Panik. Auch wenn das für ihn im ersten Moment genau so unverständlich ist.
Mit Blick auf den Brückenbogen wird es Zeit, unseren Joker zu spielen, die heilende Wirkung des Regens. Immerhin haben wir schon ein Drittel der Geschichte. Viele Rätsel hängen in der Luft. Mit Anchoras Feststellung, dass Sadopapa lügt, spitzt sich das Drama zu. Obwohl wir 'nur' mehr an die 660 Bilder haben, dürfen wir uns nicht dazu verleiten lassen, die Rätsel all zu schnell mit Auflösungen abzufackeln und das Drama durch einen kurzen Showdown zu beenden. Sonst werden wir unseren Brückenbogen schon nach dem zweiten Drittel aufs gegenüber liegende Bodenniveau abgesenkt haben. Dann müssen wir mit Bambusstangen und Bastmatten eine Notverlängerung basteln, was uns das Publikum mit gewaltigen Gähnorgien honorieren wird.
Ursprünglich hat der Regen gar keine heilende Wirkung, sondern soll die Widerwärtigkeiten der Menschen auflösen. Angst und Panik sind aber keine Widerwärtigkeiten, eher eine Form von Schmerz. Also dürfte sich Rehborns Zustand im Regen nicht bessern.
Anderseits dürfen wir Kraft unseres poetischen Amtes die Eigenschaften des Regens neu bestimmen, zumal sie ja in der Geschichte noch nicht erwähnt worden sind. Auch können wir behelfsmässig argumentieren, dass Angst oft zu gewalttätigen, also widerwärtigen Reaktionen führt. Eine Reduktion von Angst ist mithin fast gleich bedeutend wie eine Verringerung von Widerwärtigkeiten.
Mögen diese Überlegungen verspielt und überflüssig wirken, sie sind es keines Falls. Dann die Gesetzmässigkeit der Welt, die wir erschaffen, ist bestimmend für die Folgerichtigkeit der Handlungen. Will sagen, was genau der Regen bewirkt, hat einen direkten Einfluss darauf, wie sich Rehborn im weiteren Verlauf der Szene verhalten wird. So wäre es nicht sehr glaubwürdig, dass jemand mit Rehborns Panik, ein falsches Wort zu sagen, trotz aller Bemühungen Anchoras den Mund aufkriegt. Schwächt der Regen aber seine Angst genug ab, ist es sogar logisch, dass er frei wird zu sprechen.
Beim Felsenbankgespräch muss Rehborn diesen Zusammenhang erläutern. Dann ist es für das Publikum einleuchtend, warum er nun ruhiger und gesprächig ist. Auch darf hier zum ersten Mal die Ahnung beim Publikum auftauchen, dass dieser Regen ein Instrument sein könnte, um Sadopapa unschädlich zu machen. Oder ist das zu früh? Ja, das ist zu früh. Der weitere Verlauf der Geschichte ist dadurch zu deutlich vorgegeben. Also werden wir ganz unverdächtig so tun, als ob bloss Rehborn sich im 'gemütlichen' Regen ganz fein beruhigt.
337: Aus einiger Entfernung wirken die beiden, Hand in Hand säenden Kinder verloren im mächtigen Abhang des Kraters.
338: Dort, wo ihre Lichter sich in der Dunkelheit verlieren, wird ein Felsenrand ahnbar. Vor ihnen liegt ein kleines Plateau, das aber erst im nächsten Bild deutlicher zu sehen ist. Das Plateau sieht aus, als habe der Absatz eines riesigen Schuhs es in den Abhang gedrückt. Es ist der in Hangneigung ansteigende Felsenrand zu diesem Abdruck, der jetzt ins Sichtfeld gerät.
339: An diesem Rand bleiben sie stehen und betrachten das Plateau, das nun angeleuchtet wird. In seiner Mitte befindet sich ein Felsenquader, der, obwohl zweifelsfrei natürlichen Ursprungs, an eine Bank ohne Lehne erinnert.
340: Rehborn zieht Anchora zu der Bank, ...
341: ... wo er seinen leeren Saatbeutel losschnallt, ...
342: ... um ihn als Nässeschutz auf die Bank zu legen.
343: Anchora tut es ihm nach.
344: Beide sitzen sie schweigend neben einander auf der Bank. Gleichmässig und beruhigend prasselt der Regen herab.
345: Neugierig mustert Anchora Rehborns Gesicht. Die Hände im Schoss, mit abwesendem Blick sitzt er da, ungewöhnlich ruhig.
346: Anchora, wie oben: "Warum zitterst du nicht mehr?"
347: Rehborn, wie ein meditierender Mönch mit nach innen gekehrtem Blick, leise: "Der Regen beruhigt mich."
348: Anchora, begeistert: "Oh, das ist schön..."
349: Anchora, ihr lachendes Gesicht zum Himmel streckend, so dass die Regentropfen auf ihrer Haut zerspringen: "Vielen Dank, lieber Regen."
350: Überrascht von ihrer Reaktion, betrachtet Rehborn die zerspringenden Tropfen auf Anchoras Gesicht.
351: Ein kurzes, kleines, unmögliches Lächeln irrlichtert über sein Gesicht.
352: Da sieht er unvermittelt voll in Anchoras grosse, forschende Augen und hört sie sagen: "Warum zitterst du?"
353: Angenagelt an seine eigene Schädeldecke durch die Pflöcke des ungeheuerlichen Tabubruches, über seine Beziehung zum Ingenieur zu sprechen, hört Rehborn seinen Mund sagen: "Es ist... Angst."
354: Hilflos in ihren Augen schwimmend, hört Rehborn Anchora: "Anst? Was ist Anst?"
355: Wieder macht sich Rehborns Mund selbständig: "Angst ist wie ein Band, das sich immer enger um deine Brust legt, ... dir die Luft nimmt, das Herz zuschnürt... und alle anderen Gefühle tötet, bis alles schwarz und schwer ist vor Schmerz... und du sterben möchtest, um es zu beenden..."
356: Anchora, mit
der entwaffnenden Logik einer Achtjährigen: "Warum hast du Anst, wenn es
doch so weh tut?"
Rehborn ist verblüfft.
357: Rehborn, mit schwachem, traurigem Lächeln: "Die Angst ist in mir. Ich kann sie nicht ausschalten... Nur der Regen..."
358: Anchora,
überzeugt: "Das ist nicht wahr. Herrschefinscheniör schaltet die Anst ein.
Der Regen schaltet die Anst aus. Wenn Herrschefinscheniör die Anst nicht
einschaltet, ist keine Anst in dir."
Rehborn ist betroffen von dieser schlichten Klarsicht.
359: Erdrückt von der Aussichtslosigkeit seiner Lage, hockt Rehborn da.
360: Anchora,
grimmig vor sich hin: "Anst ist blöd. Ich sage Herrschefinscheniör, dass
er die Anst bei dir nicht mehr einschaltet."
Rehborn ist entsetzt.
361: Rehborn, abwehrend: "Aber das kannst du nicht machen..."
362: Anchora, unbelehrbar: "Doch."
363: Rehborn, hilflos: "Hast du denn keine Angst?"
364: Anchora,
grimmig: "Anst ist blöd. Ich habe nichts Blödes."
Zweifeld, aber auch mit einem Hauch Bewunderung betrachtet Rehborn das kleine,
selbstbewusste Mädchen.
Hier muss ich lachen. Anchora hat mich überrascht mit ihrer trotzigen Behauptung. Vielleicht auch weil ich mir vorgestellt habe, wie sie wohl erst drei mal älter auftreten wird. Die armen Männer, die der 24-jährigen Anchora begegnen. Denen wird der Marsch geblasen.
Ich habe einfach mal durchgezogen, weil ich mich nicht aus der Atmosphäre dieses schwierigen Gesprächs habe raus reissen wollen. Es dauert dann immer so lange, um wieder rein zu kommen.
Kindlich dankt Anchora dem Regen. Ihre kindliche Logik hält fest, dass der Regen Rehborns Angst ausschaltet. Damit ist zwar alles gesagt, aber nichts verraten. Denn das Publikum wird dies als amüsante kindliche Sicht der Dinge einstufen und es nicht glauben. Auch die ernster zu nehmende Bemerkung Rehborns, dass der Regen ihn beruhige, kann das Publikum psycho-logisch wegstecken. Erstens ist er hier weg vom Angst einflössenden Sadopapa. Zweitens kann sich auch ein regenscheues Publikum vorstellen, dass ein regelmässiges, sanftes Prasseln etwas Beruhigendes hat.
Dass Anchora Angst zu 'Anst' verstümmelt, hat seinen symbolischen Grund. Da Angst als Gefühl für sie keine Bedeutung hat, plappert sie es nach wie ein schlecht ausgesprochenes Fremdwort.
Heikel ist die Fortsetzung von Bild 360, wo Anchora droht, Sadopapa das Foltern zu verbieten. Hier darf Rehborn keines Falls mit dem nahe liegenden 'Wie willst du das schaffen, du Knirps?' antworten. Sonst muss Anchora nämlich preis geben, wie sie gegen Sadopapa vorgehen will. Und dieser spannenden Frage wollen wir doch nicht schon hier die Luft raus lassen. Zumal wir selbst noch gar nicht wissen, wie das gehen soll. Dank Rehborns Reaktion in Bild 361 und seinem zügigen Themenwechsel in Bild 363 wird das Publikum nicht merken, dass wir einer Antwort ausgewichen sind.
Jetzt bleibt uns nur noch, einen kleinen Augenblick der Geborgenheit im Regen zu inszenieren. Wie geht das? Wir verbinden das zärtliche Streicheln des Regens mit der zärtlichen Berührung zweier Hände. Das Geschwätz lassen wir weg. Und weil uns ein banaler Griff nach der Hand zu banal ist, machen wir's auf Anchoras Weise. Für sie ist der Regen Medizin, die beruhigt. Warum sollte sie ihn also nicht in Rehborns Handrücken einreiben?
365: Nachdenklich schaut Rehborn vor sich hin. Anchora beobachtet aufmerksam, wie sich Regentropfen auf ihrer kleinen, gewölbten Handfläche sammeln.
366: Allmählich füllt sich ihre Hand.
367: Vorsichtig, um nichts zu verschütten, grapscht sie mit der freien Hand zu Rehborn rüber.
368: Sie zieht seinen Handrücken zu sich, was der Junge erstaunt geschehen lässt.
369: Sie kippt das gesammelte Wasser über seinen Handrücken...
370: ... und verreibt es mit zärtlichen Bewegungen.
371: Rehborn beobachtet das in seine Massage vertiefte Mädchen.
372: Anchora hat ihm ihr Gesicht zugewandt und schenkt ihm ein strahlendes Lächeln.
373: Da liegt es wieder auf Rehborns Lippen. Dieses winzige, unmögliche Lächeln, als gebe es in all der Aussichtslosigkeit noch eine Spur Hoffnung.
Das Säen könnte ja noch Spass machen, so ein, wenn's hoch kommt, zwei Stunden. Aber wenn wir uns vorstellen, wie lange es dauert, den gesamten Kraterabhang ringsum zu besäen, kommen wir wohl auf eine volle Nachtschicht. Was sich praktischerweise gut als nächste Quälerei unseres Schurken verwenden lässt. Der Schuft lässt die beiden Kinder die ganze Nacht schuften.
Wir werden das sogleich dem Publikum petzen, damit es sich gehörig entrüsten kann. Und dankbar lassen wir uns den zärtlichen Beginn der nächsten Szene schenken, wo Rehborn die völlig erschöpft auf seinen Armen eingeschlafene Anchora zurück ins Morgenlicht des Kraters trägt.
Selbstredend läuft er Sadopapa über den Weg. Komponieren wir eine kleine Szene mit dem dieses Mal besänftigenden Orgelpunkt der schlafenden Anchora. Darüber die gedemütigte, verstümmelte Stimme Rehborns und die demütigende, dominierende Stimme Sadopapas.
Dann allerdings stehen wir wieder vor dem Nichts... oder wenigstens fast.
374: Ruhig und freundlich zieht Rehborn Anchora an der Hand von der Felsenbank.
375: Rehborn, nach der Saattasche greifend: "Komm, wir müssen neue Nanowasserrädchen holen."
376: Hand in Hand
gehen sie den Kraterabhang hoch. Anchora ist zu hören: "Haben wir noch
nicht genug?"
Rehborn: "Nein, wir müssen den ganzen Kraterrand besäen."
377: Anchora:
"Wie lange geht das?"
Rehborn: "Bis morgen früh.
378: Anchora, protestierend: "Aber ich bin doch müde."
379: Szenenanfang:
Aus Rehborns Blickwinkel gesehen, erhellt das diffuse Morgenlicht das friedlich
schlafende Gesicht Anchoras in seiner Armbeuge.
380: Sichtlich erschöpft von der durchsäten Nacht, schleppt sich Rehborn zu den ersten Stämmen des Waldes. Der entspannte Mädchenkörper liegt wie Blei in seinen schmerzenden Armen.
381: Die vor Anstrengung tränenden Augen lassen die Stämme verschwimmen.
382: Plötzlich taucht ein weiteres Hindernis auf.
383: Unfähig so schnell auszuweichen, bleibt Rehborn taumelnd stehen. Ein Blitzstrahl scheint den Schleier der Erschöpfung zu zerreissen, wie er die dröhnenden Worte hört: "Hohooo, ein Kavaliiier!"
384: Wie ein Baum steht der Ingenieur mit aufgesetztem Lächeln vor Rehborn.
385: Vergeblich nach einer harmlosen Antwort suchend, macht Rehborn mit seinen Lippen hilflose Bewegungen.
Hier ist Sadopapa das Gesprächsthema egal. Hauptsache, er kann den Jungen fertig machen. Wir können also wählen. Oder doch nicht? Möglicherweise hat er keine Lust, das Frühstück zuzubereiten, und will es mit einem billigen Trick Rehborn aufhalsen. Gleichzeitig könnte er den erschöpften Jungen damit quälen.
386: Ingenieur, mit dem freundlichen Interesse eines Rasiermessers: "Warum trägst du die halbe Portion, Rehborn?"
387: Rehborn, schwankend vor Erschöpfung, zitternd vor Angst: "Sie ist eingeschlafen. Ich..."
388: Ingenieur, wie oben: "Ja, Rehborn, glaubst du, dass ich keine Augen im Kopf habe?"
389: Rehborn, wie
oben: "N... nein, Herr Chefingenieur, ... ich... sie..."
Ingenieur, belehrend: "Ja genau, Rehborn. Du verwöhnst sie."
390: Ingenieur,
mit gespielter Betroffenheit: "Möchtest du mich denn nicht auch verwöhnen,
Rehborn?"
Rehborn, wie oben: "Doch, Herr Chefingenieur, ich..."
391: Ingenieur, mit strengem Lächeln: "Dann wirst du bestimmt gern für uns das Frühstück zubereiten."
392: Rehborn, Dienst beflissen am Ingenieur vorbei schwankend: "Jawohl, Herr Chefingenieur."
393: Fast ist Rehborn erleichtert, weil er ein paar Meter weit gekommen ist. Da lässt die Stimme des Ingenieurs ihn gefrieren: "Und Rehborn?!"
394: Zitternd, in Erwartung des Schlimmsten dreht Rehborn sich zum Ingenieur um. Ingenieur, tadelnd: "Nimm dieses blöde Dinge vom Kopf! Du verbrauchst kostbare Energie und siehst aus wie ein Idiot, wenn du den Tag beleuchtest."
395: Rehborn, unterwürfig: "Darf ich sie zuerst..."
396: Ingenieur, amüsiert lächelnd: "Ist das eine ernst gemeinte Frage, Rehborn?"
397: Rehborn kniet nieder, um Anchora sanft auf den weichen Waldboden zu legen. Dabei murmelt er: "Nein, Herr Chefingenieur."
398: Hastig reisst er sich den Leuchtkristall vom Kopf, ihn gleichzeitig ausknipsend, ...
399: ... um ihn rasch in der leeren Saattasche verschwinden zu lassen.
400: Sanft schiebt er seine Arme wieder unter Anchora.
401: Beim ersten Versuch, sie anzuheben, fällt er fast vorn über.
402: Erst jetzt gelingt es ihm, unter Stöhnen, das Mädchen aufzuheben.
403: Mit schmerzlichem Lächeln sieht der Ingenieur Rehborn zwischen den Stämmen verschwinden.
404: Ingenieur ruft: "Ich habe für die halbe Portion ein drittes Nachtlager vorbereitet. Du brauchst also nicht meines zu beschmutzen!"
Jemanden zu unterbrechen ist bei Gleichberechtigten bloss ein bisschen unhöflich. Es kann in der Hitze des Gefechts passieren und wird sich, da es beide tun, ausgleichen. Also nicht weiter schlimm. Wenn aber Sadopapa den Rehborn methodisch nicht ausreden lässt, ist das demütigend und Teil des sadistischen Verhaltens. Deshalb die 'verstümmelte' Stimme Rehborns. Wir dürfen hoffen, dass das Publikum diese Fiesheit zumindest unterschwellig spürt und sich angemessen darüber aufregt.
Siehst du den Abgrund vor uns? Das schwärzliche Nichts? Noch ein Schritt und wir sind schreiend im freien Fall. Lass uns einen Fallschirm basteln, damit wir wenigstens eine Chance haben, auf festem Grund sicher zu landen.
Was soll das dunkle Geschwafel? Ganz einfach, ab hier wird uns nur noch eine dramaturgische Hochleistung vor dem Untergang retten. Denn nun stehen Sadopapa und Anchora im Ring. Der Gong ist geschlagen. Und wie bloss sollen wir diesen absurd ungleichen Zweikampf überzeugend abhandeln?
Aber mit schlotternden Knien und flatterndem Herzen wird das nichts. Wir lassen uns ein mildes Grössenwahnbad einlaufen. Legen uns hinein. Spüren, wie unser Herz sich beruhigt. Unser Brustraum mit weicher Seide ausgeschlagen wird. Das Gehirn in goldgelbem Nektar schwimmt. Der ganze Körper wird warm und schwerelos. Kommt hervor ihr Gedanken und tanzt! Auf dass wir die Besten erwählen! Und kein Zittern und Zagen, noch Wolken der Angst sollen euch verjagen!
Dieser Zustand des gesunden Grössenwahns darf nicht verwechselt werden mit selbstgefälliger Selbstüberschätzung. Letztere würde jede erste, beste und noch so schlechte Idee mit Weihrauch als Geniestreich zelebrieren. Der gesunde Grössenwahn aber macht uns stark für die Gewitter des Zweifels, denen wir jede Idee aussetzen werden, um sie zu prüfen. Er lässt Ideen auftreten und unter unserem unbarmherzigen Blick zerbröseln, ohne dass sich der Staub schwer auf unser Selbstvertrauen legt und uns lähmt. Er macht uns frei für das Spiel der Gedanken. Gleichzeitig gibt er uns die Kraft, die kostbaren unter ihnen in Demut und Dankbarkeit willkommen zu heissen. Sind sie doch nichts weiter als Geschenke des Zufalls, die wir glücklich umarmen.
Vergegenwärtigen wir uns zuerst den Stand des Geschehens. Von da aus muss es dann irgendwo, irgendwie weitergehen. Anchora schläft ohne Frühstück in der Wohnhütte und wird wohl erheblichen Kohldampf haben, wenn sie aufwacht. Sadopapa und Rehborn sind beim Frühstück. Die Energieversorgung für die Frostwandprojektoren ist stabil.
Sadopapa denkt, er habe alles fest im Griff, und fühlt sich immer noch pudelwohl nach der gestrigen Folterorgie. Rein gefühlsmässig vermuten wir, dass er Rehborn nicht öfter als ein Mal pro Woche einer Folter unterzieht. Er will den Jungen ja nicht umbringen. Die Zeit dazwischen verkürzt er sich mit sadistischen Spielchen, wie wir sie schon erlebt haben. Ein Wehrmutstropfen bleibt allerdings die Kleine. Sie scheint sich von seinen Spielchen so gar nicht einschüchtern zu lassen.
Rehborn weiss, dass etwas geschehen wird. Die Kleine wird ihre Drohung, Sadopapa das Foltern zu verbieten, wahr machen. Und dann? Rehborn ist überzeugt davon, dass er es ausbaden muss. Obwohl Anchoras Zuneigung ihm gut tut, hängt die Zukunft schwarz und schwer am Horizont. Der sich abzeichnende Konflikt verwirrt ihn dermassen, dass seine Ängstlichkeit noch zunimmt. Kann es sein, dass er lieber den Tod sucht, als diesen Schmerz noch länger auszuhalten?
Anchora schläft tief und ruhig. So lange sie etwas nicht begreift, durchlöchert sie es mit ihrem forschenden Blick. Sind die Dinge aber klar, handelt sie, setzt sich in Bewegung wie ein Bulldozer. Und die Dinge sind ihr jetzt klar. Der Bulldozer tankt frischen Treibstoff im Schlaf.
So eine Momentaufnahme ist gar nicht so schlecht. Die Selbstmordgefährdung Rehborns bringt uns neue Möglichkeiten. Wir sehen Anchora dem Sadopapa Vorschriften machen. Trotzig will er Anchora seine Unabhängigkeit beweisen, indem er ihr ein 'Konzert' gibt mit Rehborn als 'Solostimme'.
Was macht unser Bulldozer? Er kappt hinter dem Folterbrett die Drähte, so dass kein Strom mehr fliesst. Wie Sadopapa das bemerkt, tritt er das Mädchen ins Gesicht, zerrt es hervor und will es in schäumender Wut am Boden zertreten. Nur ein schrecklicher, tierischer Schrei aus tiefster seelischer Not des gefesselten Rehborn hält ihn im letzten Augenblick davon ab.
Verwirrt von seiner eigenen Gewalttätigkeit, rennt Sadopapa davon. Im Geiste sieht er sich mit Handschellen, angeklagt von Rehborn und Anchora. Wie von Sinnen murmelt er pausenlos 'Keine sichtbaren Spuren!', 'Keine sichtbaren Spuren!'. Seine Verwirrung ist nichts weiter, als die kleine, feige Angst eines Spiessers vor dem Gefängnis.
Das ist unsere einzige Hoffnung, unsere einzige Chance. Dass Sadopapa Angst hat vor einer Anklage wegen Kindsmisshandlung und deshalb alle sichtbaren, nachweisbaren Spuren vermeiden will.
Wird uns das Publikum aus diesem unvermittelten Hineinspielen von Rechtsstaat und Polizei in unsere abgeschiedene Idylle einen Strick drehen? Nachdem wir bisher jede Anbindung an die Zivilisation tunlichst vermieden haben? Keine Helikopter, keine Forschungscontainer.
Sollten wir uns diesen Strick nicht lieber selber drehen? Irgendwie ist es doch enttäuschend, dass nun plötzlich die Polizei das Problem lösen soll. Dann hätten wir die Geschichte ebenso gut in einem Einfamilienhausquartier in einer braven Kleinstadt spielen lassen können. Buhuhuuu, all die schönen Kulissen und die geheimnisvolle Atmosphäre für nichts.
Bestimmt gibt es noch eine andere 'einzige' Chance. Versuchen wir das Problem auf den Punkt zu bringen.
Faustregel: Wenn du nicht weisst, wie du etwas sagen sollst, liegt das vielleicht daran, dass du nicht weisst, was du sagen willst. Wie oft hast du schon um eine 'Formulierung' gerungen? Und du hast gejammert 'Ach, wäre ich doch bloss einer dieser alten Dichter mit ihrem gewaltigen Sprachschatz!'. Was nützt der grösste Sprachschatz, wenn du nicht weisst, was du sagen willst?
Dummschwätzer, Salbader, Knopflochforscher! Ich weiss genau, was ich sagen will, wenn mir doch die Wörter nicht einfallen wollen, beschimpfst du mich. Das mit dem 'genau wissen' ist so eine Sache. Ist dieses 'Genau' nicht viel mehr ein dumpfes Gefühl? Ein blässlicher Nebel?
Schliess die Augen und schau dir dieses 'Genau' genau an. Du kannst es nicht sehen? Dann versuch es zu erspüren. Erspüre das zarte Gefühlspflänzchen und dünge es mit deiner vollen Konzentration. Lass es wachsen und deutlicher werden.
Da! Es schweben schon Bilder herbei. Vielleicht nur eine Farbe, diffuse Formen. Packe sie. Lass sie nicht los. Locke mit ihnen weitere Bildfetzen und Gefühle aus dem Dunkeln. Ja, sieh, da kommen sogar Wörter herbeigeschwebt, drehen sich langsam wie eine in der Schwerelosigkeit des Alls verloren gegangene Stablampe.
Mit den Wörtern angelst du Satzfetzen. Prüfe, ob sie zu deinem Gefühl passen. Wenn nicht, lass sie davon schweben und hab Geduld. Gib deinen Gefühlsbildern mehr Kraft durch mehr Konzentration, bis du dieses von Wörtern umschwebte, wortlose 'Genau' deutlich wahrnimmst.
Vernunft und Logik sind reines Wunschdenken. Schmeicheleien, die wir uns gönnen, weil wir gerne mehr wären, als wir sind. Merke: Der Kern eines Satzes ist immer ein Gefühl. Vernunft ist ein Gefühl. Logik ist ein Gefühl. Mehr nicht.
Aber auch nicht weniger. Hüte deine Gefühle wie eine Herde Schafe, denn sie sind das Fleisch deiner Sprache.
So könnten wir uns jetzt von der 'kalten Logik' dazu zwingen lassen, die Drohung mit Polizei und Gefängnis in unsere Geschichte einzubringen. Wir würden damit unser 'warmes' Gefühl verraten und unser Publikum müsste eine erkaltete Suppe auslöffeln.
Versuchen wir nun, dieser oberflächlichen Logik zu entsagen und unser Problem auf den warmen Gefühlspunkt zu bringen. Dann sehen wir ja, ob sich noch eine andere 'einzige' Chance ergibt.
Wir spüren die grosse Kraft Sadopapas. Sehen seine Faust Anchoras Gesicht deformieren. Seine Füsse zertreten sie zu Brei. Er ist Anchora haushoch überlegen.
Wir spüren Anchoras Blick. Sadopapas Selbstvertrauen ist sehr zerbrechlich. Es hängt davon ab, dass seine sadistischen Handlungen einen erzieherischen Wert haben. Die Tatsache, dass sie ihm Vergnügen bereiten und sonst gar nichts, muss er unter allen Umständen verdrängen. Anchoras Röntgenblick lässt Sadopapas Selbstvertrauen zerbröseln. Sie ist ihm haushoch überlegen.
Was wird geschehen, wenn Anchora Sadopapa mit Worten direkt angreift? Wird er sie foltern? Und wenn sie sich weigert? Wird er zuschlagen?
Wir wissen es nicht. Bis jetzt ist er noch nicht handgreiflich geworden. Bei Rehborn kann er sich mit Einschüchterung durchsetzen. Bei Anchora mit Lug und Trug.
Rein gefühlsmässig können wir vermuten, dass ihm die Hand 'ausrutschen' wird. So was kann ja mal passieren, wenn die Kinder allzu unartig sind. Deswegen ist er doch noch kein Verbrecher. Ja, er wird zur körperlichen Züchtigung greifen. Auch hier wird er Methoden anwenden, die keine Spuren hinterlassen.
Also keine Peitschen- oder Stockhiebe. Wie wär's mit Brennnesseln? Den nackten Körper mit einem Brennnesselstrauss abwedeln. Die Haut wird zündrot und brennt wie Feuer. Und nach einer Zeit wird wohl nichts mehr zu sehen sein.
Er könnte auch ein 'Duett' veranstalten, indem er Rehborn in der Mühle in einen Käfig sperrt und daneben Anchora mit Elektroschocks traktiert. Zumindest Anchora müsste er dazu mit Gewalt festbinden. Denn freiwillig wird sie sich keiner Folter mehr unterziehen.
Wie weit wird er gehen? Wird er Anchora töten? Wird sie ihn in solche Raserei versetzen, dass er in blinder Wut einmal zu fest zuschlägt, - tritt, drückt, sie erschiesst?
Wenn wir einen Menschen in die Enge treiben, müssen wir mit allem rechnen. Es wird an Anchora liegen wie weit sie geht. Denn es ist offensichtlich, dass sie mit dem Feuer spielt.
Das ist gut. Denn dieses Spiel mit dem Feuer wird der dramatische Motor für den Rest der Geschichte. Anchora ist ja nicht Opfer. Sie hat es in der Hand, wie sie mit dieser Naturkraft Sadopapa umgeht. Ihre Waffe ist nicht die Gewalt, sondern das Begreifen.
Die Auseinandersetzung wird darin gipfeln, dass Anchora und Rehborn die Frostwandprojektoren zerstören und den Dämon in Sadopapa mit dem Regen verjagen. Dabei dürfen wir die entrückten Augenblicke im Regen nicht vergessen. Wie Inseln des Friedens sollen sie im Strom der Spannung liegen.
Tasten wir uns also vorsichtig an diesen schwierigen Balance-Akt zwischen Kitsch und Glaubwürdigkeit heran. Schauen wir, ob es uns gelingt, dem Publikum den Atem zu rauben. Schauen wir, ob wir überhaupt eine Idee für die nächste Szene haben.
Rehborn kann kaum noch stehen, muss aber mit Sadopapa frühstücken und wahrscheinlich alles wieder abräumen und abwaschen. Anchora schläft erschöpft und wird hungrig aufwachen. Vielleicht sollte sie kurz nach Mittag aufwachen, so dass wir noch etwas haben vom Tag und Anchora auch das Mittagessen verpasst. Sadopapa könnte ihr das Essen verweigern, weil sie 'verschlafen' hat. Rehborn kippt fast aus den Socken vor Müdigkeit.
Sadopapa könnte sie gegen einander ausspielen, indem er behauptet, Rehborn dürfe nicht schlafen gehen, weil Anchora zu spät aufgestanden und dem Jungen folglich alles 'weggeschlafen' habe. Anchoras Magen knurrt und sie ist Schuld an allem. Rehborn ist todmüde. Was nun?
Noch bevor Anchora dazu kommt, Sadopapa den neuen Foltertarif durchzugeben, verschwindet dieser, um die Saat der Zwietracht, die er gesät hat, aufgehen zu lassen. Aber die Kinder lassen sich von diesem plumpen Trick nicht reinlegen. Rehborn steckt Anchora etwas Essbares zu und zieht sie davon. Auf dem Regenbänklein kaut Anchora an ihrem Brot, während Rehborn in ihrem Schoss schläft.
Ihr unerlaubtes Verschwinden weckt den Zorn des Ungeheuers. Eine Folter liegt in der Luft.
Wie komme ich auf die absurde Idee, dass Anchora dem Rehborn den Schlaf 'wegschlafen' könnte? Solche Einfälle ergeben sich häufig, wenn wir uns die Charaktere und die Situation, in der sie gerade sind, nur lebhaft genug vorstellen. Sadopapa ergreift fast jede Gelegenheit, den Kindern und vor allem Rehborn weh zu tun. Er hat das mit dem 'Wegschlafen' nicht tückisch geplant. Es ist einfach so, dass er gerade dabei ist, Rehborn mit Schlafentzug zu quälen. Und sein biederer Rechtfertigungsreflex erfindet automatisch irgendwelche 'Gründe' für sein Handeln.
Das 'Wegschlafen' meint ja nichts anderes, als dass die 'faule' Anchora sich egoistisch ausschläft und so Rehborn die ganze Arbeit überlässt. Was der alte Sack dabei elegant 'vergisst', er hätte sein Fresschen ruhig selber machen können, wenn er die Kinder schon die ganze Nacht hat arbeiten lassen. Nach der Folter hat er's ja auch gemacht.
Wenn du solche Ideen und Wendungen vorausplanen kannst, bist du wirklich gut. Ich kann das nicht. Ich habe Angst davor, dass die Geschichte bei zu viel Planung hölzern wird. Ein knarzendes Uhrwerk aus Holzrädchen. Natürlich planen wir Aufenthalte im Regen, die Zerstörung der Frostwandprojektoren... Aber der Weg dahin bleibt offen, ergibt sich aus dem Bauch unserer Charaktere.
Deshalb müssen wir uns fragen, ob Rehborn wirklich schon so weit ist, die Initiative zu ergreifen und Anchora an der Hand zum Regenbänklein zu ziehen. Das grenzt ja an eine Revolte. Und nach erst einem Gespräch mit Anchora wird er wohl kaum so weit sein, Sadopapa zu trotzen.
Wahrscheinlicher ist, dass Anchora um Essen bittet, ihn dann spontan zum Bänklein entführt, wo sie ihm befiehlt zu schlafen. Keine Widerrede, Rehborn!
Vielleicht könnte Anchora sagen 'Hier sind wir sicher, bis er uns findet.'. Und Rehborn 'Er wird nicht kommen. Der Regen macht ihm Angst.'. Damit geben wir ziemlich deutlich zu erkennen, dass es mit dem Regen etwas Besonderes auf sich hat. Aber nicht was. Gleichzeitig geben wir die Achillesferse von Sadopapa preis. Publikumsnahrung für eine diffuse Hoffnung.
Ans Handwerk! Eine Fantasie-Welt in sich entstehen zu lassen ist wie Gewichte heben beim Krafttraining. Ein schweres Gewicht braucht volle Konzentration, den Willen, es zu heben, und schliesslich die volle Kraft des Muskels.
405: Szenenanfang:
Mist, wir haben die Kulisse vergessen. Als Hinweis, dass die Geschichte dort weitergeht, wo Anchora aufgewacht ist, lassen wir sie schlaftrunken einen Weg entlangwanken. So betritt sie die Szenerie. Bloss welche?
Die Kulisse hat eine ähnliche Bedeutung wie eine handelnde Figur. Als habe sie eine Persönlichkeit, strahlt ihr 'Charakter' aus und beeinflusst massgeblich die Atmosphäre der Geschichte. Obwohl stumm, übernimmt sie die Funktion einer Erzählstimme, indem sie Zusammenhänge 'zeigt', die sonst mühsam erklärt werden müssten.
Also müssen Kulissen ebenso sorgfältig aufgebaut werden wie ein Chara. Anchora ist im Begriff, in eine Kulisse zu stolpern, die uns erzählt, was Sadopapa und Rehborn nach dem Mittagessen so treiben. Und was treiben sie?
Ist Rehborn gerade beim Geschirr spülen? Oder ist diese Arbeit für die Geschichte ebenso belanglos wie aufs Klo gehen oder Zähne putzen? Auch die Kulisse darf nur zeigen, was wichtig ist. Sonst wird die Geschichte langweilig und brüchig.
Ist Geschirr spülen also wichtig? Gibt es eine häusliche Note? Und sitzt Sadopapa in der Nähe und stopft Socken? Wohl kaum.
Anderseits warum nicht die beiden Männer beim Besorgen ihres Haushalts zeigen? Einträchtig arbeiten sie zusammen. Es herrscht eine familiäre Stimmung. Rehborn zeigt keine Angst. Sadopapa scheint vergnügt. Wie Anchora da reinplatzt, schauen die beiden, als sei sie ein Störenfried. Das Publikum ist irritiert. War etwa alle Grausamkeit bloss ein Spuk? Eine Inszenierung, um den Eindringling Anchora aus irgendwelchen Gründen hinters Licht zu führen? Ein übles Schauspiel, eine Verschwörung?
Machen die beiden Anchora etwas vor, um sie foltern zu können? Hat Rehborn durch einen Schlitz etwa heimlich mitgeguckt bei Anchoras Elektroschocks?
Sollen wir diese irreführenden Ahnungen des geübten Publikums erzeugen? Oder gibt es etwas Wichtigeres, das wir über den Tagesablauf zu sagen haben?
Oder ist die Frage etwa falsch gestellt? Sollte der Tagesablauf nicht bloss Mittel zum Zweck sein, noch mehr romantische Fleckchen von Märchental zu zeigen?
Das klingt alles zu sehr nach Selbstzweck, Kulissen um der Kulissen willen. Dabei gibt es doch einen einfachen Grund, Kulissen zu zeigen, die das Leben in Märchental illustrieren. Schliesslich muss Anchora rausfinden, was hier abgeht. Ihr forschender Blick wird Informationen aus den Szenerien saugen. Ihre bohrenden Fragen das Fehlende beibringen. Warum zeigen wir nicht einfach den Tagesablauf mit zugehörigen Hintergründen aus der Perspektive der staunenden Anchora?
Zuerst die Küche mit Rehborn. Daneben Sadopapa, der auf einer Leiter Äpfel pflückt. Später die Produktion von Nanowasserrädchen, für die es Kohlenstoff braucht. Der Kohlenstoff stammt von der Asche des Küchenfeuers. Die Küche hat also einen Holzofen und in der Nähe einen Aschehaufen. Selbstverständlich dürfen die Kinder die Asche in Eimern zur Produktionsstätte schleppen.
Dürfen wir Rehborn lachen lassen, um dem Publikum diese unheimliche Ahnung einer Verschwörung einzuflössen? Einen Pflichtlacher hat Rehborn schon hinter sich, aber der war nicht sehr konspirativ. Kann seine Angst für ein halbwegs fröhliches Lachen durch die Belämmertheit der Erschöpfung und die kleine Sicherheit durch folgsames Arbeiten übertüncht werden?
Vielleicht muss Rehborn sich zwischendurch zwingen zum Lachen. Immer nur schlottern vor Angst, das ist doch kein Leben. Eingefroren in dem Augenblick, wo er mit der Linken die Tür zur Angst zuknallt und mit der Rechten nach dem Rockzipfel des Glücks grapscht, gelingt ihm vielleicht ein Lachen von verzweifelter Fröhlichkeit, entsprechend seiner inneren Zerrissenheit. Ein Tränenlachen, geboren aus dem sich schmerzhaft aufbäumenden Willen, eine Sekunde lang glücklich zu sein.
405: Szenenanfang:
Es ist kurz nach Mittag. Anchora schlurft schlaftrunken von der Wohnhütte weg,
einen Waldpfad entlang.
406: Das Lachen von zwei Personen erklingt hinter dem Gebüsch. Anchora geht darauf zu.
407: Durch die Zweige sieht sie Rehborn, dessen Gesicht sich im Nachhall des Lachens entspannt.
408: Anchora bewegt sich etwas weiter, um bessere Sicht zu haben, und bleibt stehen.
409: Auf einem mit Steinen eingefassten Brunnenschacht steht eine Elektropumpe, die ihren Strom von einem sonnenschirmähnlichen, mit Solarzellen bestückten Panel bezieht, welches sich automatisch nach der Sonne ausrichtet. Die Pumpe fördert das Wasser aus dem Brunnenschacht in einen Steintrog, von wo es in einen zweiten Steintrog überläuft. Aus dem Überlauf des zweiten Troges fällt es auf grosse Kieselsteine, wo es versickert. Ein zwei Meter breites Holzdach auf Pfosten schützt die Tröge vor der brennenden Mittagssonne. Das Dach zieht sich weiter zu einer Rüstfläche mit anschliessenden Holzkästen zum Aufbewahren von Kochutensilien und Geschirr. Im Freien neben der 'Küche' steht ein aus feuerfestem Stein gebauter Holzkochherd, in dem noch das Feuer glimmt. In der Nähe des Kochherdes liegt ein grosser Aschehaufen. Rehborn ist dabei, das eben abgewaschene Geschirr klappernd in einen Schrank zu räumen. Der Ingenieur steht, fröhlich summend, auf einer Leiter und pflückt Äpfel von einem prachtvollen Baum. Anchora steht da und betrachtet staunend das idyllische Bild. Rehborn und der Ingenieur bemerken sie nicht.
410: Rehborn dreht sich um und sein fast fröhliches Gesicht wird zur Maske, wie er Anchora sieht. Anchora fragt sich warum.
411: Anchora ruft: "Ich habe Hunger!"
412: Der Ingenieur schaut vom Baum herab und sagt grinsend: "Da kommt ja unsere kleine Sünderin. Du bist zu spät, das Mittagessen ist vorbei."
413: Anchora protestiert: "Aber ich habe Hunger."
414: Ingenieur,
herabsteigend, ernst: "Schau dir Rehborn an. Er kann kaum noch stehen vor
Müdigkeit. Und warum?"
Anchora ist näher gekommen und schaut nun den Ingenieur fragend an.
415: Ingenieur,
mittlerweile auf dem Boden, den Zeigefinger anklagend auf Anchora gerichtet:
"Weil du ihm alles weggeschlafen hast! Und jetzt willst du noch
essen?!"
Anchora ist verblüfft.
416: Mit heimlichem Grinsen geht der Ingenieur davon.
Abgesehen davon, dass wir das Publikum auf eine falsche Spur locken wollen. Warum macht Rehborn ein Gesicht, sobald Anchora auftaucht? Glaubt er Sadopapa, ist er auf seiner Seite?
Die Lösung ist einfach. Wie Rehborn Anchora sieht, erinnert er sich daran, dass die Kleine damit gedroht hat, Sadopapa das Foltern zu verbieten. Er hat plötzlich eine Scheissangst vor den Konsequenzen ihrer Unverfrorenheit. Die kleine Glücksillusion, die ihn hat lachen lassen, liegt zerdeppert vor seinen Füssen. Und entsprechend ist sein Gesichtsausdruck.
Die Frage ist, sollen die beiden darüber sprechen, die Missverständnisse aufklären? Warum hast du gelacht? Warum machst du jetzt ein Gesicht? Ich kann dir nichts wegschlafen. Doch, ich musste alle Arbeiten allein erledigen, weil du geschlafen hast. Herrschefinscheniör hätte es selber tun können.
Wenn wir gleich wieder alles aufklären, zerstören wir das unbehagliche Gefühl, welches Rehborns Lachen beim Publikum ausgelöst hat. Lassen wir das Publikum lieber im Netz der Unaufgeklärtheiten zappeln und suchen wir einen schlanken Weg aufs Felsenbänklein.
417: Wie der Ingenieur ausser Sichtweite ist, begreift Anchora, dass er sie verarscht. Sie schnaubt grimmig, ...
418: ... dreht sich zu Rehborn um, der ihr grimmiges Gesicht mit leichtem Erschrecken bemerkt, und sagt unmissverständlich: "Ich habe Hunger."
419: Ein schüchtern ausgestreckter Zeigefinger Rehborns weist auf den Apfelbaum hinter Anchora.
420: Sie dreht sich um, wirft den Kopf in den Nacken, um den Baum zu begutachten...
421: ... und stampft energisch auf die Leiter zu, ...
422: ... welche sie zügig erklimmt.
423: Sie pflückt ein paar Äpfel und steckt sie sich in die Taschen.
424: Grimmig stapft sie auf Rehborn zu, ...
425: ... packt seine Hand...
426: ... und sagt,
ihn mitziehend: "Komm mit!"
Dem verwirrten Rehborn bleibt nichts anderes übrig.
427: Szenenanfang:
Das Felsenbänklein im Kraterabhang liegt im Dämmerlicht des Tages, so dass die
Kinder keine Beleuchtung brauchen. Anchora sitzt am einen Ende des Bänkleins.
Rehborn liegt seitlich mit angezogenen Beinen und hat seinen Kopf in Anchoras
Schoss liegen. Sanft prasselt der Regen.
428: Anchora legt eine Hand auf Rehborns Hals und sagt freundlich: "Du kannst schlafen, bis er uns findet."
429: Rehborn starrt in den Regen. Angst und Erschöpfung kämpfen in seinem Gesicht.
430: Knackend beisst Anchora in einen Apfel.
431: Als würde das Geräusch ihn beruhigen, entspannt sich Rehborns Gesicht, wie er sagt: "Er wird nicht kommen. Er hat Angst vor dem Regen."
432: Ob diesem Satz vergisst Anchora das Kauen. Nicht dass sie erstaunt wäre, aber mit einer solchen Aussage hat sie nicht gerechnet. Das gibt ihr zu denken und als würde sie eine schwierige Kopfrechnung ausführen, starrt sie geradeaus.
433: Während sie weiter nachdenkt, nimmt ihr Mund die Kaubewegungen mechanisch wieder auf.
434: Der warme, weiche Schoss des Mädchens, die beruhigenden Kaugeräusche, der Angst lösende Regen lassen die Erschöpfung in Rehborns Gesicht siegen. Seine Augen schliessen sich.
435: Die Kamera zieht sich zurück, zeigt noch einmal das essende und das schlafende Kind in der Geborgenheit des Regens.
Eine Szene der Zärtlichkeit zwischen zwei gegenpoligen Figuren. Ist sie gelungen? Da können wir uns noch so oft ins Publikum setzen. Wir werden nie dieselbe Unbefangenheit haben. Wir werden es erst wissen, wenn es uns gesagt wird.
Wie vorgesehen, wird sich der Konflikt zuspitzen. Sadopapa kocht vor Wut, weil die Kinder ohne seine Erlaubnis weggelaufen sind. Die Stunde der Wahrheit, wie die Kleine gegen das Monster ankämpfen soll, rückt unaufhaltsam näher.
Fragen wir uns zuerst, welche Sanktionen sich Sadopapa wohl ausdenkt. Warum nicht mit der guten, alten erzieherischen Ohrfeige anfangen?
Immerhin können wir davon ausgehen, dass Sadopapa davor zurückschreckt, die Kinder zu töten. Angesichts des abgeschiedenen Wohnortes darf er sie auch nicht ernsthaft verletzen. Ohne Notfallmedizin im Rücken könnte dies den Tod bedeuten. Des weiteren ist er kein jähzorniger Gewalttäter, dessen überschäumende Wut sich in Faustschläge von besinnungsloser Wucht verwandelt. Als intelligenter und kultivierter Mensch ist sein Sadismus wohl dosiert und wohl begründet.
Er wird Acht geben, dass es seinen Opfern 'gut' geht. Denn Tote kann er nicht quälen. Der blosse Gedanke an die leblosen Körper der Kinder erschreckt ihn zutiefst. Niemand mehr da. Plötzlich allein. Nur noch er selbst und der Schmerz der tiefen Einsamkeit. Ausgesetzt seinen Ängsten vor der Bedeutungslosigkeit seines Lebens, vor Alter, Tod, dem Verlöschen zum endgültigen Nichts.
Er braucht die Kinder lebend. Sie geben ihm Halt, Anerkennung, Selbstbestätigung. Und das unbändige Quälvergnügen ist die beste Ablenkung, das Bollwerk der Freude gegen die Ängste seines Lebens.
Damit haben wir es endlich auf den Punkt gebracht. Anchora wird leiden, aber nicht sterben. So sie nur die Kraft hat, ihr Martyrium durchzustehen, wird sie siegen.
Ehrlich gesagt, ich bin erleichtert. Jetzt ist es klar, einfach, leicht. Die Angst vor einem qualvollen Murks ist verflogen. Vor uns liegt das weisse Strassenband unserer Geschichte, welches sich hinzieht durch den weissen Sand einer leeren Wüste, alles in gleissendem Licht. Geniessen wir diesen Augenblick der Gewissheit, dass wir es schaffen werden.
Voran nun mit festem Schritt! Lasst uns die Wüste füllen mit den Blumen unserer Fantasie.
Wenn der moralische Zeigefinger am Ende ist, kommt die Ohrfeige als Ausdruck der Hilflosigkeit. Anchora wird dem wütenden Sadopapa eine Standpauke halten. Diese 'Frechheit' bringt ihn so aus der Fassung, dass er mit einer hilflosen Ohrfeige reagiert.
436: Szenenanfang:
Am späten Nachmittag. Die Kinder sind auf dem Weg zur Küche. Anchora, fordernd:
"Ich habe Hunger."
Rehborn, nichts Gutes ahnend, starrt mit angstvollem, leerem Blick zu Boden,
sagt aber tapfer: "Ja, wir gehen Abendbrot machen."
437: Sie kommen an dem Brunnen vorbei, wo Rehborn das Geschirr gewaschen hat.
438: Wie Rehborn einen Küchenschrank öffnen will, lässt ihn die Stimme des Schicksals aus dem Off erstarren: "Wo wart ihr?"
439: Halb gelähmt vor Angst, dreht Rehborn sich um. Da steht er vor dem Apfelbaum, der drohende Koloss, seine Wut mühsam im Griff. Zu Füssen des Ingenieurs wirkt Anchora wie ein Zwerglein. Sie schaut furchtlos zu ihm hoch.
440: Anchora: "Rehborn hat geschlafen."
441: Wie ein Kanonenturm richtet der Ingenieur seinen Blick auf Rehborn und sagt mit schmerzlichem Lächeln: "Stimmt das, Rehborn, warst du ungehorsam?"
442: Rehborn versucht sich in sein Schicksal zu fügen, zittert aber trotzdem vor Angst: "Ja, Herr Chefingenieur."
443: Ingenieur, wie oben: "Nun, das war sehr böse, mich allein arbeiten zu lassen."
444: Anchora
kräht: "Das ist nicht war, Herrschefinscheniör. Rehborn hat kein
Böses."
Er hat es gewusst und die Wogen des Schicksals schlagen über Rehborn zusammen.
445: Der Kanonenturm richtet sich auf das Zwerglein zu seinen Füssen. Ingenieur, höhnisch: "Das sagt gerade die halbe Portion. Haben wir nicht kürzlich bewiesen, wie viel Böses auch aus dir herauskommt?"
446: Anchora lässt sich das nicht gefallen: "Da war nichts Böses. Nur Schmerzen. Weil du mir weh gemacht hast. Du hast gelogen."
447: Ein Gefühl, als würde ihm ein glühend heisser Eiszapfen von oben durchs Rückenmark getrieben, klinkt den Verstand des Ingenieurs aus. Mit der Unaufhaltsamkeit einer Abrissbirne pendelt seine mächtige Hand am ausgestreckten Arm auf Anchora zu...
448: ... und versetzt ihr eine so gewaltige Ohrfeige, dass sie von den Beinen gefegt wird. Rehborn ist entsetzt.
449: Mit brennender Wange und Tränen in den Augen, gestützt auf einen Arm, ohne jede Angst, schaut Anchora auf zum Ingenieur.
450: Mit einem gewissen Erschrecken, als habe eine fremde Macht sie gesteuert, schaut dieser auf seine Hand.
451: Rehborn zittert am ganzen Körper vor Angst und kann sich nicht bewegen.
452: Anchora ist wieder auf den Beinen. Mit kullernden Tränen sagt sie grimmig zum Ingenieur: "Warum haust du mich? Du hast doch gelogen."
453: Dass er die Beherrschung verloren hat, verwirrt den Ingenieur so stark, dass er gar nicht richtig hört, was Anchora sagt, und nur mit einem dunklen Blick auf sie herabstarrt.
454: Er packt Anchora am Handgelenk...
455: ... und zerrt sie mit sich.
456: Bevor sie zwischen den Pflanzen verschwinden, hört Rehborn den Ingenieur sagen: "Rehborn?"
457: Rehborn, zitternd den beiden nacheilend: "Ich komme, Herr Chefingenieur."
Bestimmt fragt sich das Publikum gespannt, welche Schweinerei Sadopapa jetzt wieder im Schilde führt. Deshalb unterbrechen wir hier nicht, sondern leiten schön über zur Folterszene mit den Brennnesseln. Sadopapa wird Anchora mit vorgehaltenem Taschenmesser zwingen müssen, sich auszuziehen. Nicht weil sie sich schämen würde, sondern weil sie nichts tut, dessen Sinn sie nicht versteht.
Auf eine Holzscheibe gefesselt, ist so eine Brennnesselfolter doch viel malerischer als an einem Pfosten. So ein Marterpfahl ist doch was ziemlich Ausgelutschtes. Warum aber sollte Sadopapa zwei solcher Scheiben haben, wenn er doch bisher nur Rehborn traktiert hat?
Ein seitlich gekippter Wagen hätte zwei Holzräder. Das wären aber Räder, nicht Scheiben. Früher wurde den Leuten mit Eisenstangen Arme und Beine mehrfach gebrochen, damit sie dann durch die Speichen eines Holzrades geflochten werden konnten. So durften sie dann verrecken. Wenn sie 'Glück' hatten an inneren Blutungen. Andernfalls mussten sie wohl tagelang unter schrecklichen Qualen darauf warten, dass sie verdursteten.
Sollen wir dem Publikum diese dunkle Erinnerung zumuten, indem wir Sadopapa die Kinder an Wagenräder binden lassen? Das kommt mir vor, als schritten wir auf einer Glasplatte über den höllischen Abgrund des menschlichen Sadismus.
Über diesem Abgrund erscheint Sadopapas Quälfreude vergleichsweise harmlos, fast hausbacken. Denkst du nicht auch, dass diese Verniedlichung unseres Monsters der Geschichte schadet?
Verzichten wir also auf die Räder und suchen wir eine andere 'Aufspannmethode' für Körper. Suchen wir dazu in unserem Blickfeld einen beliebigen Gegenstand. Vor dem Fenster hängt eine trübe Nebelsuppe. Suppe? Was ist in einer Suppe? Gemüsestücke, Teigwaren, Buchstabenteigwaren. Ein Buchstabe aus armdickem Holz, der senkrecht im Boden steckt. Was wenn Sadopapa ein Wort gezimmert hätte, das nun da steht im Brennnesselfeld und gross genug ist, jemanden festzubinden?
Und da es ein Wort ist, können ebenso gut zwei oder drei Leute daran gefesselt werden. Wie praktisch!
Welches Wort wäre das wohl? Bestimmt eines mit einer, für Sadopapas Verständnis, erzieherischen Bedeutung. Vielleicht 'Sühne'?
Das 'Brennnesseln' ist keine Folter, die das 'Böse' entsorgt. Es ist eher eine Züchtigung, so wie Ohrfeigen und Stockschläge. Darauf sollte dieses Wort hinweisen. Während die Folter einen chirurgischen Eingriff zur 'Reinigung' der Seele darstellt, ist die Züchtigung eher das Setzen einer Verhaltensgrenze. Natürlich resultiert daraus dieselbe Quälfreude. Aber da Sadopapa die Folter aus gesundheitlichen Gründen nicht allzu oft anwenden darf, hat er sich noch eine 'Folter light' ausgedacht und die braucht eben eine andere Begründung.
'Respekt' kommt mir in den Sinn. Die Folter als 'Dienst' an den Kindern, der sie vom Bösen befreit. Das Brennnesseln als Strafe für mangelnden Respekt vor dem Herrn Chefingenieur. Wobei die Unterscheidung der reinen Willkür Sadopapas folgt. RESPEKT in Grossbuchstaben, dann können wir Rehborn ans R fesseln und Anchora ans K.
458: Im milden Licht
des späten Nachmittags gehen sie auf einem romantischen Weglein durch Pflanzen.
Anchora jammert: "Aua, drück nicht so fest! Du tust mir weh. Warum ziehst
du mich, wenn ich nicht will?"
Finsteres Schweigen des Ingenieurs. Rehborn sieht das Mädchen vor sich, wie es
mit Gewalt verschleppt wird, und Ohnmacht spiegelt sich auf seinem Gesicht.
459: Die Pflanzen geben den Blick frei auf eine Fläche. Auf der Fläche steht das etwa zwei Meter hohe Wort 'RESPEKT' in Grossbuchstaben. Die Buchstaben sind ausgeschnitten worden aus dicken Holzbrettern, welche in drei, vier Lagen aufeinander geleimt wurden, so dass sie etwa zehn bis fünfzehn Zentimeter Dicke aufweisen. Die Buchstaben stehen aufgrund nicht sichtbarer Verlängerungen, welche in den Boden eingelassen sind. Das Wort ist von der Seite zu sehen, so dass das Publikum es nicht lesen kann. Um die Fläche herum wuchern Brennnesseln.
460: Hier, wo das Wort noch nicht lesbar ist, bleibt der Ingenieur stehen, lässt Anchora los und befiehlt finster: "Zieht euch aus!"
461: Rehborn gehorcht sofort und beginnt, sich aus seinen Kleidern zu schälen. Anchora protestiert: "Ich will mich nicht ausziehen."
462: Da hat sie die gezückte Klinge eines Taschenmessers vor Augen mit dem drohenden Gesicht des Ingenieurs im Hintergrund. Ingenieur: "Wenn du dich nicht sofort ausziehst, schneide ich dir deine Fetzen vom Leib. Dann kannst du dauernd nackt rumlaufen."
463: Während
Anchora mit dem Ausziehen beginnt, schaut sie forschend in das nahe Gesicht des
Ingenieurs und sagt grimmig: "Warum willst du bei uns das Böse wegmachen?
Das Böse ist doch in dir."
Rehborn vergisst vor Schreck zu atmen. Erneut lodert im Ingenieur die Wut hoch,
doch er kann sich beherrschen.
464: Grob zieht der Ingenieur die nackte Anchora zum K des Wortes RESPEKT, welches immer noch nicht zu lesen ist.
465: Der Ingenieur stellt Anchora mit dem Gesicht zum Buchstaben, bindet ihr rechtes Handgelenk mit einem Lederriemchen an den rechten oberen Ausläufer des K, das linke Handgelenk an den linken oberen Ausläufer. Gleich verfährt er mit den Fussgelenken an den unteren Ausläufern, so dass Anchora schliesslich mit gespreizten Gliedmassen dasteht.
466: Nun wird Rehborn analog ans R gefesselt. Immer noch ist das Wort nicht zu lesen.
467: Der Ingenieur wendet sich, Gartenhandschuhe überstreifend, den Brennnesseln zu.
468: Er reisst einen Strauss Nesseln ab...
469: ... und wendet sich den beiden nackten Kindern zu. Erst jetzt ist das Wort RESPEKT zu lesen.
Indem wir das Publikum ahnen lassen, dass es sich um ein Wort handelt, dieses aber erst jetzt offenbaren, erzeugen wir eine Mikrospannung. Wir haben damit drei Spannungen ineinander verschachtelt:
Momentspannung: Wie heisst das Wort?
Szenenspannung: Was wird Sadopapa tun?
Geschichtsspannung: Wie geht die Geschichte weiter?
Mindestens eine dieser Ebenen sollte immer aktiv sein. Sonst haben wir ein Spannungsloch. Anderseits ist es auch nicht sinnvoll, immer alle drei ausreizen zu wollen, ja vielleicht sogar unmöglich. Gespräche sind oft nicht sehr spannend, so dass uns die Moment- und die Szenenspannung etwas wegrutscht. Dafür liefern sie Informationen, welche die Geschichtsspannung erhöhen. Und die ist ja wohl am wichtigsten.
So wird das Publikum Anchoras schweigsamen, langen Marsch durch den Regen mitmachen, so lange es wissen will, wie's weitergeht. Eine Momentspannung wie die Elektrofolter Anchoras kann so intensiv sein, dass uns das Publikum dankbar ist für eine 'entspannte' Szene der Geborgenheit im Regen.
Wir müssen also abwechseln. Momentspannungen so oft, wie sie nicht stören. Szenenspannung so gut, wie es der Szenenzweck halt erlaubt. Geschichtsspannung eigentlich immer, wenn sie auch manchmal hinter intensiven Szenen etwas verschwinden mag.
Aber warum funktioniert eine Geschichte aus aneinander gereihten Momentspannungen nicht? Wir könnten doch annehmen, dass das Publikum von Spannungsmoment zu Spannungsmoment in Atem gehalten wird und einfach weiter liest. Stellen wir uns einen wortlosen 200-seitigen Faustkampf vor. Spätestens nach zehn Seiten wird das Publikum jedes Interesse verlieren. Und warum? Weil dieser Kampf keinen 'Sinn' macht. Da wir nicht wissen, worum's geht, können wir nicht Partei ergreifen und die Sache lässt uns kalt.
Die Szenenspannung kann noch so toll sein. Wenn die Szenen nicht in eine sinnvolle Geschichte eingebettet sind, bleibt alles fad.
Die Idee zu einer Geschichte kann noch so spannend sein. Wird die Geschichte nicht handwerklich sauber gewoben aus spannenden Momenten und Szenen, zerbröselt sie unter dem Ansturm des Publikums wie ein uralter, ausgemergelter Knochen.
Wie bei einem Stafettenlauf wechseln die Spannungsebenen einander ab. Oft rennen sie zu zweit. Selten zu dritt.
470: Der Ingenieur geht zu Rehborn, ...
471: ... holt weit aus...
472: ... und klatscht dem Jungen die Brennnesseln auf den Rücken. Rehborn presst die Zähne zusammen, ein Stöhnen kann er jedoch nicht unterdrücken.
473: Die Augen des von Anchoras Worten verunsicherten Ingenieurs bleiben finster, während sein Mund ein schwaches, grimmiges Grinsen zeigt.
474: Nun schlägt der Ingenieur die Brennnesseln auf Anchoras Rücken. Anchora ruft: "Aua! Das brennt! Hör auf!"
475: Das unfrohe Grinsen des Ingenieurs wird etwas breiter.
476: Als habe er Blut geleckt, haut er wieder und wieder auf Anchora ein. Das Mädchen ruft 'Aua Aua Aua'. Sein Körper wird rot und röter, von oben bis unten.
477: Tränen kullern über Anchoras Gesicht.
478: Wie im Rausch wirft der Ingenieur die 'verbrauchten' Brennnesseln weg, ...
479: ... pflückt einen neuen Strauss...
480: ... und drischt mit demselben Elan auf die Rückseite Rehborns ein, der sich windet und stöhnt.
481: Nachdem auch Rehborns Haut rot erglüht, fliegt der Nesselstrauss davon...
482: ... und der Ingenieur betrachtet mit grimmiger Zufriedenheit und in die Seiten gestemmten Fäusten sein Werk, wobei wieder das ganze Wort 'RESPEKT' zu lesen ist. Ingenieur: "Ich werde euch lehren, mir zu widersprechen."
483: Mit grossem Schritt macht der Ingenieur sich davon.
484: Anchora, mit tränennassem Gesicht: "Warum brennt das so?"
485: Rehborn, der ebenfalls weinen muss: "Das sind Brennnesseln... Sie haben kleine Giftstacheln."
486: Anchora, mit grossen Augen: "Gift? ... Sterben wir jetzt?"
487: Rehborn, mit nach innen gerichtetem Blick: "Er wird uns nicht töten... Er will nicht allein sein... Davor hat er Angst."
Ein überraschender Aspekt von Rehborns Persönlichkeit. Bisher vor allem als zitterndes Nichts aufgefallen, zeigt er plötzlich ein tiefes Verständnis für seinen Peiniger. Fast mag es erscheinen, dass er sich opfert für diesen Mann. Ein Märtyrer! Liebt er ihn? Ist er gar sein Vater?
Wir wissen es nicht. Aber mit dieser letzten Äusserung Rehborns haben sich die Verhältnisse dramatisch geändert. Aus dem verängstigten, hilflosen Kind wird plötzlich ein verstehender Erwachsener. Aus dem bedrohlichen Monster ein fast bedauernswertes Kind, das Angst hat vor dem Alleinsein und vor dem Regen.
Dieses Drama soll unterschwellig im Publikum wirken. Sobald wir es nämlich durch Zerklärungen ans Licht zerren, verliert es seine Kraft.
Nun haben wir dem Publikum verraten, dass die Kinder nicht in Lebensgefahr sind. Das geht auf Kosten der Spannung. Anderseits wird Anchoras Widerstand dadurch glaubwürdiger. Das sollte den Spannungsverlust ausgleichen. Eine unglaubwürdige Geschichte ist nämlich überhaupt nicht spannend.
Bevor wir die beiden zur Abkühlung in den Regen schicken, müssen wir uns Gedanken machen über die 'Heilung' von Sadopapa. Immerhin haben wir die Hälfte unserer Spannungsbrücke gebaut. Wenn wir jetzt einfach weiterfahren mit fröhlichen Folterspielchen und dann auf den letzten zehn Seiten Sadopapa ein bisschen Duschen lassen, haben wir einen hingeschluderten Schluss.
Aus Sadopapas Heilung müssen wir ein Drama machen. Es ist klar, dass er grosse Angst hat vor einer Persönlichkeitsveränderung. Sonst hätte er sich längst dem Regen ausgesetzt und mit Rehborn ein glückliches Leben angefangen.
Dieser Mann bezieht einen erheblichen Anteil seiner Lebensfreude aus dem Quälvergnügen. Vergnügen bedeutet, dass Dopamin ausgeschüttet wird in seinem Hirn. Dopamin ist so etwas wie die chemische Form von Glück. Ohne dieses Glück ist sein Leben fad, irgendwie sinnlos.
Wir sind alle 'süchtig' nach Dopamin. Die Frage stellt sich nur, was verschafft uns den Kick? Es ist meistens die Sättigung eines Bedürfnisses. Ein Bedürfnis ist ein durch Hirnzellen erzeugtes Verlangen. Erfüllen wir dieses Verlangen, erhalten wir eine Belohnung in Form von Dopamin oder etwas Ähnliches.
Unsere menschliche Bedüfnispalette ist ziemlich fehlerhaft. So werden wir zum Beispiel für das Herabsetzen, Unterwerfen, Demütigen von Menschen mit einem irgendwie perversen Genugtuungsgefühl belohnt. Alle wollen den Demütigungsschmerz vermeiden und sich das Demütigungsvergnügen, die Genugtuung, verschaffen. Wegen dieses blöden Mechanismus' kämpfen wir dauernd im kleinen wie im Weltkrieg gegeneinander. Das Ergebnis ist eine allgemeine Kälte und eine zugrunde gehende Welt.
Da solche Bedürfnisse im Hirn fest 'verdrahtet' sind und Sadopapa wohl den Hauptteil seiner Lebensfreude aus dem Fass der Genugtuung schöpft, dürfte es hart werden, ihn davon abzubringen. Natürlich müssen wir ihm eine Alternative bieten. Wir können ihn ja nicht in dem schwarzen Loch der Freudlosigkeit sitzen lassen.
Wie wäre es mit dem Vergnügen, das daraus erwächst, angelächelt zu werden? So einfach, wie das Schreien des Opfers die Genugtuung erzeugt, so simpel lässt sich Beliebtheitsvergnügen 'herstellen'. Eben mit einem Lächeln.
Wer sich geliebt fühlt, empfindet Beliebtheitsvergnügen. Es ist ja nicht so, dass Sadopapa sich nicht geliebt fühlen möchte. Er hat damit vielleicht nicht so viel Erfolg gehabt, es aufgegeben und sich auf etwas einfacher 'Herzustellendes' wie das Demütigungsvergnügen eingeschossen.
Wir haben also den dramatischen Prozess zu behandeln, wie der Regen sein Demütigungsbedürfnis, an das sich Sadopapa verzweifelt krallt, allmählich auflöst und den Weg frei macht zu einer Wiederbelebung des Beliebtheitsbedürfnisses. Er muss wieder lernen, dass ein Lächeln Glück bedeutet. Dieses Glück kann jedoch nur ernten, wer den Mut hat, sein Herz zu öffnen und den Schmerz zu ertragen, den eine allfällige Verletzung mit sich bringt.
Wenn ich mir vorstellen will, wie dieses Sadopapa-Drama sich gliedert, sehe ich nur düsterliches Gewaber. Dabei müssen wir uns, wenn es auf den Schluss zugeht, schon um eine Gliederung bemühen. Sonst endet unsere Spannungsbrücke womöglich zwei Meter über dem angepeilten Schluchtrand.
Ein paar Takte können wir die Geschichte ja noch folgerichtig weiterführen. Vielleicht sehen wir dann mehr. Was heisst hier folgerichtig? Klingt furchtbar logisch und ist doch blanke Willkür.
'Folgerichtig' ist wohl, wieder eine Geborgenheitsszene im Regen zu zeigen. Deshalb haben wir Anchora ans K gefesselt. Bei diesem Buchstaben kann sie nämlich ihre Lederriemchen über die Ausläufer raus schieben und sich so befreien.
'Folgerichtig' ist wohl auch, wenn Anchora erfährt, was es mit diesen Frostwandprojektoren auf sich hat, damit sie weiss, wie sie den Regen ins Tal bringen kann. Der gut gelaunte Sadopapa könnte doch einen selbstgefälligen Vortrag halten, während die Kinder Asche von der Küche in die Nanofabrik schleppen.
'Folgerichtig' ist es daher, wenn Sadopapa nicht gleich wieder verärgert wird. Die Kinder werden sich folglich nach der Regenszene zurückschleichen und im Morgengrauen an die Buchstaben binden, so dass Sadopapa, der sie die ganze Nacht dort stehen gelassen hätte, grossmütig zur 'Befreiung' schreiten kann.
Dieses scheinbar unterwürfige Verhalten dient nicht bloss unserer 'Folgerichtigkeit'. Es verträgt sich durchaus mit Anchoras Charakter. Ihre Prinzipien heissen nicht Sturheit, Trotz und Widerspruch. Ihr Prinzip ist das von einem guten Herzen geleitete Begreifen. Es passt zu ihr, dass sie Sadopapas nächstem Schlag ausweicht, indem sie ihm vorgaukelt, die ganze Nacht angebunden gewesen zu sein.
Sie wird 'brav' sein, um ihn zu studieren. Um seine Schwächen zu entdecken. Um herauszufinden, wie sie ihn überwinden kann. Versuchen wir's mal.
Hm, wenn ich Bild 487 lese, habe ich das Gefühl, allzu viel Luft aus dem bedrohlichen Monster Sadopapa rausgelassen zu haben. Wir sollten Rehborns Aussage ins Ungewisse abschwächen.
488: Anchora: "Bist du sicher?"
489: Mit nach innen gekehrtem Blick sucht Rehborn lange nach einer Antwort.
490: Schliesslich sinkt sein Kopf mutlos herab und er sagt leise: "Nein."
491: Anchora lässt sich von Rehborns Mutlosigkeit nicht anstecken. Sie ist schon dabei, die Lederriemchen, die ihre Knöchel fesseln, hochzuschieben, indem sie die Beine anzieht.
492: Wie ein Frosch hängt sie nun am K.
493: Die Beine streckend, gelingt es ihr, die Handfesseln über die Ausläufer des K hinauszuschieben.
494: Sie ist mit den Knöchelriemchen wieder zurückgerutscht und befreit sich, am Boden sitzend, von den Fussfesseln.
495: Voller Eifer rennt sie zum R, ...
496: ... wo sie, in der Rundung des Buchstabens stehend, Rehborns Handfesseln löst. Dieser weiss nicht, ob er sich über die Befreiung freuen oder entsetzen soll.
Nehmen wir an, Anchora wisse über Männlein und Weiblein Bescheid. Dann können wir nämlich auf das völlig unpassende, müde Sexwitzchen verzichten, wo sie, zum Schrecken Rehborns, dessen Schwanz packt und sagt 'Aha, du hast einen Schlauch zum Pipi machen.' Immerhin, zuzutrauen wär's ihr.
497: Der befreite Rehborn bückt sich nach seinen Kleidern und wird von Anchora gebremst: "Die brauchst du nicht."
498: Schon wird
der verdatterte Rehborn an der Hand weggezogen. Rehborn: "Aber..."
Anchora: "Wir löschen Feuer mit Wasser."
499: Szenenanfang:
Wenn es Platz hat auf dem Felsenbänklein, liegen beide bäuchlings, Kopf an
Kopf, drauf. Sonst halt am Boden. Sie mampfen Äpfel und der warme Regen
prasselt erfrischend auf ihre nackten, geschundenen Körper.
500: Anchora, der wegen der Schmerzen nicht ums Lächeln ist: "Tut gut, hm?"
501: Rehborn, mit einem langen, ernsten Blick in Anchoras Augen: "Tausend Feenhände lindern mit kühlenden Tüchlein das Brennen."
502: Anchora erwidert den langen Blick.
503: Betrübnis durchwölkt Rehborns Gesicht.
504: Anchora, besorgt: "Was hast du?"
505: Rehborn, wie oben: "Wenn er es merkt..."
506: Anchora gähnt...
507: ... und legt
ihren Kopf auf den Arm zum Schlafen: "Schlaf nur... Er wird es nicht
merken."
Rehborn ist verwirrt.
508: Szenenanfang:
Erfrischt vom langen Schlaf, stapft der Ingenieur den Pfad entlang zum
hölzernen Wort. Sein Gesicht zeigt fast väterliche Güte, denn Anchoras
Dreistigkeit hat er erfolgreich verdrängt.
509: Wie das Wort RESPEKT in Sicht kommt, hängen die Kinder, scheinbar erschöpft von einer schlaflosen Nacht, in ihren Fesseln.
510: Der Ingenieur löst die Fesseln und sagt mit wohlwollendem Lächeln: "So, meine Kinder, kommt essen. Das Frühstück ist fertig."
511: Szenenanfang:
Neben dem Holzofen in der Küche hat es einen Aschenhaufen, so hoch wie Anchora.
Die Kinder sind dabei, Asche in Eimer zu schaufeln. Rehborn hat zwei, Anchora
einen Eimer.
512: Anchoras Eimer ist eben voll.
513: Unter sichtlicher Anstrengung schleppt sie ihn einen Pfad entlang, den wir bisher noch nicht kennen gelernt haben.
514: Nach einer Zeit zwischen Pflanzen erreicht Anchora...
Wie soll diese Nano-Fabrik aussehen? Und warum geht Anchora allein? Sie hat beschlossen, Sadopapa für eine Weile nicht zu provozieren, um ihn besser kennen zu lernen. Deshalb hat sie ja auch Rehborn und sich wieder an die Buchstaben gefesselt. Sie will Informationen. Um zu zeigen, wie raffiniert sie dabei vorgeht, lassen wir die beiden allein eine Szene spielen.
Wie eine Forschende, die Köder auslegt, um Tiere zu beobachten, wird sie Sadopapa mit kindlicher Bewunderung und Schmeichelei ködern. Dies passt sehr wohl zu Anchoras ehrlichem Charakter. Denn Ehrlichkeit ist nur möglich in einer fairen Partnerschaft. Da Sadopapa aber ein unfairer Drecksack ist, muss Anchora kühle Manipulation einsetzen. Sie ist ja nicht blöd.
Zur Nano-Fabrik. Die Atmosphäre in einem Manga wird hauptsächlich von den Zeichnenden erschaffen. Es ist eine hohe Kunst, dem blanken Weiss mit schwarzen Strichen eine Stimmung zu entlocken. Sie füttern die Augen des Publikums. Und wir müssen sie dabei mit unserer bescheidenen Fantasie unterstützen. Wenn wir uns Mühe geben, können wir mit dieser kleinen Fabrik ein Schmuckstück an Ästhetik und Faszination schaffen. Die aus dem Gespräch mit Anchora hervorgehende Tatsache, dass Sadopapa das alles konstruiert hat, würde dem Publikum zum ersten Mal so richtig verdeutlichen, dass dieser Mann ein Genie ist.
Zuerst müssen wir die Bestandteile der Nano-Fabrik bestimmen. Erst dann können wir uns über ihre Form fantasiereiche Gedanken machen. Da es bis heute nur klägliche Versuche in Labors gibt, solche Nanomaschinen zu konstruieren, dürfen wir etwas zusammenspinnen.
Als erstes haben wir einen Rohstoffbehälter, wo die Asche reinkommt. Vermutlich ist es zu wenig produktiv, Nanomaschinen mit Nanowerkzeugen herzustellen. Wenn winzige Einzelteile hergestellt und zu Wasserrädchen zusammengesetzt werden müssen, dauert das Jahre, um an eine ausreichende Menge zu gelangen.
Viel eleganter ist eine chemische Synthese, wie sie uns von den Genen für körpereigene Proteine vorgeführt wird.
Vom Rohstoffbehälter geht die Asche also in einen Verflüssiger. Die flüssige Asche geht in einen Regentank, von wo sie aus winzigen Löchern auf eine Glasplatte mit tausenden von Nano-Formen tröpfelt. Die Nano-Formen ziehen aus der Flüssigkeit die benötigten Atome an die richtigen Stellen, so dass ein Nano-Wasserrädchen entsteht. Sobald die Wasserrädchen geformt sind, werden sie von der Glasplatte in einen Vorratsbehälter gespült. Dort liegen sie dann bereit zum Aussäen.
Wie soll die Sache aussehen? Die Architektur des Fabrikationsgebäudes? Was würde zu der bisher sichtbaren Architektur passen? Wohl kaum etwas kühl Futuristisches. Vielleicht sollten wir das Gebäude weglassen, so wie bei der Küche. Wie wäre es, die Bestandteile der Anlage an einen Felsen anzuschrauben? Nein, dann würde der Felsen alles dominieren und die Fabrik aussehen lassen wie eine Einbauküche.
Wie finden wir eine Idee? Stellen wir uns die Anlage in verschiedenen Baumaterialien vor. Wie wäre es mit Schaffell? Oder Kork, Glas, Holz, Stein? Vielleicht Wachs, Kaffeesatz, Pudding, Wasser. Glas wie gefrorenes Wasser. Ja, das würde auch zu den glasartigen Kristallen der Frostwandprojektoren passen.
514: Nach einer Zeit zwischen Pflanzen erreicht Anchora einen offenen Grasplatz mit einer seltsamen, funkelnden Maschine aus Glas, das aussieht wie im Fluss erstarrtes Wasser. Die Maschine hat einen Einfülltrichter für die Asche, der zu einem Vorratsbehälter führt. Daran schliesst sich ein Ascheverflüssiger an, der die flüssige Asche über Röhren in einen Regentank weiterleitet. Vom Regentank tropft die Flüssigkeit aus winzigen Löchern auf eine Glasplatte mit tausenden von sandkorngrossen Nano-Formen. Diese Glasplatte kann bewässert werden, um die fertigen Nanowasserrädchen in einen wannenförmigen Vorratsbehälter zu spülen. Der Ingenieur steht bei der Maschine und überwacht aufmerksam ihre Arbeit.
515: Anchora ist zu klein für den Einfüllbehälter. Also stellt sie den Eimer daneben ab.
516: Sie gesellt sich zum Ingenieur und beobachtet mit grosser Faszination die funkelnde Maschine.
517: Der Ingenieur bemerkt das Kind neben sich und sagt mit gerunzelter Stirn: "Was schaust du?"
518: Anchora, hingerissen die Maschine betrachtend: "Sie ist wunderschön."
519: Der Ingenieur lächelt geschmeichelt: "Ja, das ist sie."
520: Anchora, wie oben: "Hast du sie gebaut?"
521: Ingenieur, fast entrüstet: "Ja klar. Was denkst du denn?"
522: Anchora
schaut den Ingenieur freundlich und interessiert an: "Dann erkläre sie
mir."
Zuerst ist der Ingenieur verblüfft über die Dreistigkeit dieses Görs, das seine
Nano-Maschine begreifen will.
523: Er fängt sich und sagt spöttisch: "Das ist eine Nanowasserrädchenfabrik. Wie und warum willst du sie begreifen?"
524: Anchora,
unbeirrt: "Damit ich sie flicken kann, wenn sie kaputt ist."
Wieder ist der Ingenieur irritiert über dieses kleine Paket an Selbstvertrauen,
das da vor ihm steht, ...
525: ... lässt sich aber darauf ein und fragt: "Aber ich kann sie doch flicken."
526: Anchora, treuherzig: "Und wenn du krank bist? Und wenn du keine Lust hast?"
527: Der Ingenieur wittert die Chance, die Kleine mit seinem Wissen zu demütigen, lacht 'Hohoho' und sagt: "Also gut..."
528: Ingenieur, auf den Einfülltrichter deutend: "Das ist der Einfülltrichter für die Asche, ..."
529: Ingenieur, den Rohstoffbehälter tätschelnd: "... die in diesem Rohstoffbehälter gelagert wird."
530: Ingenieur, die Hand auf den Verflüssiger legend: "Hier wird die Asche mit Hilfe von Grundwasser und Enzymen verflüssigt, ..."
531: Ingenieur, auf die Röhren zeigend: "... worauf sie durch diese Röhren in..."
532: Ingenieur, den Regentank anfassend: "... den Regentank gepumpt wird."
533: Ingenieur, auf die aus dem Regentank tröpfelnde Flüssigkeit zeigend: "Aus dem Regentank tropft die Aschelösung auf eine Glasplatte. In der Glasplatte sind tausende von Nano-Formen, welche die Atome und Moleküle chemisch in die richtige Anordnung bringen, so dass Wasserrädchen entstehen."
534: Ingenieur, auf die Vorratswanne zu seinen Füssen blickend, die mit schwarzem Sand gefüllt zu sein scheint: "Sobald die Wasserrädchen geformt sind, werden sie in diese Vorratswanne gespült."
535: In diesem Moment befördert ein Wasserstrahl die 'Sandkörner' auf der Glasplatte in die Vorratswanne.
536: Der Ingenieur sieht, wie Anchora grüblerisch die Stirne runzelt. Anchora: "Ich verstehe nicht..."
537: Ingenieur, triumphierend: "Siehst du, ich habe doch gewusst, dass es zu schwierig ist für eine halbe Portion."
538: Anchora,
unbeirrt, mit grossem, fragendem Blick zum Ingenieur: "... was diese
Wasserrädchen tun."
Der Ingenieur ist etwas irritiert, weil sein Triumph verfrüht war, ...
539: ... und sagt
unwirsch: "Na was wohl? Ein Wasserrad erzeugt Energie..."
Anchora, wie oben: "Ja, aber wer braucht die Energie?"
540: Der Ingenieur gerät ein wenig ausser sich, dass ihm das freche Gör so einfach ins Wort fällt: "Die Frostwandprojektoren natürlich! Oder was glaubst du, wie ich diesen Scheissregen daran hindere, das Tal zu überfluten?! Etwa mit Pusten?!"
541: Anchora gibt sich erstaunt: "Oh, diese kalte Wand hast du gemacht? Ich habe gedacht..."
542: Der ganze Frust erlebter Niederlagen in einer anderen Welt kommt hoch und lässt den Ingenieur rufen: "Ja, ich, der grosse Chefingenieur, habe diese kalte Wand errichtet, damit die Wolken sich in Schnee auflösen und hier immer die Sonne scheint! Und diese Wand braucht Energie! Und diese Energie kommt von diesen genialen Nano-Wasserrädchen, die das abfliessende Regenwasser in Mikrowellen umwandeln! Und diese Mikrowellen schicken sie zu den Frostwandprojektoren, damit diese arbeiten können! Ist jetzt alles klar, du halbe Portion?!!"
543: Anchora, mit
der ganzen Bewunderung einer Achtjährigen: "Du bist sehr klug."
Als habe ihm jemand einen Kübel Wasser über den Kopf geschüttet, bringen diese
Worte den Ingenieur wieder zu sich und er merkt, wie seltsam er sich eben vor
diesem Kind aufgeführt hat.
544: Verwirrt wendet er sich zum Gehen und ruft dabei: "Lass mich in Ruhe!"
545: Anchora schaut dem davoneilenden Riesen nach, ...
546: ... bis das Geräusch auf den Boden gestellter Eimer ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht.
547: Anchora geht zu Rehborn, der dabei ist, seine zwei und ihren Eimer in den Trichter zu schütten.
Nun müssen wir dem Publikum noch erläutern, warum Rehborn die Frostwandgeschichte nicht schon längst erklärt hat.
548: Anchora,
lächelnd: "Er hat mir das mit der Frostwand erklärt."
Rehborn ist überrascht: "Aber..."
549: Anchora, neugierig: "Warum hast du es nicht gemacht?"
550: Rehborn,
traurig: "Er hat mir die Elektroschocks angedroht, wenn ich es tue."
Anchora schaut Rehborn mit grossen Augen an, ...
551: ... um ihm
begütigend auf den Rücken zu klopfen: "Jetzt brauchst du keine Anst mehr
zu haben."
Rehborn schreit 'Aua'.
552: Rehborn, sich
schmerzgepeinigt aufbäumend: "Die Brennnesseln..."
Anchora kichert.
Der Ingenieur hat schon wieder die Fassung verloren, eine Schwäche gezeigt und sogar Dinge verraten, die er lieber für sich behalten hätte. Das Publikum hat es auch mitbekommen und ein grosser Teil des Geheimnisvollen ist jetzt verloren. Warum haben wir dieses Opfer gebracht?
Nur wer die Technik begreift, muss nicht bloss begriffslos staunen, sondern kann sich von ihr faszinieren lassen. Die Geschichte gewinnt also an Science Fiction-Faszination. Indem Anchora begreift, bekommt sie eine Waffe in die Hand. Dies ist ein Wendepunkt in der Geschichte: weg vom Geheimnisvollen, hin zu mehr Action und Spannung.
Bis hierhin haben wir das Publikum mit atmosphärischen Szenen in Bann gezogen. Sollten wir dieses Spielchen überdehnen, wird der Spannungsfaden reissen. Deshalb greifen wir jetzt zum dramaturgischen Mittel des Thrillers. Hoffentlich werden wir dabei die Augenblicke der Geborgenheit im Regen nicht vergessen.
Nun ist es einen Tag später. Und wenn ich lese, dass wir vom Atmosphärischen zum Action-Thriller wechseln sollen, muss ich den Kopf schütteln. Was für ein Unsinn! Wo wir doch mit so viel Liebe eine Geschichte aufgebaut haben, die eine vibrierende, unterschwellige Spannung besitzt, weil alles geschehen kann. Das dramaturgische Prinzip Action passt überhaupt nicht dazu. Wir haben die eine Hälfte unseres japanischen Tuschebildes gemalt. Jetzt dürfen wir nicht aus Faulheit auf die andere Hälfte eine Fotografie kleben.
Solche Schwächeanfälle sind typisch fürs Schreiben. Deshalb wollen wir uns die Sache mal anschauen. Wie sieht denn dieser Schwächeanfall überhaupt aus?
Die Geschichte entgleitet dir. Am Ufer eines Flusses arbeitest du an einem Floss. Du fällst junge Tannen und bindest sie mit Seilen zusammen. Du kannst nicht immer arbeiten. Du brauchst auch Schlaf. Und während du auf deinem Floss schläfst, reisst sich das unfertige Tannenfloss los und treibt davon. Wie du erwachst, kannst du eben noch sehen, wie das Tannenwäldchen entschwindet. Du streckst die Hand aus, aber das Floss ist viel zu weit weg. Das Baumaterial ist dir entglitten.
Kafka hat darunter gelitten. Er war der Meinung, wenn er eine Geschichte nicht in einem Zug niederschreiben könne, falle sie auseinander. Nach jeder Schreibpause hatte sich der Fluss seiner Gedanken und Gefühle bewegt. Sein innerer Zustand war anders, so dass er nicht mehr zu der Geschichte passte. Sie lag wie ein Fremdkörper in ihm.
Dieses Phänomen irritierte ihn dermassen, dass er viele seiner Geschichten verbrannte und andere nicht zu Ende schrieb. Gerne hätte ich ihm den zweiten Teil meiner Flussgeschichte erzählt und ihn ermuntert, doch nicht so streng zu sein. Das Fliessen ist eine Tatasche, die sich auch in der Literatur spiegeln darf.
Anstatt zu jammern, ruderst du zum Ufer. Da stehen Buchen. Den nächsten Teil des Flosses baust du also mit Buchenstämmen. Nachdem du begriffen hast, was passiert, wenn du einschläfst, legst du dich auf das Floss und löst freiwillig die Leine, neugierig, wo du aufwachen wirst.
Dein schlaftrunkener Aufwachblick fällt auf rissige Weidenbäume. Und schon bist du unverzagt dabei, sie deinem Floss beizufügen.
Nach etlichen weiteren Reisen auf dem Fluss der Zeit, betrachtest du dein vollendetes Werk. Aus dem ursprünglich geplanten Tannenfloss ist etwas anderes geworden. Aus dem ursprünglichen Verlust des Baumaterials ist ein Gewinn an Vielgestaltigkeit geworden.
Lassen wir uns nicht entmutigen, wenn uns das Baumaterial für eine Geschichte entgleitet. Bevor wir, erfüllt von Panik, mit Abfallholz an ihr weiterzimmern, gönnen wir uns eine Pause. Sehen wir uns das Erreichte geduldig an. Und versuchen wir weiterzufahren, als sei es ein Neuanfang. Mit frischen Ideen. Wir brauchen mehr Kreativität. Ein Showdown zwischen Sadopapa und Anchora ist einfach zu billig.
Es gibt noch einen anderen Grund als den Fluss der Zeit, warum wir den Kontakt zu einer Geschichte verlieren. Die Welt einer Geschichte in uns entstehen zu lassen, braucht erhebliche Kraft. Wider das 'bessere' Wissen um die 'Realität' erschaffen wir eine Wahnwelt.
Nun ist aber unser Körper kein gleichmässig surrender Motor mit konstanter Leistungsabgabe. Die Leistung des Körpers schwankt, je nach dem was ihm zugemutet wird. Und wenn wir annehmen, dass die eineinhalb Kilogramm Hirn an die 20 % der Körperenergie verbrauchen, können wir uns gut vorstellen, dass die Hirnfunktion bei einem allgemeinen Leistungsabfall ebenfalls beeinträchtigt wird.
Fremde Wahnwelten, die wir bloss zu konsumieren brauchen, können wir auch in einem Leistungstief noch in uns entstehen lassen. Aber eine eigene Welt am Leben zu erhalten und fortzuentwickeln geht nicht mehr. Also brauchst du dich nicht zu wundern, dass dir deine Geschichte wie ein Fremdkörper vorkommt und nichts läuft, wenn du dich niedergeschlagen, krank oder unausgeschlafen vor das weisse Papier setzt.
Aber auch bei voller Leistungsfähigkeit des Gehirns ist es schwierig, eine Fantasiewelt wachzurufen und darin rumzuspazieren. Versuch's mal mit Kaffee. Er verschafft dir genau jenes zusätzliche Quentchen nervlicher Erregung, das dir den Sprung in die Fantasiewelt ermöglicht.
Wagen wir unseren Neuanfang, indem wir fortfahren wie bisher.
Soll Anchora den Regen zur Heilung von Sadopapa einsetzen können, muss ihr und dem Publikum seine magische Wirkung zuerst klar werden. Bisher hatten wir bloss Rehborns Hinweis auf die beruhigende Wirkung und die Angst von Sadopapa.
Anchoras ungestüme Neugier treibt sie dazu, Sadopapa zu fragen, warum er Angst vor dem Regen hat. Dieser reagiert aggressiv auf die Benennung seines Schwachpunktes und begreift sofort, dass Rehborn ihn verpfiffen hat. Sadopapa wirft eine Münze und wieder ist der Käfig dran. Weil es sowieso keinen Zweck hat, Anchora in die Kiste zu sperren, 'darf' sie mit den Kaninchen 'spielen' und auch eines auslesen, das anschliessend geschlachtet wird. Eine spezielle Grausamkeit für kleine Mädchen.
Anchora beobachtet zwei Karnickel-Männchen, die sich streiten. Da haben wir doch die Versuchskaninchen! Sie klettert über den Zaun, befreit Rehborn, der nun neben dem Käfig stehen und schreien muss, und macht sich mit den Streit'hähnen' auf in den Regen.
Wie zu erwarten, streiten die Kaninchen noch ein bisschen rum, bis der Regen sie friedlich macht und sie sich nur noch freundlich beschnuppern. Anchora eilt mit den beiden zurück und erzählt Rehborn begeistert von ihrem Forschungsergebnis, während dieser immer wieder schreien muss.
Jetzt muss Rehborn schweigen, damit Sadopapa ihn befreien kommt. Anchora sperrt ihn in die Kiste und klettert zurück ins Kaninchengehege.
Während Rehborn 'bewusstlos' ist, zelebriert Sadopapa mit Anchora eine unappetitliche Kaninchenschlachtszene.
Die Kinder werden wohl nicht länger als bis Mittag brauchen, um den Aschehaufen abzutragen. Wie soll Anchora Sadopapa mit der Frage nach seiner Regenangst konfrontieren? Noch mal einen Essensdialog zu inszenieren erscheint zu aufwändig für diese eine Frage. Hingegen können wir den Szenenbeginn am Mittag belassen. So bleiben uns genug Stunden für Folter, Experiment und Schlachtung fürs Abendbrot.
Rehborn könnte Anchora, während sie sich am Brunnen die Asche abwaschen, auffordern, ihm beim Kochen des Mittagessens zu helfen. Damit wäre das Publikum über die Tageszeit informiert. Und Sadopapa könnte ohne weitere Umschweife in die Freiluftküche platzen, so dass Anchora ihn überfallen kann mit ihrer Frage.
Warum gestatten wir uns nicht eine gemütliche bis amüsante Kochszene mit Anchora und Rehborn? Dann noch eine Essensszene mit Regenfrage und Münzwurf als Höhepunkt? Was brächte denn eine gemütliche Kochszene, wo wir die Gemütlichkeit doch vor allem im Regen inszenieren wollen? Und welche wichtigen Informationen könnten wir wohl noch mit der Essensszene vermitteln?
Wenn wir die dramatische Spannung halten wollen, dürfen wir weder überflüssige Bilder noch unnötige Wörter zulassen. Jedes Bild, jeder Satz ist ein Stein in unserem Brückenbogen. Er gehorcht der zwingenden Logik des Brückenbogens, hat seine bestimmte Aufgabe. Beginnen wir damit, schwache Schaumstoffwürfel zu verbauen, destabilisieren wir die ganze Brücke. Es ist, als würdest du in eine gut gewürzte Suppe Wasser giessen, bis sie fad wird.
Faustregel: Gehirn statt Seiten schinden.
Deshalb auch dieses zuweilen pingelige Vortasten, Vor- und Zurückgehen, Entwerfen und Verwerfen. Im Brustton der Überzeugung Dinge verkünden, die ein paar Seiten weiter vom Winde verweht sind. Das Aussetzen unserer zarten Gedanken dem Orkan der Wahrhaftigkeit, der sie uns oft genug zerfetzt um die Ohren schlägt. Geblendet vom rasenden Korn, meisseln wir eine Statue im Sandsturm, der sich erst legt, wenn wir den Hammer sinken lassen und mit bangem Blick auf unser Werk uns fragen, ob's wohl gelungen sei.
553: Szenenanfang:
Gegen Mittag ist der Aschehaufen neben dem Holzkochherd weg. Anchora und
Rehborn stehen am Brunnen und waschen sich.
554: Rehborn: "Hilfst du mir beim Mittagessen, Anchora?"
555: Anchora rennt übermütig im Kreis und ruft: "Ja, ich habe Hunger! Ich habe Hunger!"
556: Ein winziges Lächeln stiehlt sich auf Rehborns Lippen, während er den Kopf schüttelt über dieses merkwürdige Kind.
557: Der Ingenieur kommt hinzu...
558: ... und stellt sich raschen Schritts der mit geschlossenen Augen kreisenden Anchora in den Weg, ...
559: ... so dass ihr Gesicht am Pistolenhalfter aufschlägt und sie 'Aua' macht.
560: Anchora hält
die Hände vors Gesicht und macht 'Aua, Aua'. Der Ingenieur tadelt mit fiesem
Lächeln: "Pass doch auf, halbes Portiönchen! Du beschädigst noch meine
Pistole mit deinem harten Schädel."
Rehborns Gesicht gefriert. Am liebsten möchte er unsichtbar sein.
561: Anchora, mit kullernden Tränen: "Es tut weh."
562: Ingenieur, mit grinsender Genugtuung: "Aber, aber, ein so kleines Grossmaul wie du wird doch nicht gleich losheulen."
563: Anchora fixiert den Riesen und sagt grimmig: "Warum hat ein so grosses Grossmaul wie du Anst vor dem Regen?"
564: Das Grinsen des Ingenieurs wird schlagartig so schmerzlich, als habe ihm eben jemand einen Hundekot auf der Brust verstrichen. Rehborn bedeckt sein Gesicht mit den Händen. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf.
565: Der Ingenieur denkt nicht daran, Anchoras Frage zu beantworten. Vielmehr richtet sich sein Laserblick auf Rehborn, der eben sein Gesicht wieder entblösst. Ingenieur, mit schmerzlichem Lächeln: "Dich reitet wohl ein Teufel, Rehborn, wenn du solche Sachen über mich erzählst."
566: Anchora betrachtet neugierig Rehborn: "Ich sehe keinen Teufel."
567: Rehborn versucht mit geschlossenen Augen das aufkommende Zittern zu unterdrücken. Aber es gelingt ihm nicht. Die Stimme des Ingenieurs aus dem Off nimmt ihm alle Kraft: "Du sagst es, halbes Portiönchen. Dieser Teufel steckt unsichtbar in Rehborn. Den können wir nicht mit einem Stock vertreiben."
568: Mit einem Lächeln voll schmerzlicher Anteilnahme an Rehborns unglücklichem Schicksal wirft der Ingenieur eine Münze.
569: Ingenieur, mit gespielter Überraschung seinen Handrücken betrachtend: "O, das Schicksal ist schon wieder der Ansicht, dass wir den Teufel am besten mit dem Käfig vertreiben."
570: Der Ingenieur wirft Anchora einen Blick zu und sagt mit hinterlistigem Grinsen: "Das trifft sich gut."
571: Ingenieur, in Richtung Kaninchenstall davongehend: "Komm, Rehborn, wir wollen deinen Teufel nicht warten lassen."
572: Szenenanfang:
Der Ingenieur verschliesst eben mit dem Holzkeil Rehborns Käfig im
Kaninchenstall.
573: Er öffnet die Tür zum Kaninchengehege und sagt einladend: "Da du ja nichts Böses hast, kannst du in der Zwischenzeit mit den Kaninchen spielen."
574: Anchora mustert das falsch freundliche Gesicht des Ingenieurs, ...
575: ... geht dann aber folgsam ins Kaninchengehege.
576: Hämisch lächelnd, verschliesst der Ingenieur die Tür hinter Anchora mit einem Eisenriegel.
577: Durch den Maschendrahtzaun des Geheges sieht Anchora den Ingenieur zwischen den Bäumen verschwinden.
578: Ein süsses Kaninchen schnuppert an Anchoras Fuss.
579: Wie sie es bemerkt, hellt sich ihr Gesicht auf und sie kniet zu ihm runter, um es zu streicheln.
580: Anchora, streichelnd, entzückt: "Du bist kein Kaninchen. Du bist ein Süssninchen."
581: Zwei männliche Kaninchen, die sich gegenseitig mit ihren Pfoten hauen, erregen ihre Aufmerksamkeit.
582: Süssninchen streichelnd, hält Anchora den Schlagabtausch für ein Spiel und ist amüsiert.
583: Doch der Kampf wird immer heftiger. Die 'Streithähne' versuchen sich ernsthaft weh zu tun. Anchoras Miene wird nachdenklich.
584: Ihr Kopf fährt herum, wie sie ein unterdrücktes 'Ah... Ah... Ah' aus dem Stall hört.
585: Rasch steht sie auf, wirft einen prüfenden Blick zu den Bäumen, wo der Ingenieur verschwunden ist, ...
586: ... und klettert hastig den Zaun hoch.
587: Auf der anderen Seite lässt sie sich runterfallen, ...
588: ... wieselt zur Stalltür, ...
589: ... stürmt zum Käfig, wo Rehborn schon ein langgezogenes 'Aaahhh' von sich gibt, ...
590: ... reisst den Holzpflock raus, ...
591: ... öffnet das Gittertürchen...
592: ... und zerrt Rehborn an den Schultern, so dass sich dieser, mit Tränen in den Augen, verblüfft aus seiner gebückten Stellung aufrichtet.
593: Voller Eifer öffnet Anchora die Tür zum Gehege und sagt: "Ich probiere den Regen aus."
594: Die Streitkaninchen werden energisch gepackt.
595: Anchora, mit den Kaninchen aus dem Gehege stürmend: "Du musst die Tür zu machen."
596: Vom Stall wegrennend, schaut sie zurück und bemerkt, dass Rehborn ihr folgen will.
597: Anchora bleibt sofort stehen und sagt zu Rehborn: "Du musst da bleiben und schreien."
598: Rehborn ist verblüfft, ...
599: ... begreift aber schnell, was Anchora meint, ...
600: ... und verschwindet im Stall.
601: Während Anchora durch die Bäume rennt, hört sie hinter sich ein lautes 'Aaaahhhh!'.
602: Anchora stellt die beiden Kaninchen auf das Felsenbänklein im Regen.
603: Sofort fangen sie wieder an, sich mit den Pfoten zu hauen.
604: Mit grosser Aufmerksamkeit beobachtet Anchora den Kampf.
605: Der Regen prasselt auf die Kaninchen herab und durchnässt ihr Fell. Der Kampfgeist ist ungebrochen.
606: Plötzlich, als würde eine unsichtbare Kaninchenfee ihnen etwas zuflüstern, halten sie inne. Anchoras Spannung steigt.
607: Die Karnickel gehen auf dem Felsenbänklein umher und erschnuppern ihre neue Umgebung, ...
608: ... begegnen und beschnuppern sich, ...
609: ... um sich friedlich, Seite an Seite, hinzukauern. Anchora schaut mit grossen Augen auf das Ergebnis ihres Experimentes, ...
610: ... wirft die Arme in die Luft und ruft, vor Freude tanzend: "Es geht! Es geht! Es geht!"
Das Publikum weiss jetzt, dass Sadopapa Angst hat vor dem Regen, dass der Regen Rehborn beruhigt, dass Anchora den Regen 'ausprobieren' will und dass 'es geht'. Aber was geht? Und was soll das Ganze? Im günstigsten Fall hat der Regen zwei Kaninchen davon abgehalten, sich zu beharken. Und dies vielleicht bloss, weil ihnen das nasse Fell den Kampfgeist geraubt hat. Der Regen als 'Lösung'? Wie hilflos und kindlich!
Indem wir Anchora nur 'es geht' sagen lassen ohne weitere Erklärung, erhalten wir die Publikumsverwirrung.
Wir geben dem Publikum keine Zeit zum Nachdenken, denn Anchora muss zurück, um die gespielte Folterszene abzurunden und dann folgt auch schon die Schlachtszene.
611: Anchora rennt mit den nassen Kaninchen in den Armen auf den Stall zu, aus dem eben wieder ein markerschütterndes 'Aaaaaahhhhhh!!' von Rehborn zu hören ist.
Hier haben wir Gelegenheit zu einem Scherz. Während Anchora von ihren Forschungen erzählt, hört Rehborn aufmerksam zu, muss aber zwischendurch aus Leibeskräften schreien. Dies ist zwar nicht witzig, aber von einer komischen Absurdität.
612: Anchora rennt in den Stall und bleibt vor dem neugierig blickenden Rehborn stehen.
613: Anchora sprudelt: "Es geht! Es geht! Ich habe die beiden auf den Stein getan..."
614: Rehborn schreit sein 'Aaaaaahhhhhh!!' so laut, dass Anchora, die sich wegen der Karnickel nicht die Ohren zuhalten kann, die Augen zusammenkneift und ein Gesicht zieht, als habe sie auf etwas Saures gebissen.
615: Sogleich hört Rehborn wieder interessiert zu, während Anchora weitersprudelt, als sei nichts gewesen: "Dann haben sie sich gehauen. Und dann haben sie aufgehört, sich zu hauen, und sind rumgelaufen und haben geschnuppert..."
616: Dasselbe wie in Bild 614.
617: Wie 615. Anchora: "Und wie sie ganz nass gewesen sind vom Regen, sind sie zueinander gegangen und haben sich hingesetzt und sind lieb gewesen..."
618: Wie Bild 614.
619: Wie 615. Anchora: "Du musst die Tür auftun."
620: Hilfsbereit öffnet Rehborn ihr die Tür zum Gehege, ...
621: ... so dass Anchora die beiden Versuchskaninchen ins Gehege setzen kann.
622: Anchora ist zurück im Stall vor der geschlossenen Gehegetür. Rehborn setzt eben wieder zu einem Schrei an, ...
623: ... da schnellt Anchoras Hand hoch und verschliesst ihm den Mund.
624: Anchora, die Hand auf Rehborns Mund: "Du musst jetzt still sein..."
625: Anchora, Rehborn an der Hand zum Käfig ziehend: "Dann kommt Herrschefinscheniör und holt dich."
626: Unschlüssig, das Unbehagen deutlich im Gesicht, bleibt Rehborn vor dem Käfig mit der aufgeklappten Gittertür stehen.
627: Anchora, drängend: "Du musst hineingehen und schlafen. Sonst tut er uns wieder weh."
628: Widerwillig faltet Rehborn sich in den Käfig hinein.
629: Anchora steckt den Holzpflock rein...
630: ... und rennt aus dem Stall.
631: Sie kraxelt den Maschendrahtzaun des Geheges hoch...
632: ... und sitzt, als habe sie nie etwas anderes getan, auf dem Boden des Geheges, Süssninchen liebkosend, welches zwischen ihren Beinen rumschnuppert.
633: Mit kaum verhohlenem Quälvergnügen im Gesicht stapft der Ingenieur zwischen den Bäumen hervor auf den Stall zu.
634: Die Gehegetür öffnet sich und die Stimme des Ingenieurs ertönt aus dem Stall: "Komm, halbes Portiönchen. Du kannst dein Lieblingskarnickel mitnehmen."
635: Anchora betritt mit Süssninchen im Arm den Stall, wo der Ingenieur dabei ist, den 'bewusstlosen' Rehborn aus dem Käfig zu ziehen.
Das Tragen zur Blockhütte haben wir schon mal geschildert, weshalb wir hier nur noch eine Andeutung brauchen.
636: Mit Rehborn auf den Armen geht der Ingenieur auf dem Waldpfad in Richtung Wohnhütte. Anchora trippelt mit Süssnichen hinterher.
637: Wie der Ingenieur ohne Rehborn aus der Wohnhütte kommt, sagt er mit falschem Lächeln zu Anchora: "Komm, halbes Portiönchen. Du hast bestimmt Hunger."
638: Anchoras Gesicht hellt sich auf: "Ja, machst du mir etwas Gutes?"
639: Ingenieur, in Richtung Küche marschierend: "Da kannst du dich darauf verlassen."
640: Ein paar Meter entfernt von der Küche steht ein auf Hüfthöhe abgesägter Baum, der als Hackblock dient. In ihm steckt ein Beil. Ringsum liegen zerhackte Äste. Der Ingenieur steuert darauf zu.
Hier dürfte ein Teil des Publikums schon etwas ahnen.
641: Ingenieur, harmlos auf den Hackblock weisend: "Du kannst dein Karnickel dort draufstellen, damit es dir nicht wegrennt. Dann legst du Holz nach im Kochherd."
642: Arglos stellt Anchora Süssninchen neben dem bedrohlichen Beil auf den Hackblock.
Spätestens hier sträuben sich dem Publikum die Nackenhaare und ein Schrei 'Nein, tu's nicht!' kommt aus den Reihen. Mit der Unbarmherzigkeit eines Uhrwerks fahren wir fort.
643: Eifrig sammelt Anchora einen Arm voll Holz...
644: ... und rennt zum Kochherd.
645: Wie sie zurückrennt, sieht sie, wie der Ingenieur Süssninchen mit der linken Hand festhält und mit dem Beil in der Rechten zum Schlag ausholt.
646: Völlig überrumpelt, bleibt Anchora mit offenem Mund stehen.
647: Das Beil saust herab.
648: Als könne sie das Beil stoppen, zuckt Anchoras Hand hilflos nach vorn.
649: Mit einem hässlichen 'Tschack' trennt das Beil Süssninchens Kopf ab.
650: Anchora kann nur wortlos schauen. Tränen füllen ihre Augen.
651: Mit dem kopflosen Leib in der Hand stapft der Ingenieur zur Küche.
652: Anchora stellt sich ihm in den Weg und sagt, während Tränen über ihre Wangen kullern: "Warum hast du das getan?"
653: Der Ingenieur bleibt stehen und sagt, als sei sein Verhalten selbstverständlich: "Was glaubst du, wofür Kaninchen da sind? Zum Streicheln?"
654: Anchora, wie oben: "Ich weiss nicht, warum sie da sind. Aber du musst ihnen nicht weh tun."
655: Der Ingenieur geht an ihr vorbei, hält ihr dabei den blutenden Leib unter die Nase und sagt mit der Stimme aus dem Off: "Sieht das etwa aus, als würde es leiden?"
Was tut unser kleiner Bulldozer jetzt? Er packt den Stier bei den Hörnern.
656: Anchora packt die freie Hand des Ingenieurs...
657: ... und will ihn
zum Kraterrand ziehen. Anchora: "Komm mit in den Regen! Er wäscht das Böse
aus dir raus. Ich will, dass du nett bist."
Die Worte erschrecken den Ingenieur.
658: Wütend schleudert er Anchora hinter sich, so dass sie hinfällt...
659: ... und mit dem Rücken schmerzhaft gegen den Hackblock knallt.
660: Sie sitzt am Hackblock. Die Tränen laufen übers Gesicht. Etwas über ihr liegt der abgehackte Kopf.
Damit ist die Katze aus dem Sack. Anchora will den Ingenieur zu Heilzwecken in den Regen bugsieren. Das Publikum ist gespalten. Ein Teil glaubt, dieses Vorhaben sei nutzlos und entspringe der naiven Fantasie einer Achtjährigen. Der andere Teil glaubt an die Magie des Regens. Beide dürften jedoch gespannt sein, wie das enden soll.
Das sind wir auch. Wir haben noch etwa 340 Bilder. Zu viel, um schon die Frostwandprojektoren zu zerstören. Zu wenig für Aus- und Abschweifungen.
Übrigens hat Anchora durch diese Kopf-ab-Szene keinen seelischen Schaden erlitten. Sie weint zwar, weil ihr Süssninchen Leid tut. Aber da sie weder Hass noch Demütigungsschmerz noch Angst kennt, wird ihr Herz durch keines dieser Gefühle vergiftet. Ihre Tränen sind kein Ausdruck einer seelischen Notlage, die sie zunehmend deformiert. Sie sind schlichter Ausdruck des Schmerzes. Wie bei einem Kleinkind, das hinfällt und losbrüllt, weil sein Knie wehtut.
So wie dieses Kleinkind durch seine Stürze lernt, wie es gehen muss, um Schmerz zu vermeiden. So lernt Anchora, wie es Sadopapa behandeln muss, um Schmerz zu vermeiden. Ehrlichkeit und Offenheit scheinen jedenfalls keine tauglichen Mittel, um die Bedürfnisstruktur eines Sadisten abzuändern. Da bedarf es schon äusserer Einwirkungen, welche die Gehirnzellen mit dem Sitz des Sadismusbedürfnisses abändern oder zerstören.
Dass in unserer Geschichte der Regen die Kraft hat, Hirnzellen zu verändern, ist zwar reichlich poetisch, aber nicht unzulässig. Schliesslich darf es auch in einer Science Fiction Geschichte Geheimnisse geben, die nicht gelüftet zu werden brauchen, das 'Funktionsprinzip' des Regens zum Beispiel. Geheimnisse liefern, wenn nicht übertrieben wird, einen wichtigen Beitrag zur poetischen Atmosphäre.
Anchora hat nun begriffen, wie der Hase bzw. das Kaninchen läuft. Sadopapa wird sich nicht freiwillig einer 'Regentherapie' unterziehen. Wenn der Berg nicht zum Fluss kommt, dann muss halt der Fluss zum Berg gehen. Oder wie hiess das noch?
Anchora muss sich also etwas ausdenken, um Sadopapa der Wirkung des Regens auszusetzen. Wir haben noch genug Bilder, um Anchora experimentieren zu lassen. So könnte ihr erster Gedanke sein, dass es genügt, Sadopapa mit dem Regenwasser in Berührung zu bringen.
Zu diesem Zweck könnte sie Sadopapa einen Tee aus Regenwasser zubereiten. Offensichtlich muss dieser Versuch scheitern. Sadopapa trinkt längst Regenwasser, da der Küchenbrunnen Grundwasser anzapft, das bestimmt vom Regen ausserhalb des Kraters gespiesen wird.
Der nächste Versuch könnte sein, Sadopapa mit einer Giesskanne zu beregnen. Beim Tee hat er sich noch geschmeichelt gefühlt. Aber das 'Giesskannenprinzip' bringt ihn auf die Palme. Rehborn erhält die Elektrofolter.
Getrieben und gequält von Rehborns entsetzlichen Schreien, rennt Anchora zu einem Frostwandprojektor, einem fünf Meter hohen, schmalen, wunderschönen Kristall. Sie versucht ihn auszuschalten, findet aber keine entsprechenden Bedienungselemente.
Da beginnt sie mit einem Stein auf den Kristall einzuschlagen. Der Kristall bekommt einen Riss und Anchora stellt sich vor, wie dieses hohe Gebilde über ihr zusammenstürzt und sie erschlägt. Rasch sucht sie sich, immer begleitet von Rehborns Schreien, einen langen Stecken und bindet einen Hammer vorne dran.
So bewaffnet stürmt sie zum Frostwandprojektor und landet den tüchtig geschwungenen Hammer auf dem Kristall, der zerbirst. Schwere Kristallbrocken regnen herab und hätten Anchora tatsächlich erschlagen ohne ihren 'Langhammer'. Beflügelt von den Schreien Rehborns rennt das tapfere Mädchen von Kristall zu Kristall.
Anchora hat die Hälfte aller Kristalle zerstört, wie Rehborn verstummt und Sadopapa mit ihm auf den Armen aus der Windmühle tritt. Ungläubig sieht er, dass die eine Hälfte des Tales bereits dem Regen ausgesetzt ist. Vor Entsetzen lässt er Rehborn zu Boden gleiten. Rasch erfasst er, wo die Übeltäterin am Werk ist, und rast dorthin.
Anchora flüchtet in den Regen. Sadopapa beschimpft sie ganz ausser sich vor Wut, dass sie das Tal der Überflutung preisgibt und ihre Lebensgrundlage zerstört. Anchora spürt, wie Sadopapa gleich die Sicherungen durchbrennen. Ihr Blick wandert zu seiner Pistole. Fluchtartig rennt sie in den Regen hinaus. Und tatsächlich rastet Sadopapa aus und beginnt auf die kleiner werdende Gestalt zu schiessen.
Natürlich pfeifen die Kugeln an Anchora vorbei. Aber ihre Überlebensgarantie ist damit abgelaufen.
Der Regen wird einige Zeit brauchen, um das Tal aufzufüllen. Dadurch hat Sadopapa Zeit, von Rehborn beschirmt, neue Frostwandprojektoren aufzustellen. Während Anchora guerillamässig angreift und Kristalle zerschlägt.
Da sie nichts zu essen hat, ist sie auf verlorenem Posten. Bis Rehborn bei der halb Verhungerten auftaucht, ihr Essen bringt und erklärt, dass er ihr helfen will. Jetzt wendet sich das Blatt. Die beiden zerstören über Nacht sämtliche Projektoren. Sadopapa erwacht vom Trommeln des Regens auf dem Hüttendach.
Puh, die Geschichte schreibt sich ja von selber. Mein Kugelschreiber kommt kaum nach. Du möchtest bestimmt wissen, wie das geht. Und ich habe keine Ahnung.
Überlegen wir mal... Stell dir vor, du müsstest einen neuen Charakter von null auf zeichnen. Wie soll die Gesichtsform sein? Wie die Augen? Du kämpfst mit den Haaren. Hast du den Chara nach etlichen Radiergummieinsätzen endlich so weit, fällt es dir nicht leicht, ihn in verschiedenen Situationen und aus verschiedenen Blickwinkeln zu zeichnen. Nach einer Zeit des Kauens, Fluchens und der Selbstzweifel fliesst dir die Figur immer flotter aus der Hand.
Vielleicht verhält es sich ja beim Schreiben ähnlich. Wir haben herumgekaut, vor- und zurücküberlegt, wie unsere Charaktere wohl beschaffen sein sollen. Dank dieser Arbeit und ihrem Verhalten, mit dem sie uns manchmal überrascht haben, ist uns ihre Persönlichkeit vertraut geworden. Es fällt uns zunehmend leichter, ihre Reaktionen abzuschätzen.
Dass Anchora nicht gleich zur Gewalttat an den Frostwandprojektoren schreitet, sondern es mit Trinken und Begiessen versucht, liegt an ihrer beharrlich forschenden Natur. Dass Sadopapa seine Wut lieber an dem 'bequemen', weil gefügigen, Rehborn auslässt als an dem unheimlichen Giftzwerg, ist fast selbstverständlich. Und die lange geplante Zerstörung der Projektoren passt jetzt nahtlos in den Ablauf, weil Anchora zu stärkerem Tobak greifen muss, will sie Rehborns Folter nicht einfach hinnehmen.
Fürs Mangazeichnen braucht es ein gutes szenisches Vorstellungsvermögen, um die Bilder in mitreissender Abfolge zu komponieren. Entsprechend braucht es fürs Schreiben ein gutes dramaturgische Gespür, um eine mitreissende Handlung zu entwickeln. Vorstellungskraft und Gespür schulen sich am Beispiel. Viel schauen und viel lesen. Das Können aber entwickelt sich erst mit der Übung.
Dabei ist jeder Mist, den du schreibst, ein Teil dieser Übung. Eines Tages verlässt du vielleicht den Miststock und betrittst die blühende Wiese der Poesie. Für diesen Zeitpunkt gibt es weder ein Diplom noch eine Instanz, die das beurteilen könnte.
Sokrates erging es ähnlich wie Kafka. Ihm erschien der Fluss des Geistes zu lebendig, als dass er im schriftlichen Wort eingefroren werden sollte. Dieser Mann hat gar nichts aufgeschrieben und gilt trotzdem nach 2500 Jahren als einer der grossen Denker dieser Welt. Zum Glück war Platon nicht so pingelig und hat die Worte seines Meisters aufgeschrieben.
Will sagen, ob dein Werk Mist ist oder nicht, weiss nur die Zukunft.
Auch wenn es uns leicht gefallen ist, diesen weiteren Verlauf der Geschichte zu skizzieren, so ist sie damit noch lange nicht in Szene gesetzt.
Rehborn liegt 'bewusstlos' in der Wohnhütte. Sadopapa macht Mittagessen. Anchora liegt unter Tränen am Hackblock. Von hier führt kein direkter Weg zu einer vergnüglichen Teezeremonie. Einfach losrennen und Regenwasser holen... Da fehlt doch der Anschluss.
Auch wäre das Publikum verwirrt, fragt sich, was Anchora da treibt, langweilt sich womöglich. Sie könnte zu Rehborn in die Hütte eilen und ihm ihren Plan erörtern, damit das Publikum Bescheid weiss. Aber er wird sie anlächeln, ihr die Tränen aus dem Gesicht wischen und sie wird sich auf seine Brust legen. Und eine solche Szene gehört in den Regen.
Sadopapa selbst könnte das Stichwort liefern mit dem Befehl 'Halbes Portiönchen, mach uns Tee!'. Und während Anchora mit der Teekanne zum Brunnen geht, macht Sadopapa sich davon, um etwas zu holen. Anchora rennt weg, stopft hinter der Frostwand eifrig Schnee in die Kanne und eilt zurück. Sie schafft es gerade noch rechtzeitig, die zugedeckte Kanne auf den Holzherd zu stellen, in dem das Feuer brennt.
Mit den Worten 'Ich kann meine Zeit nicht bei Mittagessen mit halben Portionen verschwenden. Iss!' hält Sadopapa Anchora ein Sandwich hin. Anchora reicht ihm die dampfende Teetasse.
Ja, so könnte es gehen. Weil Sadopapa es selber so angeordnet hat, müssen wir Anchora nicht unnötig und, nach dieser Schlachtszene, etwas unpassend, schleimen lassen, wenn sie ihm einen Tee verabreichen will.
Naiv wird sie ihm verraten, dass er Regenwasser getrunken hat, und fragen, ob er jetzt gut sei. Damit begreift auch das Publikum Anchoras Absicht und Sadopapa kann wieder mal hämisch lachen und das Kind über die Herkunft des Brunnenwassers aufklären. Anchora schliesst 'Der Regen macht nur gut, wenn er auf dich tropft.'. Damit ist ihr nächstes Experiment auch schon in die Wege geleitet.
661: Aus Anchoras Perspektive ist die Küche durch hohe Gräser hindurch nur umrisshaft zu sehen. Aus der Küche ertönt die Stimme des Ingenieurs: "Mach uns Tee, halbes Portiönchen!"
662: Aus Anchoras Sicht gefilmt, steht sie auf...
663: ... und rennt durch die Gräser, ...
664: ... in die Küche, ...
665: ... wo ihr Blick auf einen Porzellankrug fällt, ...
666: ... den ihre Hand am Henkel packt.
667: Den schweren Krug mit der anderen Hand unterstützend, schlurft sie nachdenklich auf den Brunnen zu.
668: Wie sie frisches Brunnenwasser einfliessen lassen will, bemerkt sie, wie der Ingenieur die Küche verlässt.
669: Kurz entschlossen wieselt sie mit dem Krug aus der Küche, ...
670: ... und erreicht kurz darauf die Frostwand.
671: Auf der anderen Seite der Frostwand füllt sie den Krug randvoll mit Schnee.
672: So schnell sie kann, rennt sie zurück, ...
673: ... knallt den Krug auf den mit Holz befeuerten Kochherd...
674: ... und schafft es noch rechtzeitig, den Deckel drauf zu tun.
675: Der Ingenieur taucht auf...
676: ... und wirft einen befremdeten Blick auf das schwer atmende Mädchen.
677: Ingenieur, immer noch sauer wegen Anchoras Versuch, ihn in den Regen zu zerren, knurrig: "Was schnaufst du so und warum bist du so nass?"
678: Anchora, mit grossem, klarem Blick: "Ich bin gerannt."
679: Da diese Antwort keinen Sinn ergibt, wendet er sich ab und murmelt finster: "Blöde Gans."
Eine Schrecksekunde fürs Publikum, wie Sadopapa misstrauisch wird. Schon hängt wieder etwas Fürchterliches in der Luft. Und Anchora, die blöde Gans, sagt dann auch noch die Wahrheit. Oder hat sie etwa damit gerechnet, dass sie mit dieser Antwort davonkommt? Was hätte sie gemacht, wenn Sadopapa gefragt hätte warum? Das werden wir wohl nie erfahren. Vielleicht wollte sie ehrlich bleiben und ihm erst dann einen Bären aufbinden, wenn er sie in die Ecke gedrängt hätte. So in der Art 'Ich bin zehn Mal um den Brunnen gerannt'. Kinder machen dauernd solchen 'Unsinn'. Und Sadopapa hat sichtlich keinen Bock, sich mit diesem Kinderkram zu beschäftigen.
Für die Zubereitung des Tees verschwenden wir keine Bilder.
680: Anchora, mit ernster Miene dem Ingenieur eine dampfende Tasse Tee reichend: "Hier ist dein Tee, Herrschefinscheniör."
681: Der Ingenieur nimmt die Tasse entgegen und sagt herablassend: "Ich habe dir ein Sandwich gemacht. Ich will meine Zeit nicht beim Mittagessen mit halben Portionen vertrödeln."
682: Da Anchora keinerlei Demütigungsschmerz empfinden kann, machen solche herabsetzenden Sprüche nicht den geringsten Eindruck auf sie. Hungrig greift sie nach dem Sandwich auf der Anrichte.
683: Auf ihrem Sandwich kauend, beobachtet sie aufmerksam den Ingenieur, der, in der einen Hand ein Sandwich, mit der anderen die Tasse am Mund, vorsichtig den heissen Tee schlürft.
684: Schweigend stehen die beiden da und mampfen.
685: Der Ingenieur kippt den Rest des Tees hinunter...
686: ... und stellt die Tasse mit deutlichem 'Tok' auf die Anrichte. Anchora, mit vollem Mund, neugierig: "Bift du jetzt gut?"
687: Am irritierten Blick des Ingenieurs kann sie ablesen, dass der nur Bahnhof versteht. Anchora, wie oben: "Du haft Egenwaffe getunken. Bift du jetzt gut?"
688: Dem Ingenieur dämmert's und statt wütend zu werden, sagt er voller Hohn: "So, du hast mir also Regenwasser zu trinken gegeben..."
689: Ingenieur, den Schädel vorgereckt, mit dem Finger hinter sich auf den Brunnen weisend, höhnisch: "Weisst du, woher das Brunnenwasser kommt?"
690: Anchora schüttelt den Kopf.
691: Ingenieur, wie oben: "Das Regenwasser draussen versickert und wir pumpen es hier als Grundwasser hoch. Ich habe schon immer Egenwaffe getunken, du halbes Hirn."
692: Der Ingenieur
wendet sich zum Gehen und sagt voller Verachtung: "Der Regen wird meine
strenge Erziehung nicht aufweichen. Vergiss es!"
Anchora macht ein nachdenkliches Gesicht...
693: ... und ruft dann, begreifend, dem Rücken des Ingenieurs nach: "Ich weiss jetzt. Der Regen macht nur gut, wenn er auf dich tropft."
694: Der Ingenieur erschrickt, geht aber weiter, als sei nichts.
Uns bleiben noch 300 Bilder. Die Teeszene hat etwa 35 Bilder gebraucht. Das Giesskannenexperiment und die Elektrofolter werden kaum 30 Bilder fressen. Mit der Zerstörung der Kristalle werden wir bei 740 anlangen. Sadopapas Ausraster und das anschliessende Hickhack mit Anchora gehen bis 760. Rehborn hilft Anchora und Sadopapa erwacht bei 780 im Regen.
Obwohl sich die Geschichte äusserst dramatisch anhört, dauert sie doch kaum 100 Bilder. Uns fehlen also noch 200. Können wir Sadopapas Drama um seine Heilung auf diese Strecke ausdehnen? Das wären ja um die 6 Teeszenen, 6 Stationen bis zum letzten Bild, wo das Luftschiff abhebt.
Wir könnten die Heilung gradlinig inszenieren und den Rest mit glücklicher Familie auffüllen. Aber wollen wir wirklich unseren dämonischen Sadopapa ausführlich zu einem Pantoffelkasper breitschlagen? Ist doch irgendwie fad.
Sadopapas Heilung sollte sich dem Publikum kurz und zwiespältig darbieten. Ist er wirklich 'nett' oder tut er nur so, weil sein Tal zerstört und Anchoras Luftschiff die einzige Überlebensmöglichkeit darstellt? Wenn wir dem Publikum diese letzte Gewissheit vorenthalten, lassen wir dem Regen sein Geheimnis. Ein Teil des Publikums wird sich beim nächsten Regen an dieses Geheimnisvolle erinnern und eine kleine, wärmende Sehnsucht nach der sanften Berührung der Tropfen wird sich in sein Herz schleichen. Mission erfüllt!
Also verzichten wir auf diese Vorabendprogrammfamilienserienidylle und kauen an unserem Problem. Sadopapas Heildrama können wir auf keinen Fall auf 200 Bilder ausdehnen. Wir müssten zu übertriebener Dramatik greifen, was dann schnell mal gekünstelt wirkt.
Hm, woher wissen wir das so genau? Wir haben ja nicht einmal eine skizzenhaft Vorstellung von dem Drama. Und 200 Bilder im Regen, das ist doch eine gute Chance, unser Thema zu vertiefen.
Der gute Abschluss der Geschichte erfordert wohl ein Ende des blinden Vortastens. Lass uns Sadopapas Drama skizzieren, kontrastiert durch Momente der Geborgenheit bei den Kindern.
Versenken wir uns tief in diesen Menschen. Dieses Gör macht ihm Angst. Fast hätte es seine Welt zerstört. Die Angst ist so gross, dass er bereit ist, Anchora zu erschiessen, nur um dieses Gefühl von Panik zu beenden.
Gott sei Dank, kann er mit Rehborns Hilfe die Frostwand schneller reparieren, als Anchora sie zerstören kann. Überdies lassen ihre Attacken nach. Sie wird schwächer. Hat nichts zu essen. Sadopapa hat Oberwasser.
Früher oder später kommt sie angekrochen, um Essen bettelnd. Leider wird er sie erschiessen müssen. Sie stellt eine zu grosse Gefahr dar. Lässt sich überhaupt nichts sagen und nicht einschüchtern. Sadopapa stellt sich vor, wie er die Pistole auf das Kind richtet, das vor ihm im Staub kniet und zu ihm aufblickt. Er sieht die Verzweiflung auf ihrem Gesicht, wie sie begreift, dass sie gleich sterben wird. Endlich ist es ihm gelungen, Angst in ihre Seele zu pflanzen. Endlich! Ah, das tut gut!
Und dann der Augenblick, wo sich sein Finger um den Abzug krümmt. Gaaanz laaangsam. Jeder Millimeter ein Hochgenuss. Die Pistole bellt und bäumt sich zärtlich auf in seiner Hand. Anchora liegt da in ihrem Blut. Die Angst hat endlich aufgehört. Ah, diese Erlösung!
Es ist Morgen. Sadopapa liegt im Halbschlaf auf seinem Lager in der Wohnhütte und hört das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Das Rauschen drängt sich hartnäckig in sein Bewusstsein. Es scheint von ausserhalb zu kommen. Da reisst der Vorhang des Schlafes auf und der Blick ist erfüllt von den Holzschindeln des Hüttendaches. Nun ist klar, dass das Rauschen von diesen Schindeln kommt. Und ein grosser Schock lähmt Sadopapa für Sekunden, denn jetzt ist die Welt verloren.
Eben noch triumphierend, treibt Sadopapa nun hilflos im Fluss der Panik. Und es gibt kein Entkommen. Denn der Regen wird das Tal füllen und Sadopapa wird in der Hütte ersaufen. Also muss er raus in den Regen. In den Regen, der ihm solche Angst macht! Nicht wasserscheu ist er noch fürchtet er einen Schmerz vom Schlag der Tropfen.
Zum einen ist es die konkrete Angst, mit dem Tal seine Lebensgrundlage, sein täglich Brot zu verlieren. Zum andern ist es Panik beim Gedanken, dass etwas in sein Gehirn greift und es neu verdrahtet. Er kann sich kein Leben vorstellen jenseits vom Kreislauf seiner verbiesterten Launen und dem erlösenden Quälvergnügen. Da ist nichts als Finsternis. Und wer springt schon gern ins Dunkle, ohne zu wissen, dass da ein Fallschirm aufgeht oder wenigstens ein weiches Kissen wartet.
Sadopapa ist Ingenieur, gewohnt, Probleme technisch anzugehen. Mit dem Regenschirm eilt er raus, spannt eine Plane zwischen den Baumstämmen und zimmert in ihrem Schutz ein Floss. Das Floss hat ein Dach. Er füllt es mit Proviant und schwimmt damit auf dem ansteigendem See.
Warum ein Floss und kein Zelt auf dem Kraterrand? Er hat Angst, die Kinder könnten das Zelt zerstören, während er schläft.
Dieses Verhalten ist kindisch und nutzlos. Es verschafft ihm bloss etwas Zeit. Aber der Proviant wird zur Neige gehen. Was dann?
Die Kinder diskutieren, ob sie Sadopapa seinem Schicksal überlassen sollen. Rehborn will nicht. Also warten sie am Kraterrand, lassen sich vereinzelt beschiessen, bis die Pistole fast leer ist.
Vor den Augen des Publikums wirken die Kinder im Regen zunehmend reifer, erwachsener. Während das grossartige Genie auf dem Floss zerbröckelt und zum hilflosen Kind wird.
Einmal wird Anchora ihm vom Ufer aus zurufen 'Wie willst du Rehborn quälen, wenn du alt und schwach bist und Rehborn ist jung und stark?'. Ein weiterer Schock für Sadopapa, der solche Zukunft immer verdrängt hat.
Aber einem Menschen in seinem Zustand helfen Argumente nicht mehr. Alles ist aussichtslos. Sein Blick wandert immer häufiger zur Pistole, wo er sich eine letzte Kugel aufbewahrt.
Rehborn wäre nicht Rehborn, wenn er die Gefährdung Sadopapas nicht spüren und Anchora mitteilen würde. Anchora wäre nicht Anchora, wenn sie nicht nackt zum Floss rüberschwimmen und die schützende Plane lösen und ins Wasser reissen würde.
Sadopapa schreit auf und will auf Anchora schiessen. Die aber ist abgetaucht. Sadopapa im Regen auf dem Floss stehend, ein Bild der Verzweiflung, des Jammers. Wie er die Pistole an seine Schläft richtet.
Ein lauter, angstvoller Ruf vom Kraterrand 'Papa, tu es nicht! Tu es nicht, Papa!'.
Die Verwunderung im Gesicht von Sadopapa, das Zögern. Der Regen tut seine Wirkung. Langsam, unerträglich langsam sinkt die Pistole herab, sinkt der Mann auf die Knie und weint bitterlich.
Jetzt muss ich selber weinen und bin so aufgewühlt, dass ich nicht mehr beurteilen kann, ob das völlig kitschig oder eben konsequent und gut ist. Lassen wir also etwas Zeit verstreichen...
Es sind 24 Stunden vergangen und ich finde die Geschichte immer noch gut. Auch wenn das etwas kitschig sein mag, dass Rehborn seinen Quäler plötzlich Papa nennt. Es ist immerhin die stimmigste Erklärung dafür, warum ein Vierzehnjähriger bei einem Fünfzigjährigen lebt.
Obwohl das Publikum von Anfang an eine Vater-Sohn-Beziehung geahnt hat, dürften im Verlauf der Geschichte diese familiären Gefühle einem Abscheu vor dem Monster gewichen sein. Etliche werden als einzige Lösung des Dramas Sadopapas Tod gesehen und ersehnt haben. Um so überraschender die Wendung, wenn in dem Augenblick, wo eigentlich Blut spritzen sollte, plötzlich Papa ertönt.
Und gut ist auch, dass die Ungewissheit bleibt. Regen oder Papa? Was hat die Bluttat verhindert? So bleibt das Geheimnis des Regens erhalten.
Ob wir mit all den Skizzen unser Bilder-Soll erreichen, ist nicht klar. Viel klarer erscheint mir jedoch, dass der schöne Schwung des Brückenbogens wichtiger ist. Wenn es denn nur 900 Bilder sein sollten, suchen wir halt eine schmalere Schlucht.
Den Schluss gönnen wir uns zum Schluss, als Nachspeise, wenn wir brav all die Skizzen in Mangafilm umgearbeitet haben.
Klinken wir uns wieder ein in den Fluss der Geschichte. Es ist Mittag. Rehborn liegt 'bewusstlos' in der Hütte. Anchora steht in der Küche und schaut dem davontrottenden Monster nach. Ihr Tee-Experiment ist fehlgeschlagen.
Gar nicht so einfach. Soll sie jetzt schnurstracks eine Giesskanne suchen, mit Regen füllen und Sadopapa in der Nacht bewässern? Sollte Anchora nicht einen Augenblick kindlicher Poesie erleben? Würde das der Geschichte und der Figur nicht gut tun?
Kein Spiel mit tanzenden Schmetterlingen im Sonnenschein. Etwas im Regen. Während sie die Giesskanne mit Hilfe eines Trichters vollaufen lässt. Wir können das Publikum nicht dauernd mit Folterszenen und Greueltaten misshandeln. Es braucht eine Pause. Ein Augenblick nur, der an den Zweck des Lebens, die Freude, erinnert. Um wieder Kraft zu sammeln. Auch Anchora ist ja kein Terminator. Ein bisschen Freude wird ihr gut tun.
In den Schneeflocken hat sie schon gestanden. Sie könnte sich köstlich amüsieren beim Bau eines Schneemannes. Nein, das ist zu banal. Es müsste schon eine eigenartige Schneeskulptur sein. Anchora ist schliesslich auch ein geheimnisvolles Wesen.
Aber Schnee ist Schnee und wir wollten doch einen Werbespot für den Regen machen. Wie wäre es mit Bächlein stauen? Anchora könnte ein Rinnsal zu einem Teichlein stauen. Das ist zwar auch ein banales Kinderspiel, aber Anchora wäre bestimmt niedlich anzuschauen dabei. Auch wenn sie allein sind beim Spielen, sprechen Kinder manchmal, erklären sich oder der Welt, was sie gerade tun. Dies würde die Niedlichkeit ernorm verstärken.
So viel harmlose Kindlichkeit ruft nach einem Kontrapunkt. Wie wäre es, wenn wir als Zweitstimme einen kleinen Publikumsschock veranstalten? Neinnein, Anchora soll keinen Käfern die Beine ausreissen und sie dann auf dem Rücken als 'Boote' im Teichlein schwimmen lassen.
Stell dir vor, Anchora führt ihre Selbstgespräche in einer völlig unbekannten Sprache. Obwohl wir anfangs skeptisch waren, was Anchoras ausserirdische Herkunft betrifft, so haben wir uns diesem Gedanken doch schon angenähert. Und Anchoras Schlusssatz 'Was ist das ein 'Mensch'?' lässt ohnehin kaum eine andere Interpretation zu.
Der Publikumsschock besteht darin, dass dieses Mädchen eines der banalsten Kinderspiele spielt und sich dazu in einer ausserirdischen Sprache äussert. Was für ein Kontrapunkt! Und was für eine erregende Zutat, wo unsere Geschichte zwar nicht langweilig geworden ist, aber doch durch ein gewisses Gleichgewicht der Kräfte zwischen Anchora und Sadopapa an Dramatik einbüsst.
Oder ist dieses Gleichgewicht der Kräfte eher ein Gewinn an Dramatik? Ein aussichtsloser Kampf ist ja nicht vor allem spannend, sondern deprimierend. Und jetzt, wo Anchora einen Weg gefunden hat, Widerstand zu leisten, sollte die Hoffnung des Publikums neue Nahrung bekommen und die Spannung steigen.
Das ist ja wie bei Sokrates. Zuerst erzählt er das. Dann das Gegenteil. Und beides klingt überzeugend. Und schliesslich weisst du gar nicht mehr, was gilt. Auf jeden Fall eine heilsame Übung gegen Engstirnigkeit.
Egal ob die Spannung nun lahmt oder zugenommen hat, Anchoras Fremdspracheneinsatz ist ein zusätzlicher Kick. Und nicht nur ein effekthascherischer Schnörkel. Schliesslich ist ein angstfreies Kind schon erklärungsbedürftig.
695: Kaum ist der Ingenieur verschwunden, düst Anchora los.
696: Suchend bewegt sie sich in der Umgebung der Küche, ...
697: ... mal da, ...
698: ... mal dort, ...
699: ... bis sie am Rand eines Gemüsebeets eine mittelgrosse Metallgiesskanne entdeckt.
700: Mit einem Tritt wirft sie die Giesskanne um, so dass sie sich auf den Boden ergiesst, ...
701: ... rast Richtung Küche davon...
702: ... und kommt mit zwei hölzernen Salatschüsseln zurück.
703: Beladen mit der leeren Giesskanne und den Salatschüsseln, stampft Anchora dem Kraterrand entgegen.
704: Anchora hat die Giesskanne in der Mitte des Felsenbänkleins aufgestellt und je eine Salatschüssel rechts und links. Zufrieden betrachtet sie ihr Werk.
Weil Anchora die Dusche in Bild 693 angekündigt hat, weiss das Publikum, was sich hier vorbereitet. Warum haben wir das gemacht, wo wir uns doch geeinigt haben, dass eine Quelle der Spannung die Ungewissheit ist?
Wenn Charaktere ihre Gestalt angenommen haben, ergeben sich zusätzliche Möglichkeiten, Spannung zu erzeugen. Würde am Anfang einer Geschichte ein kleines Mädchen Wasser sammeln, um es einem Erwachsenen über den Kopf zu giessen, wäre das bloss ein todlangweiliger Sonntagsscherz. In unserem Fall aber verbünden wir das Publikum mit Anchora und lassen es mit Herzklopfen und einer Giesskanne auf ein Monster losgehen. Hier ist es gerade das Wissen darum, dass Anchora voll auf ein Desaster zusteuert, welches die Spannung erzeugt. Es ist, als ob wir einer Person zusehen, die blind, aber festen Schritts auf einen Abgrund zugeht.
Nun, da sich das Publikum fest im Sattel der Geschichte wähnt, wollen wir mit dem Fremdsprache-Einsatz für ein Aufbäumen des Pferdchens sorgen.
705: Da es eine Weile dauern wird, bis sich genug Wasser in den Gefässen gesammelt hat, schaut Anchora sich um.
706: Sie tritt an den Rand der Plattform, ...
707: ... wo ihr ein grösseres Rinnsal auffällt, das sich den Abhang hinunterschlängelt.
708: Ihr Gesicht hellt sich auf, wie sie dem Rinnsal verspielt einen Stein in den Weg legt, so dass es sich einen anderen Weg suchen muss.
709: Auch diesen Weg versperrt Anchora...
710: ... und den nächsten, ...
711: ... so dass sich mit der Zeit ein kleiner Stausee bildet.
712: Ganz versunken in ihr Spiel, betrachtet Anchora den Stausee.
713: Mit dem Zeigefinger zieht sie einen Kreis in der Mitte des Seeleins und sagt: "Trak nome wender."
714: Ihr suchender Blick findet einen Stein, der sich gut als Inselchen eignet.
715: Den Stein in der Schwebe über dem Seelein haltend, sagt sie beschwörend: "Manuf plo!"
716: Sie lässt den Stein los und das hochspritzende Wasser trifft auch ihr Gesicht, welches sie etwas verzieht, ...
717: ... um dann fröhlich zu lachen...
718: ... und ihr Inselchen zu bewundern: "Do sen valadin hark."
719: Anchora rappelt sich hoch...
720: ... und trippelt zum Felsenbänklein, ...
721: ... wo sie die vollen Salatschüsseln in die Giesskanne schüttet.
722: Schwer an der vollen Giesskanne und den Schüsseln schleppend, müht sie sich den Abhang hoch.
723: Wieder im Tal, versteckt sie die Giesskanne in einem Gebüsch.
724: Szenenanfang:
Morgengrauen. In der Wohnhütte schlafen Rehborn und der Ingenieur. Anchora
liegt ebenfalls wie im Schlaf da, ...
725: ... ist aber hellwach.
Rehborn muss bei dem 'Experiment' zusehen, sonst kann Sadopapa ihn nicht so gut mitverantwortlich machen. Die Frage ist nur, soll er bereits durch Anchoras Herumhantieren oder erst durch Sadopapas Geschrei geweckt werden. Im ersten Fall könnte er versuchen, Anchora von ihrem Vorhaben abzubringen. Im zweiten Fall würde er aus dem Schlaf hochschrecken und für etwas beschuldigt, was er noch nicht einmal begriffen hat. Diese Ungerechtigkeit wäre typisch für Sadopapa.
Wenn Rehborn Anchora aber nicht nur mit Worten aufhalten will? Wenn er zu ihr rennt und versucht, ihr die Giesskanne wegzunehmen, während das Wasser schon über Sadopapas Gesicht läuft? Dann würde Sadopapa die Augen öffnen und die Kinder stünden über ihm, beide die Giesskanne haltend, deren Inhalt in sein Gesicht spritzt.
Rehborn dafür zu foltern wäre genau so ungerecht, abgesehen davon, dass Folter wohl niemals etwas mit Gerechtigkeit zu tun haben wird, aber viel überzeugender, da er aus Sadopapas Sicht zweifelsfrei an dem 'Angriff' beteiligt war.
726: Anchora schält sich aus den Decken ihres Nachtlagers...
727: ... und trippelt zur Tür.
728: Wie die Tür mit leisem 'Domp' zufällt, erwacht Rehborn.
729: Er dreht sich um und bemerkt, dass Anchoras Nachtlager leer ist.
730: Rehborn stellt sich Anchora auf dem WC vor und versucht wieder zu schlafen.
731: Etwas später reisst ihn ein leises, ungewohntes 'Klong' aus seinem Gedöse.
732: Neugierig schaut er in Richtung des Geräusches und sieht Anchora, welche die für sie schwere Giesskanne neben dem schlafenden Ingenieur auf den Hüttenboden gestellt hat.
733: Rehborn ist völlig verblüfft...
734: ... und beobachtet wie gelähmt, wie Anchora unverzagt die Giesskanne anhebt.
735: Der Bann löst sich und wieselflink schält Rehborn sich aus seinem Lager, während die Brause der Giesskanne sich unerbittlich über den Kopf des Ingenieurs hinbewegt.
736: Schon regnen die ersten Tropfen auf den Kopf des Ingenieurs, da umklammern Rehborns Hände ebenfalls den Griff der Giesskanne, um das Unheil abzuwenden. Rehborn, verzweifelt: "Nicht!"
737: Wie der Ingenieur erwacht, sieht er durch den Wasservorhang über seinem Gesicht die beiden Kinder an der Giesskanne.
738: Mit einem wütenden Schlag fegt er die Giesskanne den Kindern aus den Händen.
739: Glucksend entleert sie sich auf dem Hüttenboden. Das tropfende Gesicht des Ingenieurs ist wutverzerrt.
740: Rehborn ist schreckensbleich. Anchora schaut mit dem neugierigen Blick der Forschenden auf das Ergebnis ihres Experimentes.
741: Ingenieur, mit leiser, vor Wut zitternder Stimme zu Rehborn: "Sieh, Rehborn, wie der Dämon schon wieder Besitz von dir ergriffen hat. Es wird immer schlimmer, seit diese Teufelsportion da ist."
742: Rehborn stottert bleich: "I... Ich... wollte es verhindern."
743: Sich erhebend, sagt der Ingenieur mit schmerzlichem Lächeln: "Du wolltest es verhindern, Rehborn. Aber die Kraft des Dämons war stärker..."
744: Ingenieur, die Hütte verlassend: "Lass uns den Dämon mit der Kraft der Elektrizität verscheuchen."
745: Rehborn hat die Augen geschlossen, drückt die mit der einen Hand umschlungene Faust an die Brust und hat das verzweifelte Gesicht erhoben, als schicke er ein nutzloses Stossgebet zum Himmel. Anchora, stirnrunzelnd: "Warum ist er jetzt nicht gut geworden?"
746: Während Rehborn mit tieftraurigem Gesicht dem entschwundenen Ingenieur folgt, murmelt er: "Es ist der Regen... Der Regen... Nicht das Wasser."
747: Die Hüttentür fällt mit einem 'Domp' hinter Rehborn zu. Anchora starrt ihm nach, während es deutlich in ihrem Gesicht arbeitet.
Wie reagiert Anchora? Versucht sie Rehborn zu helfen, indem sie irgendwie das Foltergerät sabotiert? Oder rennt sie gleich zu den Frostwandprojektoren?
Letzteres dürfte für eine Achtjährige sehr kühl und rational wirken. Einfach an dem schreienden Jungen vorbeizurennen und mit Steinen auf Kristallen rumzukloppen. Anchora hat zwar einen Heuschober voll Selbstvertrauen und kann ganz schön berechnend sein. Aber an Mitgefühl mangelt es ihr keinesfalls. Also wird sie einen Sabotageversuch unternehmen.
Sadopapa wird diesen Versuch vereiteln, sie mit der Pistole im Anschlag zum Teufel jagen und damit jene Situation schaffen, wo ihr gar nichts anderes mehr übrig bleibt als die Zerstörung der Frostwandprojektoren. Auch fürs Publikum ist diese 'Rechtfertigung' angebracht. Schliesslich ist es keine Bagatelle, ein blühendes Tal zu versenken. Es soll nicht der geringste Verdacht auf Anchora fallen, dass es sich bei ihrem Verhalten um die überdrehte Reaktion eines verwöhnten Görs handelt.
Sie hat beschlossen, dass Rehborn nicht mehr gefoltert wird. Und wenn die Überflutung des Tales die einzige Möglichkeit ist, dieses Ziel zu erreichen, dann soll es so sein.
Nun müssen wir uns noch Gedanken über die Art der Sabotage machen. Anchora kann ja nicht einfach in die Mühle spazieren und an den Kabeln der Klaviatur rumnesteln. Sich reinschleichen und hinter dem Holzbrett an den Kontakten fummeln, geht auch nicht. Sadopapa ist schon in der Mühle und der kleine Raum ist zu übersichtlich. Bleiben noch die Panele mit den Solarzellen, die auf die Flügel der Windmühle montiert sind. Anchora könnte raufklettern und die Stromkabel abreissen.
Nur wird sie feststellen, dass das nichts nützt. Die Leistung der Solarzellen wird nicht genügen, um kurz hintereinander Stromstösse dieser Wucht herzustellen. Der Strom wird also in einem kühlschrankgrossen Kondensator oder Akku oder wie das heisst zwischengespeichert. Anchora folgt also den Kabeln, die durch eine Öffnung in der Wand zu dem 'Kühlschrank' führen.
Hm, wenn der Kondensator in der Mühle steht, wie soll Anchora dann an die dicht über dem Boden wegführenden Kabelanschlüsse gelangen? Machen wir es uns einfacher. Wir platzieren die wegführenden Anschlüsse neben den Zuführenden. So kann sie mit einem Stock durch die Wandöffnung stochern und die Stecker rauspullen.
Hier sehen wir, dass es von Vorteil ist, wenn die Zeichnenden die ganze Geschichte kennen, bevor sie anfangen. Erstens fällt es ihnen leichter, passende Charas zu entwerfen. Zweitens steht in unserer Beschreibung des Mühlenraumes nichts von dem Kondensator in Kühlschrankgrösse. Der müsste aber schon bei Anchoras Folterung irgendwo rumstehen. Wir können ja ein wenig helfen und bei Bild 231 einen Satz anhängen.
231: (Text wie gehabt). An einer Wand steht ein kühlschrankgrosser Würfel, von dem zwei Kabel hinter das Brett führen.
748: Anchora begreift, dass sie keine Zeit hat, und ihr Gesicht wird grimmig.
749: Sie rennt aus der Hütte, ...
750: ... Richtung Mühle.
751: Die Mühle im Blickfeld, sieht sie Rehborn darin verschwinden.
752: Anchora steht vor der Mühle und schaut grimmig auf die Tür, wohl wissend, dass sie keine Chance hat, da reinzugehen und die Folter zu verhindern.
753: Ihr Blick wandert die Mühle hoch. Im diffusen Licht des anbrechenden Tages sieht sie die schwarzen Solarzellen auf den Flügeln des Mühlenwindrades.
754: Kurz entschlossen, beginnt Anchora, die Rückseite des bodennächsten Flügels zu erklimmen. Der Lattenrost, auf dem die Solarzellen befestigt sind, bietet ihr Halt wie eine Leiter. Da das Flügelrad nur Attrappe und deshalb starr montiert ist, dreht es sich nicht unter Anchoras Gewicht.
755: Wie Anchora die Flügelradachse erreicht, sieht sie dort die Stromkabel von den Solarpanelen (pro Flügel eines) zusammenlaufen. Gleichzeitig ertönt Rehborns Stöhnen 'Ungh'.
756: Motiviert von Rehborns Schmerzen, setzt sich Anchora eilig auf die hölzerne Achse...
757: ... und beginnt an einem Stromkabel zu reissen.
758: Dieses löst sich aus der Klemme...
759: ... und gleich darauf sind sämtliche Kabel ausgerissen. Um so verblüffter ist Anchora, wie sie Rehborns 'Aahh' hört.
Unsere Bedenken wegen klischeehafter Elemente sind in letzter Zeit seltener geworden. Warum wohl? Liegt es daran, dass es für Mädchen, die Männer im Schlaf mit Giesskannen vollspritzen und an Solarpanelen von Miniaturwindmühlenattrappen die Stromkabel ausreissen, keine Klischees gibt? Es kommt auch äusserst selten vor, dass Achtjährige mit einem Faustkeil auf kristalline Frostwandprojektoren losgehen.
Trotz dieses Fantasieaufwandes beim Möblieren unserer Szenen dürfen wir uns nicht zu sicher vor Klischees fühlen. Die Handlung bleibt unsere Achillesferse. Und gerade weil wir so viel Fantasie in den Szenenschmuck investieren, könnten wir uns davon blenden lassen. Viele Weltraumopern sind nichts weiter als transformierte Western mit ihrer banalen, selbstgerechten Schuld und Sühne-Struktur.
Befreien wir uns für einen Augenblick aus dem Stromkabelsalat, zoomen wir mit der Kamera zurück und betrachten wir die Handlungsstruktur. Das naheliegendste Klischee ist wohl 'Kinder kämpfen gegen übermächtiges Böses'. Die Kinder gewinnen in der Regel durch Raffinesse und indem sie sich eine starke Gegenkraft dienstbar machen.
Auch unsere Kinder sind raffiniert und machen sich schliesslich den Regen als Gegenkraft dienstbar. Bewegen wir uns also in einem ausgetretenen Pfad? Ja, gewiss. Aber das ist nicht schlecht. Das Publikum 'kennt' die Geschichte und fühlt sich zu Hause. Können wir dieses Zuhause mit genug Neuem ausstaffieren, um das Publikum bei der Stange zu halten? Haben wir genug einmalige 'Produktvorteile'?
Schauen wir mal. Unsere Hauptaussage ist der Regen als Gutmacher und Geborgenheitsspender. Das dürfte, angesichts der allgemeinen Regenverdrossenheit, recht unüblich sein. Ein ängstlicher Junge und ein sadistischer Mann sind nichts Besonderes. Auch das etwas durchgeknallte Genie Sadopapas kommt häufig vor. Obwohl es viele unerschrockene Gören gibt, ist unsere Version doch etwas sehr merkwürdig mit ihrem angstfreien Forschungsdrang und dem völligen Fehlen von Wut, Rachegelüsten und Quälvergnügen.
Meistens wird die böse Figur vernichtet, verhaftet oder vertrieben. Unsere wird geheilt. Aber den meisten wird hier der Unterschied zur Austreibung eines Dämons nicht auffallen. Und diese Dämonenaustreibung ist wieder recht üblich.
Als Produktvorteile müssen also die Poesie des Regens, das merkwürdige Mädchen und auch ein wenig die fantasievolle Komposition der Kulissen genügen. Das letzte Wort hat immer das Publikum.
760: Zielstrebig kraxelt sie runter von der Mühle, ...
761: ... folgt, auf dem Boden stehend, mit den Augen den Stromkabeln, welche auf der Hauswand nach unten führen und dreissig Zentimeter über Boden durch eine faustgrosse Öffnung ins Innere der Mühle verschwinden.
762: Die Hauswand besteht aus wenigen Zentimetern dicken Holzbrettern, so dass Anchora gut durch das Loch äugen und den weiteren Verlauf der Kabel erspähen kann. Die Kabel führen zu einem kühlschrankgrossen Würfel mit glatten Aussenwänden, einem Kondensator oder Akku. Gleich neben den Klemmen für die zuführenden sind zwei Klemmen für wegführende Kabel. Diese schlängeln sich auf dem Boden in Richtung Folterbrett. Das Holzbrett mit Rehborn ist nicht zu sehen. Um so besser ist sein schreckliches 'Aaaahhhh' zu hören.
Anchora muss hier scheitern und dabei so viel Lärm machen, dass Sadopapa sie bemerkt. Wie viele Bilder dürfen wir für dieses Scheitern verwenden? Wollen wir es schlank durchziehen, weil's ja nicht so furchtbar spannend ist, an Kabeln rumzuzupfen? Oder machen wir ein kleines Drama draus, das seine Spannung aus den sich steigernden, immer unerträglicher werdenden Schreien Rehborns bezieht?
Ist Anchora erst einmal davongejagt, werden die Schreie nur noch aus der Ferne zu hören sein und dadurch erheblich an Eindringlichkeit verlieren. Während Anchora rennt, um den ersten Frostwandprojektor zu zerstören, könnten wir den Gefolterten in Grossaufnahme einblenden, um die Eindringlichkeit wieder herzustellen. Ein wesentliches Element von diesem Solopart Anchoras aber ist der Zusammenhang zwischen ihrem Rennen und den fernen Schreien, die sie antreiben. Machen wir hier einen Schnitt zu Rehborn, unterbrechen wir diesen Zusammenhang. Gerade dass sie auf Distanz zu hören sind, macht die Schreie unheimlich und die Motivation des Mädchens nachvollziehbar.
Da dies vermutlich die letzte Folterszene ist, gönnen wir dem Publikum noch ein paar Momente der Eindringlichkeit und lassen Anchora mit den Kabeln kämpfen.
763: Anchora greift durch das Loch...
764: ... und grapscht nach den wegführenden Kabeln.
765: Sie reisst daran, aber die dicken Kupferdrähte lösen sich nicht aus den massiven Klemmen.
766: Sie stemmt sich mit der freien Hand gegen die Hauswand und reisst noch mal mit zusammengepressten Zähnen.
767: Sie lässt locker und stösst den Atem aus.
768: Ein schreckliches 'Aaaahhhh' Rehborns lässt ihr Gesicht grimmig werden.
769: Ihren Arm aus dem Loch ziehend, sucht sie den Boden ab, ...
770: ... packt einen faustkeilähnlichen Stein...
771: ... und will ihn durchs Loch schieben, was aber wegen der zuführenden Kabel nicht geht.
772: Anchora hat mit beiden Händen die zuführenden Kabel gepackt und reisst mit aller Kraft daran, sich mit einem Fuss gegen die Hauswand stemmend.
773: Die Kabel reissen aus und Anchora landet mit schmerzlichem Gesicht auf dem Hintern.
774: Begleitet von einem 'Aaaahhh' Rehborns greift Anchora nach ihrem Faustkeil.
775: Den Arm wieder durchs Loch gesteckt, hackt sie mit dem Stein auf den wegführenden Kabeln rum, was ein 'Toc Toc' erzeugt.
776: Aus der 'Sicht' von Anchoras Arm taucht das neugierige Gesicht des Ingenieurs hinter der Würfelkante auf. Das 'Toc Toc' ist nicht zu überhören.
777: Wie der Ingenieur die abgerissenen Kabel und die hämmernde Hand bemerkt, ...
778: ... lässt ihn kalte, entschlossene Wut aus der Türe stürmen.
779: Seine Hand greift nach der Pistole
780: Mit gezogener Waffe stürmt er um die Hausecke und sieht die kauernde Anchora, die den Erfolg ihrer Arbeit durch das Loch in der Wand inspiziert.
781: Anchora dreht den Kopf und sieht den Koloss, der sie mit der Waffe bedroht, ernst an.
782: Frei von Furcht erhebt sie sich, tritt auf den Ingenieur zu und sagt: "Du wirst Rehborn nicht mehr weh tun."
783: Diese Dreistigkeit bringt den Ingenieur zunächst aus der Fassung, ...
784: ... verstärkt dann seine Wut, so dass er abdrückt.
785: Zentimeterdicht geht die Kugel am Kopf des Mädchens vorbei, das wegen des lauten Knalls schmerzlich das Gesicht verzieht.
786: Wieder steht Anchora da ohne Furcht und beobachtet den Wutanfall des Ingenieurs. Dieser brüllt: "Wenn du nicht sofort verschwindest, knalle ich dich ab! ... Verschwinde! Geh aus meinen Augen!"
787: Aufmerksam hört Anchora zu und erfasst den Sinn der Worte.
788: Sie hat begriffen, dass ihre Möglichkeiten hier ausgeschöpft sind, dreht sich schweigend um...
789: ... und stapft davon.
790: Die Pistole des Ingenieurs zielt immer noch dorthin, wo Anchora gestanden hat, während sein stirnrunzelnder Blick dem Mädchen folgt. Ihr Verhalten ist ihm unheimlich.
In unserer Skizze für den weiteren Verlauf steht, dass Anchora während der restlichen Folter die Hälfte aller Frostwandprojektoren zerstört. Das ist Unsinn. Die Folter dauert vielleicht noch eine Viertelstunde. In dieser Zeit kann Anchora unmöglich um den halben Krater rennen und so viel Arbeit leisten. Sie muss sich schon sputen, wenn sie nur einen der Kristalle zerdeppern will.
Obwohl wir den Fortgang der Geschichte weitgehend festgelegt haben und für uns alles 'logisch' abläuft, brauchen wir keine Angst zu haben, dass das Publikum uns durchschaut. Dabei ist Anchora unser Trumpf. Mit ihrem merkwürdigen Verhalten verunsichert sie nicht nur den Ingenieur, sondern auch das Publikum. Mag das Publikum ruhig ahnen, dass der Regen nun ins Tal kommt. Was soll das nützen und wie soll es dann weitergehen? Dem Publikum bleibt nichts anderes übrig, als sich für den Rest der Geschichte an Anchoras Fersen zu heften und sich überraschen zu lassen.
791: Kaum ist Anchora aus der Sicht des Ingenieurs, beschleunigt sie ihre Schritte in Richtung Kraterrand.
792: Missmutig die Waffe wegsteckend, geht der Ingenieur zurück in die Mühle. Das Gör hat ihm den Spass an der Folter verdorben.
793: Anchora erreicht die Frostwand...
794: ... und rennt ihr auf Kraterseite entlang, begleitet von einem fernen 'Aaaahhhh' Rehborns.
795: Anchora sieht vor sich einen Frostwandprojektor. Der fünf Meter hohe, schlanke Kristall ist wunderschön.
796: Sie düst darauf zu...
797: ... und ihre Augen suchen den unteren Teil des Kristalls und das Podestchen ab, auf dem er steht. Vor ihrem geistigen Auge sieht sie ein Bedienelement zum Ausschalten des Kristalls.
798: Schaudernd bewegt sie sich durch die Frostwand, ...
799: ... um auf der anderen Seite dieselbe Inspektion vorzunehmen.
800: Wie sie keine Bedienelemente entdecken kann, zieht Anchora ein langes Gesicht.
801: Da spürt sie den Faustkeil in ihrer Hand, den sie in der Hektik vergessen hat, wegzuwerfen.
802: Sie schaut den Stein an, hört Rehborns 'Aaaahhhh' ...
803: ... und donnert den Faustkeil mit voller Wucht auf Kopfhöhe in den Kristall.
804: Der Kristall hat einen Riss bekommen, bleibt aber stehen.
805: Anchora schaut an dem für sie recht hohen Gebilde empor und stellt sich vor, wie die Trümmer des auseinander fallenden Kristalls sie erschlagen.
806: Schon rennt sie wieselflink ins Tal hinunter, begleitet von Rehborns 'Aaaahhh'.
Nach der Skizze soll sie jetzt einen Hammer an einen Stock binden. Und das ist ja wohl die einfachste Sache der Welt. Aber woher nimmt sie den Hammer?
Was für eine blöde Frage, sagst du. Natürlich aus einer Schublade oder von einer Werkbank.
Dies ist jedoch eher ein dramaturgisches als ein Werkzeugbeschaffungsproblem. Die Frage lautet: Dürfen wir an so später Stelle der Geschichte noch ein weiteres Bühnenbild einbringen nur wegen eines Hammers? Erstens ist es eine Zumutung, die Zeichnenden aus nichtigem Anlass eine Werkstattkulisse entwerfen zu lassen. Zweitens wirkt eine Kulisse, die nicht wirklich gebraucht wird, wie ein Füllstoff, der die Spannung absinken lässt.
Warum das so ist? Eine Örtlichkeit ist wie eine Figur. Das Publikum muss zu ihr erst eine Beziehung aufbauen, bevor die Örtlichkeit dramatische Tiefe bekommt. Am Beispiel des Hackblocks, wo Süssninchen enthauptet wurde, ist dies leicht zu illustrieren. Trotz seines kurzen Auftritts würde ein weiterer Besuch beim Hackblock den Pulsschlag des Publikums beschleunigen, weil die Erinnerung an die grausame Tat mitschwingt.
Vielschichtiger ist es beim Kaninchenstall. Grausame Folter liegt neben herzigen Kaninchen, überlagert von Anchoras Raffinesse, mit der sie Sadopapa austrickst, und gewürzt mit absurdem Humor, wo Rehborn wie am Spiess schreit, während er sich mit Anchora normal unterhält.
Wäre es also klüger, statt zu einer blutleeren Werkstatt zum Hackblock zu eilen und das Beil an einen Stock zu binden? Zweifellos wenn da nicht Sadopapa wäre, der sich gemäss unserer Skizze ein Floss zimmern wird. Er wird dafür eine Werkstatt brauchen. Und darum ist sie nicht mehr blutleer, sondern Bestandteil seiner ingenieurlichen Existenz.
807: Das Gebüsch lichtet sich. Anchora erreicht einen Platz, der von einem grossen, auf mehreren Pfosten stehenden Bretterdach überdeckt wird. Werkzeugschränke und Werkbänke stehen frei herum. Auf den Werkbänken liegen einzelne Werkzeuge.
808: Mit raschem Blick erspäht Anchora einen Hammer mit einer dicken und einer schmal zulaufenden Seite.
809: Anchora verschwindet aus dem Bild. Rehborns 'Aaaahhh' ertönt.
810: Das Mädchen kommt mit einem zwei Meter langen, aus einem Ast gefertigten Stock zurück.
811: Anchora ist dabei, den Stiel des Hammers am Ende des Stockes mit zahlreichen Schnurwindungen festzubinden.
812: Ihren derart verlängerten Hammer wie einen Speer tragend, rennt Anchora, begleitet von Rehborns 'Aaaahhh', zurück zum Frostwandprojektor.
813: Sie steht wieder vor dem Kristall, der bereits einen Riss hat und schwingt, die Hände um das Ende des Stockes gelegt, den Hammer mit der Schmalseite auf den Kristall zu.
814: Mit einem 'Kracks' landet der Hammer auf dem Kristall und mehrere neue Risse bilden sich.
815: Der nächste schwungvoll geführte Schlag lässt den Kristall brechen.
816: Anchora sieht das fast vier Meter lange obere Stück auf sie zu fallen...
817: ... und rennt ein paar Schritte weg. Dicht hinter ihr kracht der Kristall auf den Fels und zersplittert.
Was geschieht jetzt? Reisst die Frostwand hier auf? Oder bildet sie eine Gerade zwischen den beiden benachbarten Projektoren. Bei der Geraden wäre ein Teil der Kraterrundung nicht mehr geschützt und der Regen könnte ins Tal tropfen. Soll die Wand aufreissen, müssen wir uns diesen 'Riss' vorstellen und sagen, wie weit der Regen ins Tal vordringen kann. Wird der Regen als keilförmiges Kuchenstück bis zur Mitte des Tales gelangen?
Woher kämen wohl die 'Seitenwände' des Kuchenstücks? Wir haben ja im Tal keine Projektoren, welche eine Wand von der Talmitte zum Kraterrand errichten könnten. Eine Lücke in der kilometerhohen Frostwand böte den Wolken freien Einlass ins Tal. Sie könnten überall abregnen. Obwohl diese Lücke viel dramatischer wäre, weil sie Sadopapa einen ungeschützten Blick auf die finsteren Wolken und den bedrohlichen Regen ermöglicht, müssen wir auf diesen Effekt wegen fehlender Plausibilität verzichten.
Oder etwa doch nicht? Diese Begradigung der Frostwand beim Fehlen eines Projektors ist doch recht langweilig. Und wenn Anchora fünf Kristalle zerstört hat, ergibt sich ein anderes Plausibilitätsproblem. Haben die verbleibenden Projektoren wirklich so viel Kraft, eine Begradigung über diese grosse Distanz vorzunehmen?
Dieser 'Blickkontakt' Sadopapas mit seinem Feind, dem Regen, ist poetisch viel zu kostbar, als dass wir darauf verzichten dürfen. Lieber passen wir die Geschichte an, indem Anchora gar nicht so viele Kristalle zerstören kann. Sadopapa braucht dann nicht zehn Projektoren auf einmal zu ersetzen. Er kämpft mit ihr Kristall um Kristall.
Wenn wir Anchoras Langhammer brechen lassen, muss sie näher ran, kann den Kristall nur leicht beschädigen, um ihn schliesslich mit Steinwürfen zu erledigen. Da ein achtjähriges Mädchen nicht sehr zielgenau und kräftig wirft, dürfte es ein ziemliches Stück Arbeit sein, einen Kristall zu fällen.
Damit hätten wir auch unser Timing-Problem vom Tisch. Rehborn müsste bald seinen letzten Schrei von sich geben und Anchora hat erst einen Projektor zerstört. Aber mehr braucht es ja auch nicht.
818: Mit grossen Augen beobachtet Anchora die Folgen ihrer Tat. Über dem zerstörten Projektor reisst die Frostwand auf, ...
819: ... immer weiter bis hoch zu den dicken, dunklen Wolken.
820: Mit majestätischer Langsamkeit schieben sich erste Wolkenausläufer in die Frostwandlücke...
821: ... und erste Regentropfen nässen den Abhang zum Tal.
822: Mit geschlossenen Augen lässt Anchora geniesserisch den Regen auf ihr Gesicht prasseln, ...
823: ... bis Rehborns schreckliches 'Aaaaaaaaaahhhhhhhhhh' sie in die traurige Wirklichkeit zurückholt.
824: Rasch trippelt sie zum nächsten Projektor, ...
825: ... schwingt ihren Langhammer...
826: ... und haut ihn, dieses Mal auf etwa zwei Metern Höhe, in den Kristall, ...
827: ... der Risse bekommt. Gleichzeitig bricht der Stock entzwei, so dass der Hammerstiel jetzt nur noch einen Meter lang ist.
828: Den angeknacksten Kristall nicht aus den Augen lassend, packt Anchora den verkürzten Hammerstiel...
829: ... und rennt so weit weg, dass ihr der Projektor nicht mehr auf den Kopf fallen kann.
830: Von dort wirft sie mit Steinen, von denen jeder Zweite trifft und den Kristall leicht beschädigt. Offensichtlich ein zeitraubendes Verfahren.
831: Den bewusstlosen Rehborn auf den Armen, tritt der Ingenieur aus der Mühle. Sein Gesicht ist entspannt. Die Folter hat ihm gut getan.
832: Festen Schritts marschiert er Richtung Wohnhütte.
833: Etwas irritiert ihn und er bleibt stehen, ...
834: ... hebt, nach dem kaum hörbaren Rauschen lauschend, den Kopf, ...
835: ... um sich schliesslich danach umzudrehen, wobei ihm vor Überraschung der Kiefer runterklappt.
836: Für den Ingenieur ist es ein Blick auf das düstere Gewölk der Regenhölle. Durch den Riss in der Frostwand schieben sich bedrohlich Wolken und regnen ins Tal.
837: Mit aufkeimender Wut sagt der Ingenieur zu sich selber: "Diese Höllenbrut..."
838: Fast fürsorglich bettet er Rehborn auf den Waldboden.
Trotz seiner Wut wirft Sadopapa Rehborn nicht einfach zu Boden. Bewusstlos könnte er sich bei dem Sturz verletzen, gar das Genick brechen. Diese fürsorgliche Geste drückt vielleicht weniger Zuneigung als Abhängigkeit aus. Sadopapa kann nicht ohne Rehborn leben. Trotzdem ist es irgendwie anrührend und zeigt, dass Sadopapa letztlich kein Monster, sondern ein kranker Mensch ist.
839: Etwas später stürmt der Ingenieur, bewaffnet mit einem riesigen Regenschirm, durch den noch spärlichen Regen hoch zum Kraterrand.
840: Flüchtig registriert er den zerstörten Projektor.
841: Sei Blick hetzt hin und her, ...
842: ... entdeckt Anchora beim Steine schmeissen.
843: Anchora, die den zweiten Projektor schon ziemlich beschädigt hat, hört hinter sich die harten Schritte auf dem Fels.
844: Ohne sich umzudrehen, rennt sie etliche Meter den Kraterabhang hinab in den Schutz des Regens.
845: Dort dreht sie sich um, sieht den Ingenieur, die Faust ballend, neben dem Kristall stehen und hört sein wütendes Geschrei: "Du verdammte halbe Portion! Bist du verrückt geworden?! Willst du das Tal ersäufen?! Wovon sollen wir leben?! ..."
846: Anchora ruft durch die trichterförmig angelegten Hände: "Du wirst Rehborn nicht mehr weh tun!"
847: Anchora beobachtet, wie die Wut den Ingenieur überflutet und seine Hand sich zur Pistole bewegt.
848: Ohne zu zögern, stiefelt Anchora flink den Hang hinunter.
849: Der Ingenieur zielt auf den kleiner werdenden Punkt Anchora.
850: 'Peng Peng Peng'. Die Kugeln pfeifen an dem Mädchen vorbei.
851: Weiter rennend, hört Anchora den fernen Ruf des Ingenieurs: "Verschwinde aus meinem Leben! Wenn ich dich erwische, bist du tot!"
852: Ausser Schussweite beobachtet Anchora aufmerksam, wie der Ingenieur sich mit seinem Regenschirm zurückzieht.
853: Völlig unbeeindruckt von der Drohung des Ingenieurs, nähert sich Anchora dem beschädigten Kristall, ...
854: ... bringt ihn mit einem Steinwurf zum Einsturz...
855: ... und rennt schon wieder davon.
Wie will Sadopapa die Löcher flicken? Er kann ja nicht gut einen fünf Meter langen Kristall, der bestimmt 200 Kilo wiegt, auf den Schultern hintragen und ihn mit seinen Händen aufrichten. Auch der Einsatz eines mit Kran bestückten Lastwagens empfiehlt sich nicht. Erstens ist der Abhang recht steil. Zweitens passt diese grobschlächtige Technik nicht zu Sadopapa, der eher zu sanfter, intelligenter und umweltfreundlicher Technologie neigt. Dass er ein Sadist ist, hindert ihn nicht daran, auch ein Genie zu sein. Und dass er sein Tal nicht mit Drecktechnik verschmutzen will, ist purer Eigennutz.
Das Material, aus dem der Kristall gefertigt ist, hat einen grossen Einfluss auf das Herstellungsverfahren. Ist es eine Art Diamant, welcher mit Tonnen schweren Pressen hergestellt wird? Oder eher Glas, welches unter hohen Temperaturen in eine Form gegossen wird? Denkbar ist auch ein Kunststoff, der kalt gegossen wird und glasartig aushärtet. Oder ein mit einer Chemikalie gefüllter, grosser Tank, in dem durch elektrische oder chemische Reize Kristalle heranwachsen. Vielleicht wird der Kristall aus einem Pulver in seine Form gepresst und anschliessend in einem Ofen 'gebacken'.
Möglich wäre auch, dass Sadopapa sie gar nicht selber herstellt. Er hätte dann ein Lager aus unterschiedlich geformten Kristallen von einem Meter Länge, die sich an den Enden zusammenschrauben lassen. Oder er hat sie selber hergestellt und in dem Lager für den Notfall gestapelt.
Es gibt eine Möglichkeit, wo Herstellung und Aufbau zusammenfallen. Sadopapa müsste am Standort des Projektors eine leichte und damit tragbare Gussform aufstellen. In die pumpt er flüssigen Kunststoff. Sobald der ausgehärtet ist, entfernt er die Gussform und der Kristall ist fertig. Dazu bräuchten wir aber einen Tank oder Tankwagen für den Kunststoff, eine Pumpe und einen langen Schlauch. Das wirkt irgendwie monströs. Wir sollten das Finale unserer Geschichte nicht mit einem Industriekomplex belasten.
Wie wäre es statt dessen mit einem Freiluftlager? Analog und passend zur Küche wäre da so ein langgestrecktes, frei stehendes Dach. In seinem Schutz steht ein Holzgestell, auf dem die Meterstücke gelagert sind. Daneben steht ein durchsichtiger Tank, in dem ohne weitere Erklärung zu sehen ist, wie neue Kristallstücke heranwachsen. Diese Kulisse würde gut zu unserem bisherigen Design passen, eine Erklärung für die Herkunft der Kristalle liefern und trotzdem nicht zu viel Gewicht für sich beanspruchen.
Wie aber kann Sadopapa die Kristallstücke zusammensetzen, ohne im Regen zu stehen? Er braucht beide Hände zum Tragen und muss bei der Montage auf einer Bockleiter balancieren. Wie soll er da noch einen Schirm halten?
Rehborn muss her. Er muss den Jungen in den Brunnen werfen, um ihn aus seiner Ohnmacht wachzukriegen. Auch wenn das medizinisch fragwürdig ist. Aber wer kann schon genau sagen, wie tief Rehborn wirklich weggetreten ist?
Diese Lösung hat ihren Reiz darin, dass wir den von sich selbst so überzeugten Sadisten vorführen können als verängstigtes Häuflein, das dringend auf die Hilfe seines Opfers angewiesen ist.
856: Mit dem bewusstlosen Rehborn auf den Armen rennt der Ingenieur, von Hast erfüllt, Richtung Küche. Obwohl es hier nicht regnet, schleppt er den Schirm mit.
857: Mit Schrecken bemerkt er den, nach dem Fall des zweiten Projektors, grösser gewordenen Riss in der Frostwand. Für den Ingenieur sehen die eindringenden Wolken aus wie der Weltuntergang.
858: Die Küche mit dem Brunnen taucht auf.
859: Gestresst lässt der Ingenieur Rehborn in den Brunnen gleiten.
860: Der Ingenieur taucht Rehborns Kopf unter Wasser und befiehlt fast flehend: "Wach auf, Rehborn! Wach auf!"
861: Rehborn öffnet unter Wasser die Augen. Er ist völlig verwirrt.
862: 'Kof Kof Kof' hustend, sitzt er im Brunnen. Der Ingenieur hält ihm die Stange des riesigen Regenschirmes hin und befiehlt ungeduldig und wenig einfühlsam: "Los, nimm den Regenschirm! Wir haben keine Zeit zu verlieren."
863: Nichts begreifend, hustend und völlig durchnässt, versucht Rehborn, den Regenschirm umklammernd, mit dem Ingenieur Schritt zu halten.
864: Sie erreichen einen Platz, auf dem ein gut zehn Meter langes, zwei Meter hohes, aus rohem Holz gezimmertes Gestell steht. Es hat mehrere Regale und ist voll von ein Meter langen Kristallstücken. Die Kristallstücke haben am einen Ende einen etwa zwanzig Zentimeter langen und zehn Zentimeter dicken Zylinder und am anderen Ende ein entsprechendes Loch, so dass sie ineinander gesteckt werden können. Wie die Küche ist auch dieses Gestell geschützt durch ein längliches, auf Pfosten stehendes Holzdach. Daneben steht ein vier mal vier Meter messendes Dach, unter dem ein grosser, durchsichtiger Tank steht. In der klaren Flüssigkeit des Tanks wachsen neue Kristalle heran. Neben dem Tank liegt eine vier Meter lange Bockleiter aus Aluminium, die, zu einem umgekehrten V aufgestellt, das Montieren der Frostwandprojektoren ermöglicht.
865: Während der Ingenieur, ohne zu zögern, einen Kristall aus dem Gestell zieht, befiehlt er: "Nimm die Leiter mit!"
866: Den einen Meter langen Kristall mit der einen Hand auf der Schulter fixierend, mit der anderen Hand den Schirm haltend, marschiert der Ingenieur durch den Regen den Abhang hoch zum Kraterrand. Rehborn hat die nicht ganz leichte Leiter in der Mitte geschultert und hält tapfer Schritt.
867: Oben hat Rehborn die Leiter hingelegt und hält den Schirm über den Ingenieur, während dieser den ersten Kristall von fünf mit dem Zylinder ins Loch des gesäuberten Sockels stellt.
868: Der Ingenieur erhebt sich und zieht gleichzeitig die Pistole.
869: Er feuert zwei Schüsse in Richtung des benachbarten Projektors, der noch steht. Rehborn zuckt zusammen.
870: Das Tageslicht, das durch die dunklen Wolken dringt und vom Tal her leuchtet, zeigt deutlich, dass niemand bei dem Projektor ist. Mit einem merkwürdigen Ausdruck, als sei er einer Täuschung erlegen, schaut der Ingenieur hinüber.
871: Anchora ist inzwischen ein erhebliches Stück weitergerannt und steht vor einem Projektor. Sie schwingt den verkürzten Hammer und schlägt möglichst weit oben in den Kristall.
872: Aus sicherem Abstand wirft sie mit Steinen.
873: Die Bockleiter ist aufgestellt. Der Ingenieur steht drauf und ist dabei, das letzte der fünf Kristallstücke einzustecken. Rehborn steht dicht hinter ihm auf der Leiter und beschirmt ihn.
874: Der Ingenieur und Rehborn stehen unten und beobachten, wie sich die Frostwand zwischen dem neu gesetzten Projektor und seinem intakten Nachbarn aufbaut. Der Ingenieur ist sehr zufrieden.
875: Mit frischem Mut treibt der Ingenieur Rehborn an: "Los, der nächste!"
876: Wie der zweite Kristall ersetzt ist, schaut der Ingenieur prüfend in die Runde. Die Frostwand ist lückenlos. Anchora ist es noch nicht gelungen, einen weiteren Projektor zu zerstören.
877: Rehborns Magen knurrt, was den Ingenieur zur Äusserung bewegt: "Ja, lass uns etwas essen. Die halbe Portion wird nicht so schnell aufgeben."
878: Kaum gesagt, bricht wieder ein Stück der Frostwand zusammen. Aufgeregt deutet der Ingenieur auf die Stelle: "Da!"
879: Die beiden rennen los Richtung Kristalllager.
Weil die beiden schneller flicken, als Anchora zerstört, hat die Kleine keine Chance. Sadopapa als Sieger. Dieses düstere Fazit dürfte dem Publikum jetzt klar sein. Gibt das Publikum sich seiner Bedrückung hin? Hofft es auf Rehborn? Oder auf ein Wunder? Manche denken vielleicht, dass Anchora noch einen Trumpf aus dem Ärmel zieht. Wird jemand es für möglich halten, dass Rehborn Sadopapa die Waffe klaut und ihn erschiesst?
Wenn wir es geschafft haben, im Publikum dieses Rotieren von Möglichkeiten, dieses bange Warten auf eine (Er)Lösung zu erzeugen, haben wir ein wichtiges Ziel erreicht: Das Publikum ist gefangen im Netz der Spannung.
Diese Qualität von Spannung ist erst möglich, wenn die Charaktere ein gewisses Entwicklungsstadium erreicht haben. Wenn das Publikum sie so weit kennt, dass eine Verstrickung in Spekulationen möglich wird.
Wenn dieses Spannungsnetz reisst, bleibt im Publikum ein schales Gefühl der Enttäuschung zurück. Wir dürfen also keinen Fehler machen. Keine abstrusen Wendungen. Kein fauler Zauber. Obwohl die Fortsetzung nicht leicht vorhersehbar ist, muss sie dem Publikum als zwingend logisch erscheinen. Wir haben gewonnen, wenn es uns gelingt, das Gefühl einer gleichsam mechanischen Unentrinnbarkeit zu erzeugen. Am Schluss, nach dieser dramaturgischen Seelenmassage wird das Publikum erschöpft sein, aber erlöst aufatmen.
Die Wende zum Guten findet in Rehborn statt. In dem Moment, wo er seine Angst überwindet und sich auf Anchoras Seite schlägt. Etwas Drastisches nur kann Rehborn dazu bringen. Wenn Sadopapa sagt 'Dort draussen wird sie verhungern. Dann haben wir Ruhe.' und Rehborn sich das verhungerte Körperchen vorstellt, dann ist das drastisch genug für einen anständigen Kerl wie ihn, sein Leben in die Waagschale zu werfen.
Aber wie geht es jetzt weiter? Wenn wir das Spiel von Zerstörung auf Aufbau fortführen, wird's langweilig. Das Publikum weiss, wie es geht. Was ist also folgerichtig die nächste Szene, für unseren 'zwingend logischen' Ablauf? In welchem Zeitpunkt der Schlacht wollen wir uns wieder einklinken?
Vielleicht dort, wo nichts mehr geschieht? Wo Anchora vor Erschöpfung eingeschlafen ist? Und dies aus der Sicht der Angegriffenen, die nie recht wissen, wann die Bedrohung wieder da ist. Am besten bei Nacht, wo alles in fahles, gespenstisches Mondlicht getaucht ist.
Kitschig, klischös? Mag sein, aber die Geschichte ist mittlerweile so eigenartig, dass wir dem Publikum dieses vertraute Gefühl und damit einen Haltepunkt gönnen sollten.
880: Szenenanfang:
Es ist Nacht. Im fahlen, gespenstischen Licht des fast vollen Mondes stehen der
Ingenieur und Rehborn in der Küche und kauen schweigend ihre Sandwiches. Die
Frostwand ist intakt. Alles ist ruhig.
881: Ingenieur, kauend, schadenfroh: "Die halbe Portion hat wohl eingesehen, dass es keinen Zweck hat..."
882: Ingenieur zu
Rehborn, wie oben: "Was meinst du, Rehborn?"
Rehborn beeilt sich zu sagen: "Jawohl, Herr Chefingenieur."
883: Ingenieur, die intakte Frostwand musternd, schmerzlich lächelnd: "Dort draussen wird sie verhungern. Dann haben wir Ruhe."
884: Rehborn sieht vor seinem geistigen Auge das verhungerte Körperchen Anchoras und erschrickt zutiefst.
885: Ängstlich schaut er zum Ingenieur auf, ob der etwas von seinem Erschrecken gemerkt hat. Aber der beobachtet weiterhin die Frostwand.
886: Plötzlich spürt Rehborn die Hand des Ingenieurs auf seiner Schulter und zuckt zusammen.
887: Aus dem Off hört er die Stimme des Ingenieurs: "Das kleine Monster wird Hunger haben. Du bewachst unsere Vorräte! Ruf mich, sobald es auftaucht!"
888: Rehborn, wie eine mechanische Puppe: "Jawohl, Herr Chefingenieur."
889: Der Ingenieur verschwindet Richtung Wohnhütte.
890: Rehborn ist allein. Die grauenhafte Panik vor dem Ingenieur und der verzweifelte Wunsch, Anchora zu retten, liefern sich eine Schlacht in Rehborns Gesicht.
891: In diesem Zustand wandert Rehborn um die Küche...
892: ... rastlos.
Du kennst das. Wenn du in einem solchen Zustand innerer Zerrissenheit bist, wo du dich für das eine oder das andere entscheiden sollst, kommst du ganz allein nur schwer zu einem Ergebnis. Es braucht einen äusseren Anstoss, der das lähmende Gleichgewicht in dir kippen lässt. Was hältst du von einem blutigen Beil im Mondschein, das neben dem abgeschlagenen Kopf von Süssninchen im Hackblock steckt?
Gewiss, ein Klischee. Aber in diesem Fall, an diesem Ort der Geschichte eine äusserst wirksame poetische Verdichtung von Sadopapas Sadismus. Auf diesem Hackblock liegt gleichnishaft Rehborns Zukunft. Entweder er entscheidet sich aus Angst, Süssninchen und Opfer zu sein. Oder er greift nach dem Beil und führt damit den Befreiungsschlag gegen die Frostwandprojektoren.
Dieses Bild als Auslöser einzusetzen hat etwas Zwingendes. Das Publikum kann 'sehen', wie es in Rehborns Hirnmechanik klick macht. Damit haben wir 'zwingende Logik' geschaffen.
893: Unvermittelt steht der Hackblock in Rehborns Blickfeld. Das kühle Mondlicht zeigt das im Holz steckende, blutige Beil neben dem abgeschlagenen Kopf von Süssninchen.
894: Rehborn kann sich nicht von diesem Anblick lösen. Es arbeitet in seinem Gesicht, ...
895: ... bis eine traurige Entschlossenheit sich Bahn bricht.
896: Als grosse, symbolische Geste schliesst sich seine Hand um den Griff des Beils.
Eigentlich sollten wir hier unterbrechen und Rehborn mit gefülltem Fresspaket bei Anchora auftauchen lassen. Aber wenn wir ihn noch in einer einzigen Einstellung zeigen, wie er mit dem Beil in der Hand, unter grossem seelischem Druck kaum mehr zurechnungsfähig, auf die Wohnhütte zugeht, wird es aussehen, als gehe er seinen Peiniger erschlagen. Diese Gelegenheit, das Publikum in die Irre zu führen, lassen wir uns nicht entgehen. Und das ist nicht mal ein fauler Trick. Er muss tatsächlich zur Wohnhütte, Anchoras Lampion holen, sonst sind die Kinder ganz im Dunkeln.
897: Steif wie ein ferngesteuerter Golem, mit halb zum Schlag erhobenem Beil bewegt sich Rehborn in Richtung Wohnhütte.
Gleich wird Sadopapa sterben. Die beiden Kinder leben glücklich im paradiesischen Tal. Und wenn sie nicht gestorben sind, ...
898: Szenenanfang:
Schwer bepackt, das Beil und einen langen Stock in der einen, das leuchtende
Lampion in der anderen Hand, nähert sich Rehborn Anchora, die erschöpft auf dem
Felsenbänklein schläft.
Hat Rehborn Sadopapa erschlagen? Das Publikum ist im Ungewissen. Setzen wir noch einen drauf und lassen ihn mit dem Beil auf Anchora zugehen. Er wird doch nicht...! Das Publikum kann sich nicht sicher sein bei diesem wortkargen Kerl. Ist er unter dem übergrossen seelischen Druck zusammengebrochen? Ist er durchgedreht und erschlägt nun alle? Ein Befreiungsschlag gegen alles, was ihn an Panik und Folter erinnert? Wird er nach dem Blutbad in den Regen hinausgehen, verschmelzend mit dem Grau. Ende, aus. Woher weiss das Publikum, dass ihm nicht ein solches Ende blüht?
899: Rehborn ist von hinten zu sehen, wie er vor Anchora steht. Langsam hebt sich seine Hand mit dem blutigen Beil, als wolle er Anchora erschlagen.
900: Doch wie der Stock, den er auch noch in der Hand hält, senkrecht steht, ...
901: ... setzt er ihn mit einem 'Toc' auf dem Boden auf.
902: Rehborns Gesicht zeigt Stress, wie er ruft: "Anchora, Anchora!"
903: Die Kleine schlummert friedlich weiter.
904: Rehborn rüttelt sie an der Schulter und ruft wie oben: "Wach auf, wir haben keine Zeit!"
905: Anchora blinzelt, ...
906: ... lächelt, wie sie Rehborn sieht, ...
907: ... und sagt, sich aufsetzend: "Ich habe Hunger."
Hier bietet sich Gelegenheit für ein lustiges Bild. Anchora muss mit beiden Händen Rehborn bei der Zerstörung der Projektoren helfen, während sie ein grosses Stück Brot im Mund hat, das die Hälfte ihres Gesichtes verdeckt. Gleichzeitig ist dieses Bild eine schöne Charakterisierung von Anchora. Es zeigt, wie dieser ewig hungrige Fratz seine Fressgier und sein entschlossenes Handeln unter einen Hut zu bringen versteht.
Selbstverständlich müssen wir auch die Zerstörungstechnik verbessern. So, wie Anchora das gemacht hat, bringt das nichts.
908: Anchora sieht Rehborns Hand mit einem grossen Stück Brot vor ihrem Gesicht.
909: Gierig schlägt sie ihre Zähne ins Brot, ...
910: ... um mit grossen Augen zu verharren, während das Brot ihr halbes Gesicht verdeckt, und Rehborns gestresstem Ruf aus dem Off zu lauschen: "Komm, es bleibt keine Zeit!"
911: Rehborn hält ihr den Stock hin, ...
912: ... den sie, ohne zu zögern, ergreift.
913: Anchora hat sich ihr Lampion wieder wie beim Säen auf den Rücken gebunden. Rehborn mit dem Beil und Anchora mit dem Stock hetzen den Abhang hoch.
914: Sie stehen neben einem Frostwandprojektor. Rehborn erläutert gehetzt seinen Plan: "Ich hacke ihn um und du schiebst mit dem Stock, damit er nicht auf mich fällt."
915: Mit dem riesigen Stück Brot im Mund hat Anchora den langen Stock mit beiden Händen gepackt und drückt auf halber Höhe gegen den Kristall. Wie ein Holzfäller holt Rehborn mit dem Beil zum Schlag gegen den untersten Teil des Kristalls aus.
916: Der kräftig geführte Schlag lässt die Hälfte des Kristalldurchmessers wegsplittern.
917: Der zweite Schlag bringt ihn zu Fall. Mit vor Anstrengung verkniffenem Gesicht schiebt Anchora mit ihrem Stock.
918: Der Kristall zersplittert am Boden. Rehborn schaut ernst. Anchora hüpft vor Freude und macht 'Juhuuu'.
919: Rehborn, dem nicht nach 'Juhuuu' zumute ist, rennt schon zum nächsten Projektor. Etwas verblüfft schaut ihm Anchora nach, ...
920: ... wieselt dann, so schnell sie kann, ihm nach.
Das Publikum ist jetzt überzeugt davon, dass die Kinder ganze Arbeit leisten, bis Sadopapa erwacht. Also brauchen wir hier nicht länger zu verweilen und können gleich zu diesem Erwachen überblenden.
921: Szenenanfang:
Die folgende Szene wird, wo nichts anderes steht, bis zu seinem Aufwachen aus
der Sicht des Ingenieurs gezeichnet. Das Publikum soll nicht merken, dass dies
ein Traum ist.
In der gleissenden Mittagssonne kommt Anchora auf allen Vieren angekrochen. Sie
ist völlig erschöpft. Ihr bittender Blick ist auf den Ingenieur gerichtet.
Anchora, schwach: "Hunger... bitte... Herr Chefingenieur..."
In Sadopapas Traum sagt Anchora korrekt 'Herr Chefingenieur'.
922: Anchora schleppt sich näher, den flehenden Blick unverwandt auf den Ingenieur gerichtet.
923: Da taucht im Blickfeld des Ingenieurs sein ausgestreckter Arm auf, in der Hand die Pistole, welche auf Anchoras Kopf zielt. Die Augen des Kindes wechseln von Bitten zu Erschrecken.
924: Während sich der Finger in einer Zwischeneinstellung langsam um den Abzug krümmt, ...
925: ... zeigt Anchoras Gesicht wachsende Verzweiflung, wie sie begreift, dass sie gleich sterben wird.
926: Aus der Sicht des Ingenieurs löst sich der Schuss aus der Pistole...
927: ... und durchbohrt den im Entsetzen gefrorenen Kopf Anchoras.
928: Während die Pistole langsam absinkt, sinkt der Körper des Kindes in den Staub, ...
929: ... wo er reglos liegt in seinem Blut.
930: Der Ingenieur steht da, die Arme schräg nach unten ausgebreitet, das Gesicht mit geschlossenen Augen der Sonne zugewandt, ein Bild der totalen Erlösung.
931: Finsternis mit dem Geräusch des Rauschens und dem Satz 'Das Blut rauscht in meinen Ohren'.
932: Aus der Perspektive des Nachtlagers ist das Schindeldach der Wohnhütte zu sehen. Und ein deutliches Prasseln ist zu hören.
933: Vom Schindeldach herab gesehen, liegt der Ingenieur wie im Traum mit schräg abgewinkelten Armen auf seinem Nachtlager und starrt verblüfft zur Decke.
Wie zeigen wir jetzt Sadopapas Panik? Wir können ihn nicht wie ein nervöses Huhn durch den Raum rennen und mit den Armen flattern lassen. Seine Selbsteinschätzung würde ihm ein solches Verhalten nicht erlauben. Wie viel von seinem Selbstbild als souveräner Ingenieur kann die Panik wegspülen?
Normalerweise reagiert er auf Angst mit Wut und Sadismus. Offensichtlich erscheint ihm ein solches Verhalten 'männlich' genug. Wut ist angemessen. Verzweiflung für Schwächlinge. Hat er eine Wahl? Sein Tal ist am Ersaufen. Diese Bedrohung hat eine ganz andere Qualität als ein frecher Satz von Anchora. Und schon bei Anchora hat er die Beherrschung verloren. Ganz zu schweigen von dem Regen, der ihn mit seiner unheimlichen persönlichkeitsverändernden Eigenschaft bedroht.
In diesem Moment weiss er wohl nicht weiter. Er hat vielleicht Mühe zu begreifen, was hier passiert. Weil er sich weigert, die Tatsachen zu akzeptieren, um sich vor der lauernden Panik zu schützen. Sein fassungsloses Gesicht hinter der Fensterscheibe, durch den Regen gesehen.
Er wird nur so viel Begreifen zulassen, dass er noch zu einer kindischen Reaktion fähig ist - zum Bau eines Flosses. Die Fassungslosigkeit, diese Weigerung zu begreifen, wird ihn schützen vor der Verzweiflung. Und mit Hilfe einer hektischen, wenn auch sinnlosen Betriebsamkeit kann er diese Fassungslosigkeit aufrechthalten.
Gibt es eine Alternative? Wenn die Panik sich Bahn bricht, wird er kaum mehr als ein schlotterndes Häufchen Elend sein. Spätestens wenn das Wasser seine Hütte zu überschwemmen beginnt, wird er die Pistole ziehen und sich erschiessen. Beide Reaktionen sind möglich, Verdrängung oder Selbstmord. Aber in unserer Geschichte wollen wir ja nicht den Selbstmord zeigen, sondern die Heilung.
934: Stirnrunzelnd steht er auf.
935: Durch einen Vorhang von Regen ist ein Fenster der Wohnhütte von aussen zu sehen. Dicht hinter der Fensterscheibe hängt das käseweisse Gesicht des Ingenieurs mit einem Ausdruck völliger Fassungslosigkeit.
936: Die Kamera geht näher, so dass nur noch die Scheibe sie vom Gesicht des Ingenieurs trennt. In diesem vollzieht sich eine merkwürdige Wandlung. Während der Grundausdruck der Fassungslosigkeit in der Mundpartie bleibt, kommt eine nervöse, wahnhafte Konzentration dazu, welche sich in Stirn und Augen bemerkbar macht. Diesen Gesichtsausdruck behält der Ingenieur bis zum Schluss dieser Szene.
937: Mit dem Schirm bewaffnet, stürzt der Ingenieur aus der Wohnhütte in Richtung Werkstatt.
938: Im Schutz des Werkstattdaches ist der Ingenieur dabei, aus Holzbalken und Baumstämmen ein Floss zu zimmern. Er steht schon knöcheltief im Wasser.
939: Es ist Nacht. Das Floss ist geschützt mit einer zeltartig aufgespannten Plane. Es treibt auf dem meterhohen Wasserspiegel zwischen Bäumen und eventuell einem Dach.
940: Unter der Plane hockt der Ingenieur zwischen Essensvorräten und Decken und starrt auf den leuchtenden Kristall, den Rehborn beim Säen auf dem Kopf getragen hat.
Irgendwie müssen wir dem Publikum die Selbstmordgefährdung Sadopapas signalisieren. Ob es uns gelungen ist, mit dem Anblick der trostlosen Gestalt einen Hauch von Mitgefühl mit einem Monster zu erzeugen? Wohl eher nicht. Aber ein Wink mit dem Selbstmordpfahl könnte die Genugtuung des Publikums in Mitleid kippen lassen 'Das dann doch nicht!'. Daher dürfen wir ruhig ein einfach verständliches, hammermässiges Klischee verwenden.
941: Erst jetzt ist neben dem Kristall die Pistole zu sehen. Sie liegt leicht erhöht auf einer zusammengefalteten Decke, als habe jemand sie für eine Zeremonie hingebettet.
Was ist mit den Kaninchen passiert? Alle ertrunken, gefangen im Käfig mit steigendem Wasser? Wenn Anchora dieses Massensterben als 'Nebenwirkung' ihres Verhaltens einfach so hinnähme, würde sie das in ein kaltes Licht rücken.
Wir könnten das Thema auch verschweigen. Das Publikum ist ja genug abgelenkt von den dramatischen Ereignissen. Trotzdem würden sich einige die Kaninchenfrage stellen. Lasst sie uns also beantworten. Die Kinder haben die Kaninchen gerettet. Damit schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Die Kinder erscheinen warmherzig und wir haben ein süsses Bild im Regen.
942: Szenenanfang:
Immer noch Nacht. Im Schein des Lampions sitzen Anchora und Rehborn auf dem
Felsenbänklein und essen etwas. Um sie herum hoppeln die geretteten Kaninchen.
Etliche zum Teil aufgerissene Säcke mit Kaninchenfutter stehen herum.
943: Anchora: "Was willst du machen mit Herrschefinscheniör?"
944: Rehborn, überrascht von der Idee, dass er, der Winzige, etwas mit ihm, dem Gigantischen, 'machen' könnte: "Machen?"
945: Anchora: "Wir können weggehen und er bleibt auf dem Ding."
946: Rehborn,
etwas abwesend, weil er sich Anchoras Vorschlag überlegt: "Floss... Das
ist ein Floss... Einfach weggehen? ... Nein, das geht nicht."
Anchora mustert Rehborn mit ihrem forschenden Blick.
Wir wissen nicht genau, welches Rehborns Beweggründe sind, nicht einfach abzuhauen und seinen Peiniger zurückzulassen. Zum einen ist er der Vater. Zum andern hat Rehborn vielleicht Angst davor, die Zukunft allein bewältigen zu müssen. Jedenfalls ist es nicht leicht, aus festgefügten Verhältnissen auszubrechen, die immerhin eine gewisse Sicherheit bringen, auch wenn sie qualvoll sind. Für die Spannung ist es nur gut, wenn das Publikum mit uns rätselt.
947: Anchora nimmt Rehborns Hand zwischen die ihren.
948: Wie Rehborn sie anschaut, sieht er ein Lächeln und einen entschlossenen Blick. Er versteht nicht.
949: Die Kinder liegen da und schlafen. Jedes mit einem Kaninchen im Arm. Das eingesteckte Lampion spendet mildes Licht.
Nun kommt schon Bild 950. Wir sollten also nicht trödeln und das Drama mit Sadopapas Selbstmordanwandlung in einer Szene durchziehen. Allerdings dürfen wir uns dabei nicht dem Diktat der 1000 Bilder unterwerfen. Ob die Geschichte jetzt 950 oder 1200 Bilder hat, ist völlig wurscht. Unsere Ein-Band-Geschichte wird eben einfach etwas dünner oder dicker. Auch haben die Zeichnenden eh freie Hand und wir sind längst über 1000 Bildern.
Der Vergleich mit der festgefügten Schlucht, über die wir unsere Geschichtsbrücke schlagen, ist demnach nicht richtig. Um das Bild zu retten, müssen wir halt den vollendeten Brückbogen an einer schmaleren oder breiteren Stelle der Schlucht einsetzen. Die Hauptsache ist, dass der Bogen gelingt und kein vermurkstes Ende hat.
Ist es zulässig, das Drama in einer Szene abzuhandeln, oder haben wir uns von den 1000 Bildern stressen lassen? Es gibt einen guten Grund, die Flossgeschichte nicht zu breit auszuwallen. Die Kinder hocken auf dem Felsenbänklein, Sadopapa auf dem Floss. Die beiden Parteien können sich nicht bewegen, nichts miteinander tun. Es herrscht ein Patt. Dramaturgisch ist das ungeschickt, weil bald öd und langweilig.
Demnach dürfte es keine ungehörige Verkürzung der Geschichte sein, wenn wir die einzig mögliche Auseinandersetzung zwischen den Parteien in einer Szene abhandeln. Zur Einstimmung zeigen wir noch einmal Sadopapa, wie er auf die Pistole starrt. Dann weiss das Publikum, dass er die ganze Nacht an Selbstmord gedacht hat.
950: Szenenanfang:
Es ist Morgen. Unverwandt starrt der Ingenieur auf die Pistole neben dem
Kristalllicht.
951: Eine Stimme reisst ihn aus seinen Gedanken: "Komm mit, Herrschefinscheniör! Wir wollen gehen!"
952: Wut flackert über sein Gesicht und wie fremdgesteuert ergreift er die Pistole...
953: ... und feuert im Schutz der hochgeschlagenen Plane einen Schuss auf Anchora, die mit trichterförmig um den Mund gelegten Händen am Kraterrand steht.
954: Als habe das Projektil sie getroffen, wird Anchora umgerissen.
955: Aber es war nur Rehborn, der sie in Deckung gezerrt hat. Etwas verblüfft über Rehborns Kraft und Schnelligkeit liegt Anchora auf dem Jungen, dessen schmerzlicher Blick von den spitzen Steinen in seinem Rücken zeugt.
956: Anchora krabbelt von Rehborn runter...
957: ... und äugt schon wieder dreist über die Hügelkuppe zum Floss. Der Regen hat das Tal mittlerweile aufgefüllt. Der Ingenieur ist im Zelt verschwunden.
958: Anchora ruft: "Wie willst du Rehborn quälen, wenn du alt und schwach bist..."
959: Mit grossem Erschrecken hört der Ingenieur den Schluss von Anchoras Satz: "... und Rehborn ist jung und stark?!"
960: Der Blick des Ingenieurs ruht auf der Pistole, die schwach rauchend in seiner Hand liegt.
961: Anchora spürt, wie Rehborn an ihrem Ärmel zupft.
962: Gross und neugierig schaut sie ihn an. Blass und betroffen von seiner Erkenntnis, sagt Rehborn leise: "Er wird sich umbringen..."
963: Mit ernster Konzentration denkt Anchora nach.
964: Zur Verblüffung von Rehborn beginnt Anchora sich auszuziehen. Anchora, mit grimmiger Entschlossenheit: "Der Regen muss ihn heilen."
965: Verwirrt beobachtet Rehborn Anchora, die nackt in den Kratersee watet, ...
966: ... um auf das Floss zuzuschwimmen, ...
967: ... wo sie die Befestigungsriemen der Plane aufzuknüpfen beginnt.
968: Sie löst sämtliche Riemen.
969: Sich mit den Füssen vom Floss abstossend, reisst sie die Plane vom Dreiecksgestell.
970: Der wie gelähmt auf die Pistole starrende Ingenieur spürt den Regen, ...
971: ... schaut überrascht nach oben, wo die Plane fehlt, ...
972: ... dreht sich um und sieht, wie das Ende der Plane vom Gestell ins Wasser fällt.
973: Während die Plane, wie von Geisterhand bewegt, vom Floss wegschwimmt, lassen Wut und Panik den Ingenieur aufspringen und ein lautes 'Aaaaahhhhh' ausstossen.
974: Schlotternd richtet er die Pistole auf die Plane, aber kann kein Ziel finden.
975: Blankes Entsetzen lässt ihn die Pistole gegen seinen Kopf richten.
976: Anchora schwimmt unter Wasser weg von der Plane...
977: ... und taucht im Rücken des Ingenieurs auf, wo sie die Pistole auf seinen Kopf gerichtet sieht.
978: Eben will Anchora etwas rufen, da hört sie Rehborns Schrei vom Kraterrand: "Papa, tu es nicht! Tu es nicht, Papa!"
979: Trotz der Panik zeigt das Gesicht des Ingenieurs auch ein Quentchen Erstaunen. Drohend hängt die Pistole neben seiner Schläfe. Der Regen trommelt auf seinen Kopf.
980: Allmählich zieht sich die Panik aus seinem Gesicht zurück. Das Erstaunen wird deutlicher.
981: Ein Ziehen am Pistolenarm lenkt ihn ab.
982: Die nackte Anchora zieht die Hand zu sich herunter...
983: ... und nimmt dem Ingenieur die Pistole weg wie einem kleinen Kind ein gefährliches Spielzeug.
984: Anchora, mit grossem Wurf die Pistole in den Kratersee schmeissend: "Blödes Ding."
985: Anchora nimmt die riesige Hand und sagt ernsthaft zu dem Mann, der nicht weiss, wie ihm geschieht: "Du musst nicht Anst haben. Anst ist blöd."
Uff, ob wir wohl was geschaffen haben, das dem Publikum unter die Haut geht?
In unserer Skizze haben wir Sadopapa auf die Knie sinken und bitterlich weinen lassen. Aber irgendwie ist es sonnenklar, dass Anchora aufs Floss klettert und ihm die Pistole wegnimmt. Vielleicht kann das Publikum befreit auflachen oder wenigstens schmunzeln, wenn der Gequälte zum Schluss noch Anchoras Weisheit ertragen muss. Und diese humorvolle Erleichterung ist allemal besser als ein Bad in Tränen. Zumal ein solches Verhalten voll der inneren Logik von Anchora entspringt.
Wie geht's weiter? Ich stelle mir grad das Luftschiff aus der Distanz vor. Darüber eine Sprechblase von Anchora 'Kannst du fliegen? Das ist ganz einfach. Du musst zuerst diesen Knopf drücken, dann diesen und diesen und diesen und diesen, dann hier drehen und das ziehen und...' und eine mit Sadopapas 'Ähm...'.
Wohin fliegen sie? Die verschollene Besatzung suchen? Irgendwie passt es mir nicht, einen Grund, ein Ziel angeben zu müssen. Dass eine Besatzung vorhanden war, weiss das Publikum, weil Anchora 'Hallo?' gesagt hat, als sie aus ihrem Schlafzimmer kam. Müssen wir die Besatzung thematisieren? Können wir ihr Verschwinden nicht als Rätsel stehen lassen?
Ist es nicht viel poetischer, wenn das Schiff aufsteigt in eine ungewisse Zukunft? Was fangen die drei jetzt an? Kann Rehborn seinem Vater je verzeihen? Wie entwickelt sich die Beziehung zwischen Rehborn und Anchora? Wo ist die Besatzung? Woher kommt das Schiff? Und warum ist es gekommen? Und das Regengebiet. Wird es verlassen bleiben? Werden die Menschen dorthin pilgern, um gut zu werden?
Das Publikum wird sich diese Fragen so bewusst und konkret nicht stellen. Aber es wird sie 'spüren'. Die Kunst der Poesie ist es, Gefühle, Einschätzungen zu vermitteln, ohne sie auszusprechen. Die Poesie vermittelt Bedeutungen, für die wir keine Worte haben. Die Poesie erschafft neue Bezeichnungen, weil sie Wörter mit neuen Bedeutungen erfüllt.
Wenn du jemandem dein Gefühl im Regen erklären willst und du sagst 'Im Regen fühle ich mich seltsam geborgen.', dann kann jemand, dem es nicht so geht, das zur Kenntnis nehmen, mehr nicht. Sagst du aber 'Wenn ich im Regen spaziere, muss ich an 'Plitsch' denken.', löst du in der Person, die 'Plitsch' kennt, ein 'Plitschgefühl' aus. Vielleicht wird sie dann auch so eine Ahnung von Geborgenheit spüren und dich verstehen. Dank der Poesie, die diese neue Bedeutung für Plitsch geschaffen hat.
Poesie erweitert die Sprache und damit das Denken.
Lassen wir die Geschichte also mit den Schwingungen all dieser Ungeklärtheiten ausklingen? Riskieren wir zum Schluss nicht sogar eine falsche Betonung, wenn wir auf einem Detail wie der Besatzung herumkauen? Oder wirkt im Gegenteil die Geschichte dadurch, dass wir die Besatzung haben verschwinden lassen, konstruiert und unglaubwürdig? Sollten wir nicht dieses 'Hallo?' zu Beginn einfach streichen und dann wäre Anchora halt alleine gekommen. Wie sie am Schluss beweist, kann sie ja mit dem Luftschiff umgehen.
Das Luftschiff wäre dann wohl eine Art Schulwegfahrzeug für interstellaren Schulbesuch und Anchora vom Weg abgekommen, weil sie den Autopiloten falsch eingestellt hat. Die Idee ist zwar lustig, aber uns sind die Hände gebunden. Mit einem solchen galaktischen Szenario verkommt unser Regengebiet zu einem bedeutungslosen Witz.
Es scheint, je mehr wir erklären und rechtfertigen wollen, desto mehr zerstören wir das poetische Gefüge. Das Geheimnis des Luftschiffs ist Bestandteil der Atmosphäre. Und das Rätsel um die Besatzung ist eine andere Geschichte. Eine, die hier am Schluss beginnen könnte. Wie so viele andere Geschichten auch hier beginnen könnten. Riskieren wir das Schweigen.
Beantworten wir lieber deine Frage, warum wir denn die ganze Zeit vom Schluss reden, wo wir doch noch gar nicht so weit sind. Wir wissen nämlich noch gar nicht, wie unser Trio ins Luftschiff gelangt.
Unsere Beschäftigung mit dem Schluss dient der Abklärung dieser Frage. Die drei stehen jetzt sozusagen auf dem Kraterrand im Regen, indem wir den Schluss kennen, können wir sie sauber 'hinein' geleiten. Und du willst ja wohl nicht bestreiten, dass der Schluss einer Geschichte ziemlich wichtig ist für die Gefühle, mit denen das Publikum unser Buch zuklappt.
Unsere Schlussidee mit Anchoras Frage 'Was ist das ein 'Mensch'?' haben wir schon recht früh gehabt. Was nichts anderes heissen will, als dass du die Schlussidee irgendwann haben kannst. Vielleicht steht sie sogar ganz am Anfang fest und du entwickelst die Geschichte passend dazu, 'rückwärts' sozusagen.
Der Zeitpunkt für die Schlussidee spielt also keine Rolle. Sehr wohl aber die Qualität. Ist sie immer noch gut? Oder schmeckt sie plötzlich schal und abgestanden?
Ich finde den Start des Luftschiffes ins Ungewisse und die Frage Anchoras nach dem Menschen immer noch gut. Wir bekleckern den Regen nicht mit ablenkenden Geschichtsperspektiven. Wir erzeugen einen kleinen Schock, indem wir die Ahnung des Publikums, Anchora komme von 'ausserhalb' noch bestärken. Und angesichts der persönlichkeitsverändernden Wirkung des Regens bekommt die Frage, was ein Mensch sei, eine zusätzliche philosophische Bedeutung. Ein angemessener und gleichzeitig wuchtiger Ausklang.
Unsere Aufgabe ist jetzt, die Geschichte in die Mündung unseres Schlusses fliessen zu lassen.
Die letzte Szene hört mit einem riesigen Fragezeichen auf: Wie hat sich Sadopapa verändert und wie werden die drei fortan miteinander umgehen? Diese Frage trägt jetzt die Hauptspannung. Ergänzt durch die im Gebüsch lauernde letzte Frage nach dem Ende der Geschichte.
Beobachten wir unser Publikum. Das Monster ist 'tot', die Bedrohungsspannung weg. Die Anspannung hat sich gelöst, eine gewisse Erleichterung breitet sich aus. Genug der Grausamkeiten. Ein sanfter Ausklang, eine kleine Hoffnung, ein Flügelschlag aus Zärtlichkeit.
Manche werden enttäuscht sein, weil Sadopapa zu wenig gelitten hat. Ihr Rachedurst ist nicht gestillt. Wir müssen sie enttäuschen. Denn zur Erfahrung dieser Geschichte gehört, dass ein Mensch nicht gleichzeitig durch Rache zerstört und durch ein Wundermittel geheilt werden kann. Wir müssen uns entscheiden zwischen der Genugtuung der Rache und den Freuden des Friedens.
Wie geht es weiter? Sadopapa hat sich verändert. Wenn wir ihn als handelnde Figur einsetzen wollen, müssen wir zuerst wissen, wie es in ihm aussieht.
Stellen wir uns das mal vor. Wir stehen auf dem Floss ohne jede Zukunft. Der Regen wird gleich unsere Persönlichkeit verändern. In einem gewissen Sinn werden wir also gleich sterben. Da machen wir der Sache lieber selber ein Ende, solange wir die Lage noch beherrschen, und richten die Pistole an unsere Schläfe. Der Regen prasselt auf unseren Kopf. Wir zögern. Wer will schon wirklich sterben? Das von Rehborn gerufene 'Papa' dringt in unser von Panik umnebeltes Bewusstsein. Bilder und Gefühle aus einer längst vergangenen, endgültig verloren geglaubten, verdrängten Zeit tauchen auf. Eine Frau, ein Kind, die Sehnsucht nach Geborgenheit, der Verlust. Die Verzweiflung, dass es für Sadisten wie uns keine Geborgenheit gibt.
Verwundert stellen wir fest, dass der Regen ein schönes Stück der Panik weggeprasselt hat. Als würde eine reinigende Säure durch unser Gehirn laufen, werden die schmerzhaften Verkalkungen ausgewaschen. Unsere Erinnerungen gehen nicht verloren. Unsere Persönlichkeit verändert sich kaum merklich. Es ist bloss dieses lüsterne Verlangen zu quälen, das entschwindet. Wir greifen nach ihm, um den letzten Gipfel einer lebenslangen, lieben Gewohnheit zu erhaschen. Da greift etwas nach unserem Arm und zieht ihn herunter.
Ein kleines, nacktes Mädchen nimmt uns die Pistole weg und wirft sie ins Wasser. Wie Lava sollte jetzt heisse Wut emporsteigen. Doch nichts dergleichen. Da ist bloss eine kleine, weiche Hand und die belehrende Stimme dieses winzigen und doch so starken Persönchens, das uns eben das Leben gerettet hat.
Längst verloren geglaubte zärtliche Gefühle, befreit von der derben Wollust des Quälens und der Glut der Wut, beginnen sich zu regen. Verwirrt erleben wir, dass wir nicht gestorben und als Fremdling wiederauferstanden sind, sondern bloss verleugnete Aspekte unserer Persönlichkeit zu neuem Leben erwachen. Als habe jemand die Betonungen in unserer Seelenmusik neu verteilt.
Neben unserem enormen intellektuellen Selbstvertrauen, das wir als genialer Ingenieur besitzen, steht ein zwischenmenschlicher Gefühlsembryo. Wir werden also von den Kindern lernen müssen, mit 'netten' Gefühlen umzugehen. Auch unsere Sprache, jahrzehntelang aufs Verletzen und Herabwürdigen trainiert, bedarf einer gründlichen Überholung.
Nach diesen Überlegungen wird Sadopapa, pardon Papa, emotional unbedarft und sprachlich zwischen unbeholfen und verletzend sein. Das ist immerhin schon hilfreich. Aber es wird nicht leicht sein, diese Figur überzeugend auftreten zu lassen. Diese Mischung aus Genie, Kind und sadistischen Sprachreflexen hat ein komisches Potenzial. Vielleicht gelingen uns ein paar humorvolle Augenblicke.
Die andere von Papas Wandlung stark betroffene Figur ist Rehborn. Der Regen hilft ihm ohne seelisches Trauma über die Folterungen hinweg. Und in dem Masse, wie der Schatten des Monsters von ihm weicht, wird er den sympathischen Kerl zeigen, der in ihm steckt. Vielleicht schaffen wir es sogar, Rehborn lachen zu lassen.
Jetzt fehlt nur noch eine passende Szene im Regen. Zwischen hier, wo die drei auf dem Kraterrand stehen, und dem Schluss ist alles grau wie eine zu hell geratene, liegende Schiefertafel. Es ist nicht leicht, mit der neuen Situation fertig zu werden. Nach so viel Dramatik können wir nicht einfach eine glückliche Familiennummer abziehen. Das wäre unglaubwürdig und langweilig.
Papa muss sich zurechtfinden. Rehborn Vertrauen gewinnen. Nur Anchora ist, wie sie ist. Zwei sind also eher mit sich selber beschäftigt. Es herrscht Sendepause. Schweigen.
Aber können wir 'Schweigen' inszenieren? Und zwar so, dass uns das Publikum nicht davonläuft?
Oder braucht es vielleicht gar keine ausführliche Inszenierung mehr? Genügt es etwa, wenn Rehborn dem 'Herrn Chefingenieur' etwas sagt und dieser antwortet mit 'Nenn mich Papa'? Und dann kommt die Szene, wo sie ins Luftschiff gehen und fertig?
Das Schweigen. Der Gang durch den Regen. Das Schweigen bis zur Unerträglichkeit. Papa bricht endlich die Stille 'Dieses Lampion brennt aber lang. Findest du nicht, Rehborn?'. Rehborn antwortet mechanisch 'Ja, Herr Chefingenieur'. Anchora erklärt, dass es fast ewig brennt, weil es mit derselben Energie arbeitet wie das Schiff. Papa und Rehborn staunen. Damit hätten wir auch diese Bemerkung zu Anchoras aussergewöhnlicher Energiequelle unter Dach. Ein bisschen Science Fiction muss ja auch noch sein. Das Publikum ist gespannt, um welches 'Schiff' es sich da handelt.
Wieder Schweigen. Endlich sagt Papa 'Nenn mich Papa' und Rehborn 'Ja, Herr... ja, Papa.'. Nun kommt das Luftschiff in Sicht.
Weniger ist mehr. Diese schlichte Andeutung, dass sich das Verhältnis zwischen Vater und Sohn entspannt und normalisiert, enthält wesentlich mehr Dramatik als ein peinliches, herbeigemurkstes Bad im schulterklopfenden Versöhnungsschlamm. Kein herzliches Lachen von Rehborn. Keine charmesprühenden Reden Papas. Die beiden brauchen Zeit. Und einen neuen Anfang.
Was mit dem Start des Luftschiffes mit wohl nicht zu überbietender Symbolik gezeigt wird.
Ich muss wieder an die Schiefertafel denken. Sie war wohl doch kein Bild für Leere und Fantasielosigkeit. Mit ihrer Schlichtheit wollte sie uns womöglich warnen 'Macht jetzt bloss keinen Karneval!'. War sie ein Symbol des Schweigens?
Wie genau beginnt die nächste, die letzte Szene? Sie werden wohl kaum dumm am Kraterrand rumstehen und unschlüssig vor sich hinstarren. Wenn wir den Moment zeigen, wo Anchora sie auffordert, mit ihr zu gehen? Da hätten wir die letzte Szene nicht zu unterbrechen brauchen. Das Floss muss ja nur noch an Land befördert werden, dann kann Anchora ihre Aufforderung bringen.
In einer kurzen Geschichte muss jede Szene verstärkt auf ihre Berechtigung hin überprüft werden. Macht es Sinn zu zeigen, wie die drei das Floss zum Kraterrand bugsieren und danach die Lebensmittel abladen? Das ist weder spannend noch informativ. Wenn nicht sogar überflüssig. Das Schiff ist etwa einen zügigen Tagesmarsch vom Krater entfernt. Diese Strecke können die drei gut Genährten auch mit knurrendem Magen problemlos zurücklegen.
Beim Tagesmarsch kommt wir in den Sinn, dass die Kleine da nicht mithalten kann. Wie wäre es, wenn wir Papas Wandlung spürbar machen mit dem Bild, wie er Anchora auf dem Rücken trägt? Anchora könnte schlummern, wenn Papa das 'Nenn mich Papa' ausspricht. Dadurch wären die beiden Männer unter sich. Und das würde die Verletzlichkeit dieser zarten Annäherung betonen. Kein Publikum, das störend dazwischenquakt, dumme Sprüche beisteuert oder gar lacht. Ein geschützter Raum, wo die ängstlichen Fühler zweier Seelen sich für einen rettenden Augenblick berühren.
Um die Wucht des Schweigens zu entfalten, fangen wir besser nicht mit Anchoras Geplapper 'Kommt mit, ich weiss, wo es Essen hat' an. Wir fangen mit dem bereits begonnen Marsch und dem Schweigen an.
986: Szenenanfang:
Im Dämmerlicht des schwarz bewölkten Regentages stapft Anchora zielstrebig
durch die Landschaft in Richtung ihres Luftschiffes. Das leuchtende Lampion
baumelt über ihr. Der Haltestock ist an ihrem Rücken befestigt. Es folgen
Rehborn und der Ingenieur.
987: Rehborn möchte sich gern nach dem Ingenieur umdrehen, um zu sehen, wie's ihm geht, traut sich aber nicht.
988: Der Ingenieur geht in aufrechter Haltung. Sein Blick ist abwesend, als suche er in sich seine neue Persönlichkeit.
989: Anchora merkt davon nichts. Ihr Blick ist zielstrebig und forschend geradeaus gerichtet.
990: Schweigend bewegt sich die Karawane durch den endlosen Regen.
991: Später kommen sie an dem Felsen vorbei, wo Anchora mit dem Wolf übernachtet hat.
992: Niemand sagt ein Wort. Rehborn wirkt etwas verloren. Das Schweigen verunsichert ihn.
993: Das vor seinen Augen tanzende Lampion dringt ins Bewusstsein des Ingenieurs.
994: Ingenieur denkt mit gerunzelter Stirn: 'Muss sie dieses Ding nie aufladen?'
995: Endlich
bricht der Ingenieur das Schweigen und sagt fast freundlich: "Dieses
Lampion brennt aber lange. Findest du nicht, Rehborn?"
Rehborn, leicht erschrocken über die plötzliche Anrede: "Ja, Herr
Chefingenieur."
996: Anchora,
weiterstapfend, belehrend: "Es hat die Kraft vom Luftschiff. Es brennt
fast ewig."
Der Ingenieur und Rehborn sind erstaunt und verwirrt zugleich.
997: Später trägt der Ingenieur die erschöpft schlummernde Anchora auf seinem Rücken. Rehborn geht neben ihm.
998: Rehborn wirft einen schüchternen Blick auf das ernste Gesicht des grossen Mannes, der unverwandt auf den Horizont schaut.
999: Auch Rehborn schaut wieder geradeaus und beide gehen schweigend nebeneinander.
1000: Die Kamera fährt
etwas zurück, so dass sie von hinten zu sehen sind. Ingenieur: "Nenn mich
Papa."
Rehborn: "Ja, Herr..."
1001: Wie oben. Rehborn: "Ja... Papa."
1002: Ganz fern ist das Leuchten des Luftschiffes zu sehen.
1003: Anchora ist wieder auf den Beinen. Sie zieht den Ingenieur und Rehborn ungeduldig auf den Eingang des Luftschiffes zu. Anchora: "Ich habe Hunger."
1004: Die Eingangstüre schliesst sich hinter den dreien.
1005: Das Luftschiff
von aussen. Anchora ist nur zu hören, schmatzend: "Kannft du fliegen? Daf
ift ganz einfach. Du mufft zueft diefen Knopf dlücken, dann diefen und diefen
und diefen, dann hiel dlehen und da ziehen und..."
Ingenieur oder Rehborn, nur zu hören: "Ähm..."
1006: Geräuschlos, ohne sichtbaren Antrieb, wie durch einen Zauber steigt das vermeintliche Haus langsam empor.
1007: Etwa hundert
Meter über Boden bewegt es sich gemächlich davon. Der folgende Dialog spielt
sich auf diesem Schlussbild ab.
Ingenieur oder Rehborn: "Anchora, woher kommst du?"
Anchora: "Von weit."
Ingenieur oder Rehborn: "Bist du kein Mensch, Anchora?"
Anchora: "Was ist das ein 'Mensch'?"
Tataaa, wir haben es geschafft!
Die Frage ist bloss, was haben wir geschafft? Erinnern wir uns:
Ein Dauerregen, der die Menschen auf mystische Weise von ihren Widerwärtigkeiten befreit, wenn sie sich ihm lange genug aussetzen. Das zärtliche Prasseln des Regens wärmt das Herz und schafft Augenblicke der Geborgenheit, die hell leuchten im melancholischen Grau.
Ob uns das gelungen ist? Wir sind wohl zu befangen, um das zu entscheiden. Das weiss nur das Publikum.
Jedenfalls hat die Geschichte eine mächtige Eigendynamik entwickelt und es ist schwer zu sagen, ob wir jetzt ein Regengedicht oder eine Abhandlung über Sadismus geschrieben haben. Aber ist das wichtig?
Ein Teil des Publikums ist vielleicht tief beeindruckt über den Gedanken, Sadismus zu heilen. Der Regen wäre dann genau so nass und lästig wie vorher, weil er ja nur poetisches Hilfsmittel zur Illustration des Heilgedankens war.
Andere nehmen sich ein Beispiel an Anchoras Unerschrockenheit und finden neuen Lebensmut. Auch für sie bleibt der Regen nass, ist poetisches Beigemüse.
Manche mögen sich wiederfinden im tapferen Rehborn, dessen Treue zu seinem Vater ein heroisches Ausmass erreicht. Einer, der durch die Hölle wandert, um einen geliebten Menschen zu erretten. Regen? Ach ja, da war, glaub ich, viel schlechtes Wetter.
Die Nüchternen wollen wir nicht vergessen. Ihnen haben die Kreationen des Ingenieurs Eindruck gemacht. Vor allem die Frostwandprojektoren, die den Regen fernhalten. Sie träumen von ewigem Sonnenschein und fragen sich, wann es die wohl zu kaufen gibt.
Bestimmt gibt es mehr Arten, unsere Geschichte zu 'verstehen', als wir uns vorstellen können. Dabei können wir nur hoffen, dass niemand, aber auch wirklich niemand auf die Idee kommt, seine Kinder nun ebenfalls in kleine Käfige zu sperren. Das wäre so ziemlich das Gegenteil von dem, was wir gewollt haben.
Leider sind wir machtlos gegen den Missbrauch unserer Gedanken. Wie beim Kopierschutz für Computerprogramme sollte es einen Gedankenmissbrauchsschutz geben. Wir könnten unsere Gedanken damit stempeln. Und sobald jemand sie für Übles missbrauchen will, lösen sie sich im Gehirn auf. Ähm, was wollte ich eben?
Letztlich ist es nicht wichtig, ob die Leute nun den Regen lieber mögen oder nicht. Wir haben diesen Gedanken als Ausgangspunkt gebraucht. Er war der Katalysator, der die Gedankenfelder in unserem Kopf zu einer Geschichte gefügt hat. Hauptsache, der Grossteil des Publikums profitiert auf die eine oder andere Weise davon.
Es macht Spass, geistigen Profit zu schaffen.
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Hier kannst du Plitsch ohne mein Gesülze lesen ^_~ : http://viviane.ch/tips&trix/mangastory/plitsch.htm